Hinter dem Horizont

28. Juni 2013 – 15. Januar 2014
Hinter dem Horizont. Sach- und Wissenskultur ländlicher Oberschichten im Jeverland zwischen 1650 und 1850

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Der Titel der Ausstellungen „Hinter dem Horizont“, die ab dem 28. Juli 2013 in Jever und ab dem 11. August 2013 in Cloppenburg gezeigt werden, nimmt in doppeltem Sinne Bezug auf eine besondere Situation in den jeverländischen Marschen und den angrenzenden Geestgebieten, die einerseits von einem von der Aufklärung bestimmten weiten geistigen Horizont der Oberschicht auf dem Lande bestimmt war und andererseits auf die überregionalen wirtschaftlichen Kontakte zu den Nordseeanrainern und darüber hinaus verweist. Diese Erweiterung des Aktionsradius der Angehörigen der Oberschichten, spürbar seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, hatte Auswirkungen auf Geschmack und Konsumwünsche – auch in scheinbar abgelegenen Landstrichen.

Die Exponate reichen vom „bäuerlichen“ Brautschrank bis zur silbernen Branntweinschale und dem modischen Empirekleid. Nicht nur das Neue und Fremde war schick, es galt auch, die lange Familientradition zu betonen, z.B. durch Möbel, die über Generationen hinweg weiter vererbt wurden. So entstand eine einzigartige Wohn- und Repräsentationskultur auf dem Lande.

Die Ausstellungen basieren auf einem dreijährigen von der Volkswagen-Stiftung geförderten Forschungsvorhaben, in dem neben den beiden Museen in Cloppenburg und Jever auch das Staatsarchiv Oldenburg und die Abteilung „Frühe Neuzeit“ der Carl von Ossietsky-Universität Oldenburg intensiv zusammengearbeitet haben.

Während die Präsentation im Museumsdorf Cloppenburg der Frage nachgeht, woher die ländliche Bevölkerung im Ammerland und dem Oldenburger Münsterland neue „Trends“ empfing und wie die Oberschichten ihr Selbstverständnis nicht nur durch ihren Besitz, sondern auch durch Bildung und den Anspruch auf politische Ämter kultivierten, widmet sich die Ausstellung im Schlossmuseum vor allen Dingen der Hinterlassenschaft der Oberschichten in den jeverländischen Marschen und gewährt auch einen Blick auf den Wissensdurst und die Leselust, die die kleine Herrschaft Jever mit der Residenzstadt um 1800 ausgezeichnet haben.

Das Schloss zu Jever war lange Zeit Mittelpunkt einer kleinen Herrschaft. Allerdings residierten die jeweiligen Landesherrn vom 17. bis zum 19. Jahrhundert oft weit entfernt und ließen sich vor Ort von Beamten vertreten. Für die Menschen in Stadt und Land bedeutete dies Chancen auf Freiräume, wenn es ihnen gelang, angestammte Rechte zu behaupten. Die Bauern in der Marsch mit eigenem Besitz, die sog. Hausmänner oder -leute, profitierten besonders davon, dass sich im Jeverland keine adelige Schicht etablieren konnte. Mit altem Herkommen und Standesbewusstsein setzten sich diese Hausleute von denjenigen ab, die nur kleine Hofstellen bewirtschafteten oder wie Lohnarbeiter, Mägde und Knechte in direkter Abhängigkeit lebten.

Die Familien der wohlhabenden Marschenbauern webten nicht nur unter einander verwandtschaftliche Netzwerke, sondern auch mit den Angehörigen der Kaufmannschaft, den Handwerkern, fürstlichen Beamten und Akademikern. Sie waren im Deich- und Sielwesen, im Kirchen-, Armen- und Schulwesen oder gar als landschaftliche Vertreter auch politisch aktiv. Als „Unternehmer-Landwirte“ erwirtschafteten sie hohe Erträge, die dann in Pachtland, die Kreditvergabe, stattliche Gulfhäuser, repräsentatives Interieur oder die Ausbildung der Kinder investiert wurden.

Die Kontakte über die Sielhäfen, die auswärtige Beamtenschaft, die fremden Kaufleute und Reisenden mit ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund ließen eine Gesellschaft entstehen, die in der frühen Neuzeit zwar in das Beziehungsgeflecht von Herrschaft, Stadt und Land eingebunden war, aber dennoch einen weiten Horizont besaß.

