21 Eine wangerländische Kornraspe von 1778

raspe1aDatierte Getreideraspe von 1778 aus Uthausen bei Oldorf

Kennen Sie eine Korn-, Frucht- oder Getreideraspe? Wahrscheinlich nicht, denn es handelt sich bei dieser vorindustriellen „Getreidereinigungsmaschine“ um eine Rarität landwirtschaftlicher Arbeitsgeräte. Sogar der Spender, selbst Landwirt und zudem geschichtsinteressiert, kannte keine nähere Bezeichnung für dieses Standsieb, als er es 1984 dem Schloßmuseum als Spende übergab. Jedoch erinnerte er sich an die Erzählungen seines Schwiegervaters. Dessen Vater, Ulrich Bernhard Behrens, siebte noch bis zur Jahrhundertwende mit der hier gezeigten Raspe den Kiddiksamen (Hederich – ein weitverbreitetes Wildkraut) aus dem gedroschenen Getreide.

Um einwandfreies Saatgut oder Brotgetreide zu erhalten, muß das Getreide von Spreu, Dreck und Wildkrautsamen gereinigt werden. Neben Wurfschaufeln und Wannen, mit denen durch Werfen des Getreides gegen den Wind sich das schwerere Korn von der leichteren Spreu trennt, bestimmten Handsiebe (durch Schütteln wird das größere Korn vom kleineren Unkrautsamen getrennt) lange Zeit die Auslesemethode. Vermutlich entwickelte sich durch Schrägstellung des Handsiebes unsere Kornraspe oder Kornrolle, wie sie in Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts u.a. benannt wird.

So finden wir im Zedlerschen Universallexikon folgende detaillierte Beschreibung, die ebenfalls für unser Objekt zutrifft: „Sie besteht aus einem langen hölzernen Gerüste, dessen Boden mit einem nach Art eines Siebes geflochtenen feinen Drat-Gitter, an beyden langen Seiten mit in die Höhe stehenden Brettern und oben am Kopf mit einem Kasten, der gegen das Gitter zu einen Schieber hat, hinten aber mit einem Gestelle versehen ist. (Man muß) die Rolle schräg aufstellen, und solches Getraide mit Mulden nach und nach oben in den Kasten schütten, den Schieber ein wenig aufziehen, und die Körner langsam herunter über das Drat-Gitter laufen lassen, damit das kleine Gesäme, auch aller Zusatz und Staub durchfalle …“. Die Neigung der Siebfläche kann durch die rückwärtige Gestellstütze verändert und den unterschiedlichen Getreidearten angepaßt werden. Je flacher das Sieb und je weniger der Schieber geöffnet wird, so daß nur jedesmal wenig Getreide hinabläuft, desto mehr wird das Korn gereinigt. Denn bei flacher Einstellung erscheinen aus der Vertikalen betrachtet die Abstände zwischen den querliegenden Drähten breiter als bei steiler Einstellung. Nur das große Korn fällt nicht hinter das Sieb, sondern rollt vor die Raspe in eine bereitgestellte Wanne.

Die ausgestellte 1,60 m hohe Getreideraspe ist aus Fichten- und Eschenholz gearbeit; bis auf den Schieber unter dem Einschüttkasten ist sie vollständig erhalten. Die eingeschnitzte Signatur 17 M H 78 nennt uns das Herstellungsjahr und entweder die Initialen des ausführenden Handwerkers bzw. des ersten Besitzers. Das Besondere dieses auch als Harpe (Harfe) bezeichneten Geräts sind die horizontal verlaufenden Siebdrähte aus Messing. Im Vergleich zu den gewöhnlichen Harpen mit Eisendrahtsieben zählt diese Ausführung zu den wertvollen Gegenständen eines Hofes.

Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts etablierte sich die Kornharfe aufgrund ihrer größeren Effektivität gegenüber dem Handsieb auf den Höfen der hiesigen Getreidebauern. Die in unserem Küstenraum übliche Bezeichnung ‚Raspe‘ in der Bedeutung von ‚Reiben, Raspeln‘ wurde vermutlich zusammen mit dem Gerät aus der Provinz Groningen übernommen.

Der Einsatz des Standsiebes erfolgte zumeist in Kombination mit den genannten Handreinungsgeräten wie Wanne und Wurfschaufel; viel Zeit und Mühe wurde für die Grob-, Zwischen- und Endreinigung investiert. Die Bedeutung dieses aufwendigen Reinungsprozesses resultierte aus dem Wissen der Arbeitenden, daß nur für ausgesuchtes Getreide ein guter Verkaufspreis gezahlt wurde und nur reine Saat eine gute Ernte bringen konnte.

raspe2aAnzeige einer Auktion (Jeversches Wochenblatt v. 17.4.1820)

Mit Aufkommen und Vervollkommnung der Kornfege, des „Weiers“ (Kornreinigung mit Windflügeln) trat die Raspe ihren Rückzug an. Zwar taucht sie in Inventarien und Vergantungsannoncen in den Jahren bis 1840 noch auf, doch schon im Zusammenhang mit den neuen Fruchtwehern, die inzwischen für die Hauptreinigung eingesetzt wurden. Die Raspe fand wohl nur noch sporadischen Einsatz bei der Endreinigung.

Zu dieser Zeit stellten auch die Tischler und Siebmacher die Fertigung von den im Vergleich zu den Handgeräten kostspieligen Kornraspen ein. Angesichts der raschen Verdrängung dieses Arbeitsgerätes ist es besonders erfreulich, wenn über hundert Jahre hinweg ein Stück Agrargeschichte auf dem Dachboden gehütet wurde und es nun der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann.
Magdalena Siemens

raspe3aKurzstielige hölzerne Wurfschaufel, geflochtene Wanne und Kornsieb mit Drahtgeflecht (Siuts S. 81 – 84)

Literatur:
Jacobson, Johann Karl: Technologisches Wörterbuch (alphabetische Erklärung aller nützlichen mechanischen Künste, Manufakturen, Fabriken und Handwerker). 8 Bde. Berlin/Stettin 1781 – 1795
Meiners, Uwe: Die Kornfege in Mitteleuropa. Münster 1983
Siuts, Heinrich: Bäuerliche und handwerkliche Arbeitsgeräte in Westfalen. Münster 1982
Zedler, Johann Heinrich: Universial-Lexikon aller Wissenschaften und Künste. 64 Bde. Halle/Leipzig 1732 – 1754

© Schloßmuseum Jever