Benz-Patent-Motor-Wagen Veloziped genannt "Velo"
Unten: Blick auf den Motor.
Das Schloßmuseum besitzt in seiner Sammlung eines der ersten in Deutschland serienmäßig hergestellten Automobile, einen Benz "Velo". Dieser Typ wurde zwischen 1893 und 1900 bei Benz & Cie in Mannheim hergestellt. Unser Patent-Motor-Wagen Benz stammt aus dem Jahr 1895 und trägt die Fabriknummer 2274. Er hat eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h und wird von einem liegenden Viertakt-Einzylindermotor angetrieben, der noch original erhalten ist. Ein Benz-Velo hatte 1895 einen Preis von 2000 Mark, was ihn für die meisten Menschen der damaligen Zeit unerschwinglich machte.
Der Erstbesitzer des Autos war der Arzt Dr.Scherenberg, der den Benz für Hausbesuche nutzte. Später verkaufte er das Fahrzeug an den Landwirt Gerhard Julius Leiner aus Tettenser-Altendeich. Dieser verwendete das Auto zunächst für Fahrten nach Jever, um ihn später mehrfach als Lastentransporter umzubauen. 1950 wurde der Benz, der zwischenzeitlich in der ehemaligen Jeverschen Fleischhalle abgestellt war, dem Museum übergeben. Er wurde zu diesem Anlaß von Karl Minßen restauriert und zeigte sich dem Originalzustand angenähert und wohl auch fahrbereit. Interessant ist die Einschätzung, der Benz sei "im Vergleich zu den übrigen Schätzen des Museums noch kein 'Altertum'" (Jeverland-Bote, 5.1.1950).
1970 wurde der Wagen von Erich Grahlmann, Sillenstede, ein weiteres Mal restauriert. Danach stand er bis 1985 im Museum, um dann anläßlich des Stadtjubiläums 1986 von Angestellten des Fliegerhorstes betriebsfähig und originalgetreu wiederaufgearbeitet zu werden. Es sollte dabei möglichst der Zustand von 1895 wiederhergestellt werden, so dass viele Teile wie die Räder und die Vorderachse nach alten Vorlagen erneuert werden mussten. Nach 1986 nahm der Benz noch an mehreren Veteranenrennen in Großbritannien teil, um anschließend endgültig seinen Platz im Museum zu finden.
1895 war der Benz eines der ersten Autos im Jeverland. Wie sahen damals die Verkehrsverhältnisse aus? Das Automobil war erst zehn Jahre erfunden, wurde aber schon in Serien gebaut. Die erste Eisenbahn in Deutschland bestand schon seit sechzig Jahren. Jeder Winkel des damaligen Deutschen Reiches wurde erschlossen, um Handel und Industrie zu fördern. Häfen wurden gebaut, Flüsse wurden reguliert und Kanäle wurden gegraben.
Diese Entwicklungen setzten in Oldenburg erst spät ein. So wurde die erste Eisenbahn in Ostfriesland bereits 1856 (Papenburg - Emden), die erste Eisenbahn in Oldenburg 1867 eröffnet. Antriebsfaktoren für diese Entwicklung waren die Gründung der Vareler Eisenhütte 1842 und der Bau des Preußischen Kriegshafens Wilhelmshaven. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Straßen- und Eisenbahnbau in Oldenburg schließlich sehr schnell. Wichtige Stützen des Verkehrs waren im ausgehenden 19. Jahrhundert die Eisenbahnen und die Chausseen oder Kunststraßen, die mit Klinkern gepflastert wurden. Die alten Wasserwege verloren an Bedeutung. 1892 gab es im Großherzogtum Oldenburg immerhin 1370,85 Chausseekilometer und 314,55 Bahnkilometer. Straßen- und Eisenbahnbau waren im wesentlichen abgeschlossen.
Erst durch den Chausseebau wurde das Jeverland vollständig erschlossen. Besondere Nachteile hatte Jever durch seine Lage an der Grenze zu Hannover bzw. Preußen zu erleiden. Alle Straßen endeten zunächst spätestens dort. Friedrich von Thünen klagt am 4.7.1847 in den Jeverschen Nachrichten: "Erst seid einem Jahre ist die Landstraße zwischen Jever und Varel völlig besteint. Gleichwohl endet diese Steinbahn für den ganzen Winter noch immer in einem Sack, denn die Stadt Jever ist dann rund herum von aufgelösten fast oder ganz unbefahrbaren Wegen umgeben." (Straßen der Stadt Jever). Eine Fahrt von Delmenhorst nach Tettens führte für den Amtmann Hümme noch 1848 von der Schlachte (dem jeverschen Hafen) mit dem Boot ans Ziel. So ging es zwar langsamer voran, war aber sicherer.
Auch die nötige Verbindung nach Wittmund entstand erst spät, lange war man auf besonders im Winter schlecht befahrbare Wege über Wiefels und Scheep bzw. über Scheeperhusen nach Schlüß und Wittmund angewiesen. Am 23.Dezember 1845 wird z.B. berichtet: "Die Oldenburgische Post von Jever nach Wittmund hat heute nur mit sechs Pferden durchkommen können und nicht ohne die Achse zu brechen" (Jeversche Nachrichten 1846). Erst 1855 wurde die neue Klinkerchaussee eröffnet, und wie für alle anderen Chausseen mußte man auch für sie bis 1900 bzw.1907 Wegegeld zahlen.
Wie wir gesehen haben, gewann die Eisenbahn im Jeverland schnell an Bedeutung, als sie endlich eingerichtet wurde. Zwei neue Fortbewegungsmittel kamen mit dem Auto und dem Fahrrad auf. Der große Entwicklungsschub des Fahrrades setzte aber erst mit der Erfindung des "Safety"-Niederrades und der Luftbereifung 1889 ein. Nun wurden die Hochräder von sichereren und bald auch komfortableren Rädern abgelöst. Die ersten dieser Räder waren noch sehr teuer (1883: 400 bis 500 Mark, 1896 noch 100 Mark).
Ein besonderes Problem in der Frühzeit von Auto und Fahrrad stellte das Fehlen entsprechender Werkstätten dar. Der Besitzer mußte sich selbst helfen oder sich direkt an die Fabrik wenden. Autos und Fahrräder gab es noch wenige, ihre Besitzer wurden belächelt und man erzählte sich viele Anekdoten von Wettfahrten zwischen Auto und Gespann, Fahrrad und Reiter. Noch gewann das Pferd. © Schloßmuseum Jever |
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