Der wirtschaftliche Wohlstand und die besonderen politischen Verhältnisse in den friesischen Marschen ließen die führenden Kräfte als eigenständige Schicht erscheinen. Ihr hoher Bildungsstand wird in den Landesbeschreibungen des 18. und 19. Jahrhunderts immer wieder hervorgehoben. Dieser Führungsschicht war es möglich, ihren Kindern eine umfassende Bildung zuteil werden zu lassen.

Ein weiter Horizont öffnete sich durch das Wissen und die Chancen, neue Eindrücke durch Reisen in die europäischen Metropolen zu gewinnen. Zahlreiche Fremde, die Militärs, die Kaufleute und auswärtige Beamte erweiterten das Weltbild. Gerade die Ideen der Aufklärung, die Bildung als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben propagierten, fielen im Jeverland, in dem die Grundherrschaft keine Rolle spielte, auf fruchtbaren Boden. Der „lateinische Bauer“ und die „Lesesucht“, die in der konservativen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts immer wieder diskutiert wurden, haben in den friesischen Marschen durchaus Beispiele gefunden.

Die Einrichtung und Ausstattung der Häuser spiegeln ebenfalls den Horizont seiner Bewohner wider. Deren Interesse lag aber nicht nur in der Rezeption und Diskussion literarischer Werke, politischer Kontroversen und historisch-landeskundlicher Untersuchungen. Es bezog sich auch auf die Entwicklung von patriotischen – im Sinne des Merkantilismus und der Aufklärung argumentierenden – Zukunftsvisionen, die technische Neuerungen im Bereich der Landwirtschaft, der Be- und Entwässerungstechnik und der Nutzung von Ressourcen beinhalteten. Naturforschung hatte für diese Laien-Forscher Unterhaltungswert; Experimentierkultur, Bildung und die Teilhabe an der Wissenschaft gehörten für diesen Personenkreis zum Selbstverständnis.

» Weitere Informationen

Die Ausstellungen

Schlossmuseum Jever
28. Juni 2013 – 15. Januar 2014

Schlossmuseum Jever
Schlossplatz 1
26441 Jever
04461-96935-0
www.schlossmuseum.de

Öffnungszeiten:
Mai-Oktober: täglich 10.00 -18.00 Uhr
November-April : Di – So 10.00 -18.00 Uhr

Museumsdorf Cloppenburg
11. August 2013 – Mai 2014

Museumsdorf Cloppenburg
Bether Str. 6
49661 Cloppenburg
04471-9484-0
www.museumsdorf.de

Öffnungszeiten:
März – Oktober: 9.00 – 18.00 Uhr
November – Februar: 9.00 – 16.30 Uhr

Unsere Förderer

Das Forschungsvorhaben „Hinter dem Horizont…“ der Museen in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesarchiv – Staatsarchiv Oldenburg und der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit – Carl von Ossietzky Universität Oldenburg wurde ermöglicht mit Mitteln der Volkswagen-Stiftung und deren Fördervorhaben: Forschung in Museen.

Die Ausstellungen im Museumsdorf Cloppenburg und im Schlossmuseum Jever werden gefördert durch:

Land Niedersachsen
Oldenburgische Landschaft ↑ mit Mitteln der Landes Niedersachsen
Niedersächsische Sparkassenstiftung
Stiftung Kunst und Kultur der LzO
Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg

Wir danken unseren Förderern und den vielen privaten und institutionellen Leihgebern.

Das Projekt ist dokumentiert in zwei Publikationen: ↑ www.aschendorff-buchverlag.de ↑. Der Ausstellungsbegleitband kann im Museumsshop des Schlossmuseums erworben werden.

Land der Entdeckungen 2013

Land der EntdeckungenKulturtouristisches Themenjahr „Land der Entdeckungen 2013“

Die Ausstellung im Schlossmuseum Jever ist zugleich Bestandteil des kulturtouristischen Themenjahrs „Land der Entdeckungen 2013“, das im Zeichen der Archäologie und der Geschichte Ostfrieslands steht.

Weitere Informationen: ↑ www.ostfriesland.de ↑.