06 Ein Arbeitsgerät des Moorbauern: Der Torfspaten

spatenaTorfspaten mit schmalem Stich. H. 94 cm. Blatt: H. 30 cm, B. 17 cm.

Zum Bestand fast jeder volkskundlichen Sammlung in den Museen gehören Arbeitsgeräte der vorindustriellen Zeit. Mit ihnen lassen sich nicht nur Arbeitsprozesse dokumentieren, sondern in der Regel auch technische und sozial- wie wirtschaftsgeschichtliche Entwicklungen. Das diesmalige Objekt des Monats verweist zudem auf ein Stück Regionalgeschichte, das in Teilen des Oldenburger Landes eine große, im Jeverland wohl eher untergeordnete, dennoch aber charakteristische Rolle spielte. Der Torfspaten, Teil der typischen Werkzeuge des Torfgräbers, ist ein Zeugnis ländlicher Arbeitsstrukturen, die noch eng an die natur- und kulturräumliche Gliederung der hiesigen Landschaft gebunden waren.

Umfangreiche Moorgebiete begründeten einst neben Marsch und Geest deren spezifisches Ambiente. Diese bestimmten als Gegensätze nicht nur Fauna und Flora, sondern in besonderem Maße auch die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Bevölkerung. Noch 1902 waren 36 % der gesamten oldenburgischen Bodenfläche unkultiviert und unbesiedelt; etwa 1/5 bis 1/4 des Landes bestand aus Moorgebieten. Das Moorland zerfiel dabei zu 3/4 in Hochmoor- und 1/4 in Niedermoorflächen. Das Ausmaß der Möglichkeiten der Begehbarkeit und Bearbeitung solcher Gebiete hatte einen nicht geringen Einfluß auch auf die Entwicklung der umliegenden Kulturlandschaften. Jahrhundertelang stagnierte die Moorkultivierung und -nutzung auf einem relativ niedrigem Niveau, bevor durch systematische Melioration, künstliche Düngung und Einsatz verbesserter Maschinen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bewirtschaftung aller Landschaftsteile qualitativ und quantitativ neue Dimensionen erreichte.

In den holzarmen, aber zumeist moorreichen Gebieten Nordwestniedersachsens stellte die Verwendung des Torfes als Heizmaterial lange Zeit die wichtigste Wärmequelle dar. Das Stechen von Brenntorf ist durch die Funde entsprechender Werkzeuge schon für die frühgermanische Zeit belegt; auch römische Historiker wie Plinius d. Ä. (23/24 – 79 n. Chr.) berichten vom Stechen und Trocknen des Torfes und seiner Verwendung als Brennmaterial.

Die Arbeit im Torfstich war nur in den Sommermonaten möglich, wenn der Torf einiges von seiner Nässe und damit seinem Gewicht verloren hatte. In der Regel waren alle Mitglieder der Torfstich betreibenden Bauernfamilien in die verschiedenen Arbeitsabläufe integriert. Sie benötigten in dem naßkalten Gelände etwa eine Woche harter Arbeit, um das Heizmaterial für den ganzen Winter einzubringen. Über einen sehr langen Zeitraum standen ihnen dabei als Arbeitsmittel nur die eigene Muskelkraft und eine Reihe einfacher Werkzeuge zur Verfügung. Diese variierten in den einzelnen Landstrichen in Gestalt und Bezeichnung. Im allgemeinen unterschieden sich jedoch jeverländisch/oldenburgische Arbeitsgeräte nur unwesentlich von den ostfriesischen. Einzig die Geräte zur Gewinnung von Backtorf dürften im Jeverland keine Rolle gespielt haben.

Um an die Torfschicht zu gelangen, mußten zunächst mit einem breiten Stechspaten die oberen Grassoden durchstochen und der Torf „markiert“ werden. Diese Schicht aus Gras und minderwertigem, da noch nicht ausreichend zersetzten Torf wurde sodann mit einem spitz zulaufenden Bunkspaten „abgebunkt“ und beiseite geschafft; sie diente später zum Auffüllen und Durchmischen des abgearbeiteten Torfstiches. Die Vorderkante des Torfspatens war mit Eisen beschlagen, um einen sauberen Stich zu erzielen, die Fläche dagegen bestand zumeist aus Holz, an dem der feuchte Torf nicht festbacken konnte. Das rechteckige, schmale Blatt entsprach dem Format der vorgestochenen Torfsoden, wobei aber zwischen „Eenkriegern“ wie in unserem Fall und den etwas breiteren „Tweekriegern“ zu unterscheiden ist. Mit diesem Torfspaten wurden die eigentlichen Torfsoden gestochen, die man dann mit einer Setzforke erfaßte und auf einen Torfkarren oder in eine Torfkreite lud, einem Holzgestell, das von zwei Torfgräbern getragen werden konnte. Alle Geräte fallen durch eine besondere Handhabbarkeit auf, so war z. B. der Stil des Torfspatens zumeist recht kurz und leicht gebogen, um in der Grube direkt am Torf arbeiten zu können, der Stil der übrigen Spaten dagegen bis zu 2 m lang, da mit ihnen von oben gearbeitet wurde.

