UNITAS-Rechenmaschine von 1907
UNITAS-Rechenmaschine der Rechenmaschinenfabrik Ludwig Spitz & Co. GmbH, Berlin Tempelhof, in der Version von 1907. Auf dem Gerät eingraviert die Trade Mark "TIM - Time is money". Auf dem Holzkasten befinden sich zwei Nummern: 0851 und 353. Der Kastenboden ist wie der Deckel aufklappbar. Maße: 45 x 25 x 14 cm.Laut SPIEGEL Nr. 26/1993 wurde vom Auktionshaus Christie's in London eine Rechenmaschine (von fünf erhaltenen) des Pfarrers und Instrumentenbauers Phillip Matthäus Hahn (1739-1790) für die astronomische Summe von 19,2 Millionen DM versteigert. Das Schloßmuseum Jever kann zwar mit solchen Schätzen nicht konkurrieren, besitzt jedoch ebenfalls eine Rechenmaschine, deren Wert wohl eher auf ihrer Rolle als Dokument der technischen Kultur der Jahrhundertwende gründen mag. Zu den wichtigsten Voraussetzungen des Rechnens wie auch der Rechenmaschinen bis hin zum gegenwärtigen Computer gehören Zahlen und Ziffernsysteme. Die Entwicklungsgeschichte historischer Kulturen zeigt, daß jene mit weniger abstrakten Zahlensystemen, wie z. B. dem 5er-System der Römer, bei allen sonstigen Leistungen keine wesentlichen Fortschritte in der Mathematik oder den Naturwissenschaften aufzuweisen hatten. Für das frühe und mittlere europäische Mittelalter gilt dies ebenso. Unsere arabischen Ziffern verbunden mit dem dezimalen Zahlensystem (Zehnersystem) gehen auf eine indische Erfindung des 8. Jahrhunderts n. Chr. zurück. Auf der Grundlage des indischen Zahlensystems, d. h. mit Hilfe der ersten neun Zahlen sowie der Null, entwickelten dann arabische Gelehrte ein reines Stellenwertsystem. Erst relativ spät, zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert, erreichte dieses System über Vorderasien und Spanien auch Mitteleuropa. Von da an jedoch schwingen sich die exakten Wissenschaften zu immer neuen Höhenflügen auf. Vor allem die wissenschaftlichen Entdeckungen im 17. und 18. Jahrhundert, der weithin blühende Handel sowie die komplizierte Steuererhebung regten dazu an, die zeitraubenden Rechenvorgänge in mechanisierter oder automatisierter Form zu vereinfachen. Um 1600 erfindet der schottische Lord John Napier of Merchiston (1550-1617) die Rechenstäbchen und stellt 1614 eine komplette Logarithmentafel vor. Bald darauf entsteht in England der erste logarithmische Rechenschieber. 1623 konstruiert der Tübinger Professor Wilhelm Schickard (1592-1635) die erste urkundlich belegte Rechenmaschine mit Zahnradantrieb und automatischem Zehnerübertrag. Knapp zwanzig Jahre später (1642) übergibt der französische Mathematiker Blaise Pascal (1623-1662) der Öffentlichkeit eine Rechenmaschine für achtstellige Additionen und Subtraktionen, deren Arbeitsweise der eines Kilometerzählers gleicht. Der entscheidende Fortschritt in der Mechanisierung des Rechnens gelingt schließlich 1673 dem Philosophen, Mathematiker und "Universalgelehrten" Gottfried Wilhelm Leipniz (1646-1716). Ohne Wissen von Schickard und der Zwei-Spezies-Maschine von Pascal entwickelt er eine Vier-Spezies-Rechenmaschine (Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division), für deren Zahlenübertragung ein System von Staffelwalzen sorgt. Damit gibt er der weiteren Entwicklung der mechanischen Tischrechenmaschinen Konstruktionselemente vor, die lange Zeit bestimmend blieben. Erwähnt sei der Vollständigkeit halber auch der englische Mathematiker Charles Babbage (1791-1871) und dessen visionäre Beschreibung eines programmgesteuerten Rechenautomaten aus dem Jahr 1833; er gilt, obwohl persönlich erfolglos geblieben, als der Urvater des elektronisch gesteuerten Rechnens.
In Deutschland baute der Ingenieur Arthur Burkhardt ab 1878 die ersten, als "Arithmometer" bezeichneten Thomas-Maschinen. Gegen Ende des Jahrhunderts begann aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung die Nachfrage in starkem Maße zu steigen, so daß schließlich eine ganze Reihe von Betrieben die Fertigung dieser Maschinen aufnahm und eine große Zahl neuer Modelle auf den Markt warf. Nach Karl Lenz gehörten die TIM-Maschinen der Firma Ludwig Spitz & Co. in Berlin-Tempelhof qualitativ zur Spitzengruppe und waren weit verbreitet. Zu den Neuerungen ihres Ingenieurs Robert Rein gehörte dabei z.B. die Konstruktion eines Doppelzählwerkes, das manche Rechnungen erheblich zu erleichtern vermochte; von ihnen gab das eine die einzelnen Zahlen, das andere die Summe der Zahlen an. Die beiden wichtigsten Modelle, die "TIM" und die TIM-Weiterentwicklung "Unitas" mit dem Doppelzählwerk bzw. dem dadurch bedingten Doppellineal wurden bei ihrer ersten Auslieferung 1907 stets in einem Holzkasten mit verschließbarem Deckel geliefert. Ab 1909 wurden sie nur noch in einen Eisenrahmen mit darunter befindlichen Füßen eingebaut, anstelle des Holzkastens und der Lagerplatten aus Messing trat ein gußeisernes Gehäuse mit angegossener mittlerer Lagerplatte. Der besseren Bedienbarkeit wegen erschienen die vorher flachen Geräte nun in einer einer Schreibmaschine ähnlichen Version. Alle lieferbaren Ausführungen, d. h. in der hier vorliegenden Form mit Schiebereinstellung, mit Tasteneinstellung oder mit elektrischem Antrieb, waren in vier verschiedenen Größen lieferbar, wobei unsere Maschine der "Größe II" mit einem 8er Einstellwerk, einem 12er Resultatwerk sowie einem 7er Umdrehungszählwerk entspricht.
Literatur:
© Schloßmuseum Jever |
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