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Tschako der preussischen Armee
Tschako der preussischen Armee. Modell der Jahre 1892-1895. Höhe: 16,5 cm.
Kulturhistorisch-volkskundliche Museen wie das Schloßmuseum Jever weisen häufig
einen recht disparaten Sammlungsbestand auf. Aufgrund einer heute zumeist nicht mehr nachvollziehbaren Sammelkonzeption früherer Tage finden sich dort neben den ausgewiesenen Spezialgebieten Einzelstücke unterschiedlichster Provenienz in bunter Mischung. Doch auch als wegen des fehlenden Hintergrundes kurios anmutende museale Objekte können sie bestimmte Aspekte der Geschichte repräsentieren. Zu diesen gehört der hier vorgestellte Tschako (scherzhaft auch "Hurratüte") der preussischen Armee vom Ende des 19. Jahrhunderts.
Der Tschako ist weder Hut noch Helm, sondern eine militärische Kopfbedeckung ungarischen
Ursprungs mit Schild bzw. Stirnschirm und zylinderförmigem Oberteil (ungar. csákó; deutsche Schreibweise bis 1931 Czako). Er bestand ursprünglich aus Filz, später aus schwarzlackiertem Leder. Vermutlich um 1800 unter dem Einfluß
des damals modernen Zylinderhutes entstanden, wurde er 1806 von Napoleon in das französische Heer eingeführt, um den bis dahin üblichen Dreispitz der Infanterie zu ersetzen. Preußen (1807) und andere Länder folgten bald darauf. 1843 löste die Pickelhaube den Tschako bei den preussischen Truppen ab, da sie besseren Schutz vor Angriffen mit dem Säbel gewährleisten sollte. Nach relativ kurzer Zeit (1854) kam man jedoch für
Spezialeinheiten wieder auf den Tschako in verkleinerter und niedrigerer Form zurück.
Insbesondere bei den Jäger-Abteilungen mit ihren Sonderaufgaben (z. B. Scharfschützen, Aufklärung) hatte sich die Pickelhaube mit ihren blinkenden Beschlägen als wenig zweckmäßig erwiesen. Die Form und Größe des Tschakos schien allgemein für spezielle Dienstverrichtungen vorteilhafter, so daß zwischen 1895 und 1912 verschiedene Truppenteile wie die Nachschub- und Versorgungseinheiten, die Telegraphen-Bataillone, die Luftschiffer, die Marine-Infanterie sowie die Maschinengewehrabteilungen mit dem Tschako ausgerüstet wurden. Er unterschied sich von dem der Jäger nur durch die unterschiedliche Helmzier. Auch Polizei, Gendarmerie sowie Landwehrtruppen wurden verschiedentlich mit dem Tschako versehen, bis ihn 1871 die Pickelhaube reichsweit ersetzte. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges blieb er allein der Schutzpolizei vorbehalten, die Armeeabteilungen trugen fortan den während des Krieges 1916 eingeführten Stahlhelm. In dieser Funktion als Teil der Uniform der Polizei diente er bis in die 1950er Jahre als allgemein
übliche Kopfbedeckung, allerdings mit dem aus dem Gardestern hervorgegangenen zwölfstrahligen Polizeistern als Helmzier. Anschließend fand er noch Anwendung bei besonderen Anlässen wie Paraden etc. Erst 1969 wurde der Tschako von den letzten
Bundesländern gänzlich abgeschafft.
Kenner und Sammler werden mit Recht bemerken, daß dieser Tschako nicht vollständig
erhalten ist, womit er sicherlich an die Grenzen einer noch tolerierbaren
Ausstellungswürdigkeit stößt. Aufgrund einiger Indizien ist eine zeitliche und
geographische Zuordnung jedoch leicht möglich. Die Helmzier ist das deutlichste
Erkennungsmerkmal der Tschakos der einzelnen ehemaligen Länder des Deutschen Reiches wie
auch der jeweiligen Truppengattungen. In der Regel stellte der heraldische Adler das Grundmotiv
dar. Die hier vorliegende preussische Helmzier mit den Initialen F. R.
("Fridericus Rex") auf der Brust des Adlers und dem seit 1860 eingeführten
Spruchband "Mit Gott für König und Vaterland" über Leib und Schwingen
weist dabei eine Besonderheit auf. Die in der Literatur angeführten Exemplare zeigen alle
die Reichsinsignien (Krone, Zepter, Reichsapfel) in den Fängen des Adlers nach oben
gewandt. Unser Adler dagegen läßt den Reichsapfel seitlich nach unten sinken.
Weiter besitzt dieser (Mannschafts-)Tschako die seit 1888 auf jeder Seite unterhalb des
Deckelbundes vorhandenen schwarzlackierten Lüftungsscheiben aus Messing mit sieben kleinen
Löchern (der Wärmestau blieb aber auch weiterhin eine der lästigen Eigenarten
dieser Kopfbedeckung, so daß sie im "Volksmund" häufig nur "Dunstkiepe"
genannt wurde). Schließlich finden wir an ihm einen Sturmriemen mit zwei Messingschnallen
und den 1892 modifizierten Befestigungsknöpfen. Ab 1895 erschien der Tschako etwas
niedriger und mehr der Kopfform angepaßt; das über dem Schirm rundum laufende
Bundleder entfiel. Da unser Tschako dieses Bundleder noch aufweist, muß er also zwischen
1892 und 1895 getragen worden sein.
Dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen ist an unserem Objekt das normalerweise über der
Helmzier getragene Feldzeichen ("Nationale"), d. h. ein Holzstück in elliptischer
Form, welches mit Wollstoff in den Landesfarben überzogen war, in diesem Fall also ein
weißer Rand mit schwarzem Kelchfleck. Ebenfalls abhanden gekommen ist die im entsprechenden
Zeitraum unter dem rechten Riemenknopf getragene Kokarde in den besagten Landesfarben.
Beispiele aus der Typengeschichte des Tschakos. 1 = Preussische Garde-Jäger
(1809); 2 = Russische Garde-Füsiliere (1813); 3 = Preussische Jäger (1854);
4 = Preussische Jäger (1913). Aus: Der grosse Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig
Bänden. 19. Bd. 15. Aufl. Leipzig 1934.
Albrecht Lehmann hat darauf hingewiesen, daß in Preußen die Ausweitung
militärischer Denkweisen und die Indoktrination der Bevölkerung mit
militärischen Normen auch im historischen Vergleich gesehen bisher am weitesten
vorangeschritten war: Soldatische Tugenden wie Pflichtgefühl und Disziplin gehörten
auch noch im Deutschen Reich zu den verbindlichsten gesellschaftlichen Verhaltensregeln.
Historische Forschung sollte sich daher das Bewußtsein für die Stellung
militärischer oder ähnlicher Organisationen im kulturellen System bewahren.
Aus heutiger Sicht steht insbesondere die Pickelhaube für den preussischen Militarismus
schlechthin; sie stand aber auch schon zu ihrer Zeit für all das, was außerhalb
Preußens an dessen Vormachtstellung mißfiel. Den Tschako dagegen begriff und
begreift man wohl auch als Markenzeichen der Jäger-Truppen, jedoch weniger mit negativen
Untertönen. In Wilhelm Raabes Roman "Abu Telfan" (1867) dient er sogar dem Spott
über das zur unfreiwilligen Komik erstarrte Zeremoniell in einem fiktiven deutschen
Kleinstaat, wenn Raabe das Hoffräulein Nikola von Einstein klagen läßt:
"(...) wir fahren spazieren und kommen zurück, und die Wache trommelt und eine
Abwechslung ist's nur, wenn der wachthabende Offizier sich verspätet und mit verkehrt
aufgesetztem Tschako hervorstürzt" (Raabe o. J.: 32).
Der Tschako entfaltete seine eigentliche Bedeutung im Rahmen kultureller Codes erst in der Zeit
nach dem 1. Weltkrieg, als er zum Inbegriff für die "Schupos" wurde. Nach Erich
Radecke entwickelte er aufgrund seiner charakteristischen Form eine ausgeprägte
Signalwirkung, denn er konnte schon von weitem ausgemacht werden. Häufig stand er im
Zentrum gutmütigen Spottes, weil er viele doch eher an einen umgestülpten Tragekorb
erinnerte, was den Polizisten andererseits ein ausgesprochen ziviles Aussehen verliehen haben
mag. "Der Tschako als Symbol wurde auch überall dort verwendet, wo es darum ging,
Polizei oder Staat als gut, böse oder sonstwie darzustellen. Von der reichhaltigen Palette
der Karikaturisten, die teils noch heute ihre Figuren im Witz mit Tschako darstellen, bis hin
zur politischen Aussage wurde der Tschako für den Begriff 'Polizei' als solche bzw. als
Machtinstitution des Staates verwendet" (Radecke 1981: 62f.).
Wilfried Wördemann
Literatur:
Funcken, Liliane und Fred, Historische Uniformen, 19. Jahrhundert. 1814-1850: Frankreich, Großbritannien, Preußen. Infanterie, Kavallerie, technische Truppen und Artillerie. München 1982.
Dies., Historische Uniformen, 19. Jahrhundert. 1850-1900: Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Österreich, Rußland. Infanterie, Kavallerie, technische Truppen, Artillerie. München 1983.
Lehmann, Albrecht, Militär als Forschungsproblem der Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde II/1982, S. 230-245.
Raabe, Wilhelm, Abu Telfan oder die Heimkehr vom Mondgebirge. 36.-40. Tsd. d. Volksausgabe. Berlin o. J.
Radecke, Erich, Geschichte des Polizei-Tschakos. Von der Alten Armee zur Polizei. Hilden/Rhld. 1981.
Wördehoff, Bernhard, Schupos Dunstkiepe. Das gab's doch mal - Dinge, die aus unserem Alltag verschwunden sind. In: Die ZEIT Nr. 17, 23.04.93.
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