Auf einer nahen, nicht zu nassen Fläche erfolgte schließlich das Stapeln der Torfsoden, zunächst in langen, niedrigen Wällen und später in größeren, bienenkorbähnlichen Haufen. Wichtig war jeweils, daß die Luft zum Trocknen ungehindert hindurchstreichen konnte. Waren die Torfsoden trocken, wurden sie zum Hof transportiert und dort wieder trocken gelagert – nasser Torf machte alle Mühen zunichte, denn er brannte nicht oder bei großer Rauchentwicklung nur sehr schlecht.

spaten2aTorfstich in Friesland. Foto von W. Hinck. Aus: Friesland. Ein Heimatbuch für die Friesische Wehde, Varel, das Jeverland und Wilhelmshaven. Tafel 6. Jever 1950.

Auch südlich der auf einem Geestrücken angelegten Stadt Jever erstreckt sich neben einigen verstreuten kleineren Arealen eine ca. 290 Hektar umfassende Niedermoorfläche, das sogenannte „Moorland“. Geologische Untersuchungen ergaben, daß im Raum Jever Torf schon um 4000 v. Chr. entstanden sein muß. In drei Kerngebieten, z. B. vor Addernhausen, wurde eine Torfdicke von mehr als 2 m gemessen.

Bereits für die Mitte des 12. Jahrhunderts ist ein Pfad durch das „Moorland“ nachweisbar. Mittels systematischer Entwässerung – jede Parzelle war mit einem Graben umgeben – wurden diese Niedermoorflächen nach und nach der Nutzung durch die Landwirtschaft zugeführt. Die Parzellen im „Moorland“ befinden sich seit dem 17. Jahrhundert im Privatbesitz einzelner Bauern, die diese naturgemäß sehr nährstoffreichen Böden für die Heuernte und bei genügender Trittfestigkeit als Weide nutzten. Ende des 19. Jahrhunderts war ein Großteil dieser Niedermoorfläche in eine Wiesen- und Weidenlandschaft umgewandelt. Andererseits bestanden bis in die 1930er Jahre vor Addernhausen sumpfige Bereiche mit Handtorfstichen, die von einzelnen Anliegern als Brennstoffreservoir genutzt wurden. Zumindest um 1800 müssen im Jeverland noch eine Reihe von Torfstichen existiert haben. Nach einer gern kolportierten Anekdote soll sich Goethe bei einem Freund seines Sohnes, einem „Studiosus aus Jena, gebürtig von Jever in Oldenburg“ (Friesische Heimat 1951) interessiert nach der Verfahrensweise der jeverländischen Torfgräberei erkundigt haben. Dieser war jedoch gekommen, um mit dem Meister über die Dichtkunst zu sprechen. Leicht verwirrt sei er um eine Antwort verlegen gewesen, zumal man in seinem Elternhaus wohl eher Torf verheizte als grub – und mußte anschließend des Rest seines Besuches in stiller Verzweiflung neben dem grantelnden Goethe verbringen, der ihn geflissentlich übersah…

Die ergologische Forschung versucht vor allem das historische Bedeutungsgeflecht alter Arbeitsgeräte zu entschlüsseln. Neben ihrer Rolle als Symbol einer vergangenen Form der Bodennutzung verweisen die Werkzeuge des Torfgräbers aber auch auf die aktuelle Diskussion um die rasante Veränderung hiesiger Landschaften, wie sie die Nutzungsintensivierung der landwirtschaftlich genutzten Böden mit sich brachte. Heute sind die Niedermoorflächen Niedersachsens zu ca. 95 % landwirtschaftlich erschlossen. Damit sind auch die letzten Zeugnisse einer einstmals landschafts- und kulturprägenden, noch naturnahen Bodenbewirtschaftung im Verschwinden begriffen. Die Torfstichgeräte wirken schon heute exotisch; morgen könnte das Moor nur noch ein Mythos sein.
Wilfried Wördemann

Literatur:
Bleck, Volker: Das Moorland bei Jever. Bestandsaufnahme und Entwicklungsmöglichkeiten. Stadt Jever in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Schortens. 1989
Bomann, Wilhelm: Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen. Dritter reprographischer Nachdruck der 4. Aufl. Weimar 1941. Hildesheim 1977
Dierks, Hinrich: Aus dem Tagewerk deiner Väter. Eine Darstellung der wichtigsten bäuerlichen Arbeiten, wie sie vor Einführung landwirtschaftlicher Maschinen verrichtet wurden. Oldenburg 1937
„Fast nur Torf, Exzellenz“. Goethe interessierte sich für das Torfgraben. In: Friesische Heimat. Beilage zum Jeverschen Wochenblatt vom 23. Juni 1951
Ommen, Eilert: Leben und Arbeit der Fehntjer. Unterricht im Nahraum unter Einbeziehung des Museums. Mobile: Texte und Materialien. Aurich 1981
Pohl-Weber, Rosemarie (Hrsg.): Das Moor. Seine Nutzung einst und jetzt. 2. Aufl. Bremen o. J. (Hefte des Focke-Museums)
Seymour, John: Vergessene Künste. Bilder vom alten Handwerk. Ravensburg 1984

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