![]() Bernhard Hoetger: Hoffnung ![]() Abb. 1: Hoffnung. Majolika-Figur aus dem Zyklus 'Licht- und Schattenseiten', 1912. Während die meisten Plastiken des Zyklus' mit dem Monogramm M.L.K. (Maxläuger, Kandern bzw. Karlsruhe) versehen sind, weist unsere Plastik die Initialen K.T.K. auf. Manchem Besucher des Schloßmuseums wird die abgebildete elfenbeinfarbene, auf blauem Grund gebettete Figur wohl entgangen sein, denn ein angemessener Standort ist für sie bisher nicht gefunden. Aus welchen Zusammenhängen heraus sie ins Museum gekommen ist, ist nicht festgehalten worden. Aus einer ruhenden Haltung heraus den Oberkörper leicht aufrichtend, mit dem Blick an der Grenze zwischen innen und außen verharrend - so scheint diese Figur von meditativer Ruhe und erwachender Gewißheit erzählen zu wollen. Bezüge zu einem realen 'Vor-Bild' vermeidet das Werk offensichtlich: Das ebenmäßige Antlitz, der wohlgeformte Körper, den das antikisierende Gewand freigibt, und auch der weiche Glanz des glasierten Majolika-Scherbens verweisen auf den idealisierenden Grundzug dieser Arbeit. Hoffnung nennt Bernhard Hoetger (1874-1949) seine 1912 entworfene Plastik und knüpft damit an die Tradition der allegorischen Darstellung an, wie sie vor allem auch der christlichen Kunst eigen ist. Glaube, Liebe, Hoffnung - diese Formel, mit der die geläufigste Gruppe der theologischen Tugenden benannt wird, wird von Hoetger in den Sinnzusammenhang seiner Arbeit einbezogen. Denn wenn auch die 'Hoffnung' als einzelnes Werk eine abgeschlossene Ganzheit für sich zu reklamieren scheint, so entstammt sie ursprünglich doch einer größeren Werkgruppe. Um 1912 begann Hoetger mit einer Auftragsarbeit für die Neugestaltung des Darmstädter Platanenhains. Dabei entstand neben anderen Entwürfen eine Reihe von fünfzehn Majolika-Figuren, zu der auch die 'Hoffnung' gehört. 'Licht- und Schattenseiten' betitelte er diesen Zyklus, dessen aufeinander bezogene Einzelfiguren Sinnbilder menschlicher Tugenden und Laster, Verkörperungen edler Eigenschaften und abgründiger Leidenschaften darstellen.
Für die Gestaltung des Platanenhains hat der Majolika-Zyklus keine weitere Rolle gespielt. Um 1915 allerdings beginnt Hoetger, verschiedene Figuren dieser Serie überlebensgroß in Stein auszuführen und damit die Monumentalität aufzunehmen, die in der Gestalt der Plastiken greifbar ist. Schon 1913 schreibt der Kunstkritiker G. Biermann: "Man kennt in Deutschland die sogenannte Hoetger-Keramik, Dinge, in deren Kleinheit die Größe plastischer Form fast apokryph verschlossen ist, kennt vor allem den Zyklus der Licht- und Schattenseiten, die so voller Turbulenz auf der einen Seite, so voller klassischer Schönheit auf der anderen Seite sind. Sie scheinen so nur wie ein momentaner Notbehelf innerhalb des Oeuvres, um einer Welt von Empfindung wenigstens für den Augenblick Ausdruck zu geben. Man könnte sie sich überlebensgroß in Marmor ausgeführt denken (...)."
Von fast allen Figuren dieser Reihe wurden außerdem mehrere, oft farblich variierende Abgüsse angefertigt. Allein von der 'Hoffnung' sind sieben weitere Ausführungen bekannt; eine davon befindet sich im Besitz des Landesmuseums Oldenburg. Wie der gewerbliche Zweck dieser 'Vervielfältigungen', so weisen auch die dekorative Wirkung des verwendeten Materials und der farbigen Gestaltung sowie die japanisierenden Stilelemente auf den kunstgewerblichen Charakter dieser Arbeiten hin. Hoetger selbst hat sich zeitweise engagiert in die Diskussion um die kulturelle und pädagogische Bedeutung des Kunstgewerbes eingebracht, die von bürgerlichen Reformbewegungen um die Jahrhundertwende wieder aufgenommen worden war.
Wenn man das oben genannte Problem der angemessenen Präsentation der Majolika-Figur vor dem zuletzt angeführten Hintergrund betrachtet, dann könnte sie einem musealen Zusammenhang zugeordnet werden, in dem ästhetische und ideologische Idealvorstellungen vor allem des damaligen (Bildungs-)Bürgertums thematisiert würden.
Literatur:
Bernhard Hoetger - Kurzbiografie
Hoetger wird 1874 in Dortmund geboren. Nach einer Stein- und Bildhauerlehre und einem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf geht er für mehrere Jahre nach Paris, wo er mit seinen von Rodin beeinflußten Arbeiten erste Erfolge hat. 1906 heiratet er Lee van Haken, kehrt 1907 nach Deutschland zurück und lebt und arbeitet in der Folgezeit an verschiedenen Orten: Darmstadt (Künstlerkolonie), Worpswede, Bremen, Berlin, mehrere Auslandsaufenthalte. In den 20er Jahren gehört Hoetger zu den bekanntesten und - vor allem wegen seiner häufigen stilistischen Wechsel - umstrittensten Künstlern Deutschlands. Obwohl er anfänglich mit den Ideen der Nationalsozialisten sympathisiert, wird er als 'Entarteter Künstler' verfolgt. Er stirbt 1949 in der Schweiz. Das vielseitige Werk Hoetgers umfaßt neben der Plastik die Malerei sowie architektonische und kunstgewerbliche Arbeiten.
© Schloßmuseum Jever |
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