Ländliche Eliten

Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Hinter dem Horizont“

„Hinter dem Horizont …“ – Bäuerlich-bürgerliche Eliten in den friesischen Marschen und den angrenzenden Geestgebieten. Dokumentation, Erforschung und Präsentation des Bestandes an Sach- und Schriftkultur (2. Hälfte 17. – 1. Hälfte 19. Jahrhundert)

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„‚Hinter dem Horizont‘ … Bäuerlich-bürgerliche Eliten in den friesischen Marschen und den angrenzenden Geestgebieten“ – so heißt ein gemeinsames Forschungsvorhaben des Museumsdorfs Cloppenburg (Prof. Dr. Uwe Meiners), des Schlossmuseums Jever (Prof. Dr. Antje Sander), des Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Oldenburg (Prof. Dr. Gerd Steinwascher) und des Instituts für Geschichte der Universität Oldenburg (Prof. Dr. Dagmar Freist).

schnupftabakdose-1 Schnupftabakdose „Mit Erlaubnis“, Papiermaché, lackiert, bemalt, um 1800 (Schlossmuseum Jever)
Friedlich vereint greifen von links nach rechts ein Franziskanermönch, ein aufklärerischer Freigeist, ein Moslem, ein evangelischer Geistlicher und ein Jude in eine Schnupftabakdose. Dieses Motiv religiöser Toleranz war bei den führenden bäuerlich-bürgerlichen Schichten des friesischen Jeverlandes, die Handelskontakte im gesamten Nordseeküstenbereich pflegten, um 1800 beliebt. Man gab sich weltoffen, traf sich in Lesezirkeln, Theater- und Musikkreisen und nutzte diese Foren zu aufklärerischer Diskussion und Gedankenaustausch.

In dem Projekt wird die Sach- und Schriftkultur der nordwestdeutschen bäuerlich-bürgerlichen Elite von der 2. Hälfte des 17. bis in die 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts untersucht. Der gewählte Zeitraum erstreckt sich zwischen der Erweiterung der Handelsbeziehungen nach dem 30-jährigen Krieg bis zu den einschneidenden Veränderungen der Industrialisierung, die den angesprochenen Eliten großen wirtschaftlichen Erfolg bescherte. Die sachkulturellen und schriftlichen Hinterlassenschaften dieser Bevölkerungsgruppe sind in den beteiligten Museen und Archiven weder systematisch erfasst noch erforscht. Auf der Basis der Dokumentation verfolgt das Projekt das Ziel, durch eine Verknüpfung wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlicher Fragestellungen das Selbstverständnis dieser Bevölkerungsgruppe nachzuzeichnen, ihr Innovationspotenzial zu untersuchen und damit einen Beitrag zu einer differenzierteren Betrachtungsweise der vormodernen ländlichen Gesellschaft in Nordwestdeutschland sowie ihrer interkulturellen Verflechtungen zu leisten.

Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Erforschung, Dokumentation und Präsentation des Bestandes an Sach- und Schriftkultur von ca. 1650 bis 1850. Der geistige Horizont der bäuerlich-bürgerlichen Führungsschicht in den friesischen Marschen und den angrenzenden Geestgebieten war zu dieser Zeit durchaus nicht hinterwäldlerisch, sondern geprägt durch weit reichende Wirtschaftskontakte und internationale Verflechtungen. Die Quellen belegen zahlreiche europäische Handelsnetzwerke, die Partizipation an globalen Märkten sowie ein ausgeprägtes Konsumverhalten. Die bäuerlich-bürgerliche Elite war sich ihrer herausgehobenen Position sehr wohl bewusst und kultivierte ihr herrschaftliches Selbstverständnis durch Besitz, Bildung, exklusiven Lebensstil und Anspruch auf politische Ämter. In den Sammlungen der beiden Museen und des Staatsarchivs finden sich Familienchroniken, Rechnungs- und Haushaltsbücher, Inventare und Korrespondenzen und vor allem Gegenständen der Sachkultur des ländlichen Patriziats der Region in seltener Fülle.

Dieser in vielerlei Hinsicht einzigartigen Gesellschaft auf die Spur zu kommen und damit auch neuere interdisziplinäre Forschungsansätze für die Museumsarbeit und die Wissenschaft zu gewinnen, ist eines der wichtigsten Ziele des Vorhabens. Dabei soll die vorhandene Sach- und Schriftkultur in engem Austausch wissenschaftlich dokumentiert und erforscht werden. Tandembetreuung, Kolloquien und Workshops bieten den Rahmen für die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Bereitstellung von Archivalien im Internet, eine Ausstellung samt Katalog und eine internationale Tagung mit Publikation werden die Forschungsergebnisse sowohl einem wissenschaftlichen Publikum als auch der breiten Öffentlichkeit bekannt machen.

Das Projekt hat seine Arbeit am 1. Juni 2010 aufgenommen und wird von der VolkswagenStiftung im Rahmen der Initiative „Forschung in Museen“ gefördert. Mit der Initiative will die VolkswagenStiftung Museen als Forschungseinrichtungen stärken und Sie bei der Erforschung ihrer Sammlungen unterstützen. Vor allem die Institutionen übergreifende Kooperation, die Zusammenarbeit mit WissenschaftlerInnen des Instituts für Geschichte der Universität sowie die Förderung von NachwuchswissenschaftlerInnen in den Museen wird von der Volkswagenstiftung begrüßt.

» Weitere Informationen

Projekt-Webseite

» Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Ländliche Eliten“ (nicht mehr online) ↑

Projekt-Partner des Schlossmuseums

Museumsdorf Cloppenburg
Niedersächsisches Landesarhiv – Staatsarchiv Oldenburg
Institut für Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
VolkswagenStiftung – Forschung in Museen