23 Eine Ohrenbrille aus der Zeit um 1800

brilleEine sogenannte „Ohrenbrille“, gefertigt um 1800 nach englischen Vorbildern. Maße: Breite 12 cm, Höhe 3,5 cm, Länge zugeklappt 12 cm, aufgeklappt bis zu 15 cm.

„Es ist noch nicht 20 Jahre her, daß man die Kunst, Brillen zu machen, fand, durch die man besser sieht. Es ist eine der besten und notwendigsten Künste“ (Giordano da Rivalto 1305. Zitiert nach Rossi 1989: 16).

Bereits seit 1956 befindet sich im Magazin des Schloßmuseums Jever ein Exemplar einer Brille, deren Entstehungszeit etwa um 1800 anzusetzen ist. Sie besteht aus einem recht plumpen Messingrahmen, an dessen Stangen mittels eines Gelenkes jeweils noch eine nach innen zu klappende und in Ösen auslaufende Feder angebracht ist, sowie einem C-förmigen Brillensteg und kleinen, runden Gläsern. In einem der Gläser ist die Zahl 30 eingeritzt.

Brillen gehören sicher zu den Gegenständen, denen die Kulturgeschichte bisher keine große Bedeutung zugestanden hat. Wenn man sich aber einmal vor Augen führt, daß vor der Erfindung der Sehhilfen die an Fehlsichtigkeit Leidenden je nach ihrem gesellschaftlichen Stand und dem Grad ihrer Erkrankung zu Kommunikations- und Orientierungsproblemen, Passivität und weitgehender Isolierung verurteilt waren, so wird deutlich, daß der Brille eine wichtige soziale Funktion nicht abgesprochen werden kann.

Der arabische Mediziner und Astronom Alhazen fand im 11. Jhd. als erster zu der entscheidenden Erkenntnis, daß mittels eines gläsernen Kugelelementes Gegenstände optisch vergrößert werden könnten. Der gelehrte Franziskanermönch Roger Bacon stellte ein Jahrhundert später die gedankliche Verbindung zu einer Lesehilfe für alte oder kranke Menschen her. Damit war praktisch der „Lesestein“ geboren, der als überhalbkugelige Konvexlinse auf die Schrift gelegt wurde. Im deutschen Sprachraum finden sich die ersten Zeugnisse des Lesesteins in der Dichtung, so etwa um 1270 in dem Epos vom „Jüngeren Titurel“ des Dichters und Minnesängers Albrecht von Scharfenberg. Dort wird der Lesestein als „Beril“ bezeichnet und verweist damit auf den Edelstein (Bergkristall) Beryll, aus dem er aufgrund seiner klaren Beschaffenheit hergestellt wurde.

Von der Idee, den Lesestein zu einer flachen Linse zu schleifen, in einen Rahmen mit Stiel einzupassen und ihn damit näher an die Augen heranführen zu können, war es nicht weit bis zur Herstellung der ersten Brillen. Zwei solcher „Eingläser“ wurden an den Stielenden zusammengenietet und vor beide Augen gehalten. Diese sogenannte „Nietbrille“ stellt die früheste Brillenform dar.

In der Folge entstanden, zuerst in Venedig aufgrund der Vormachtstellung der Stadt in der Ausübung der Kunst der feinen Glasverarbeitung, umfangreiche Brillenmacherzünfte. Auch in Flandern und in Süddeutschland widmete man sich bald erfolgreich der Brillenherstellung. Seit dem 15. Jahrhundert wurde neben der Nietbrille die „Bügelbrille“ eingeführt, deren gefaßte Linsen durch einen halbrunden Bügel verbunden waren und aus einem Stück bestanden. Man fertigte sie aus Holz, Leder, Horn, Knochen, Fischbein, Eisen, Bronze und Silber.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ging die qualitative Führung im Brillenmacherhandwerk auf die englischen Optiker über. Sie schufen, da alle früheren Befestigungsweisen und Formen nicht zu befriedigen vermochten, die „Schläfenbrille“, wobei Stangen die Brille an die Schläfen drückten, und schließlich die „Ohrenbrille“, die mit der Verlängerung der Seitenstangen erstmals über die Ohren reichte. 1752 wurden die ersten Brillen mit Doppelstangen, die durch ein Gelenk verbunden waren, angeboten. Der zweite, kleinere Teil war nach innen zu klappen, so daß sich die Stangen an den Hinterkopf anlegten. Ösen an den Ausläufern der Federn sollten ein Verschieben der Brille verhindern. Wenig später waren die kürzeren Federn auch nach unten schwenkbar, so daß sie hinter das Ohr geklemmt werden konnten. Als Fassung der Ohrenbrillen setzte sich schnell ein Drahtgestell aus Messing durch, da deren relativ leichte Fertigung den Brillenmanufakturen die Herstellung großer Stückzahlen erlaubte.

lagerAnzeige im Jeverschen Wochenblatt vom 18. Juni 1854

Die Brillenoptik vermochte bis ins 15. Jahrhundert hinein nur konvexe Brillengläser zur Korrektur der Alterssichtigkeit zur Verfügung zu stellen. Auch mit der Einführung konkaver Gläser zur Unterstützung bei Kurzsichtigkeit und der zunehmenden Industrialisierung der Brillenherstellung durch verbesserte Schleifmaschinen und -methoden war man noch weit von einer „wissenschaftlichen“ Optik im Sinne der Dioptrienberechnung entfernt, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fuß zu fassen begann.

Dennoch stieg um 1800 die Nachfrage nach den in Deutschland erst ab 1792 hergestellten Ohrenbrillen stark an, gerade auch in Norddeutschland. Kleingewerbliche Optiker bestimmten hier das Bild, wenn auch die Tendenz dahin ging, die Brillengestelle nicht mehr selbst herzustellen, sondern sie von der prosperierenden Brillenindustrie zu beziehen. Das Gemeinsame aller Brillenmacherzünfte bestand lange Zeit in der Vertriebsform. Den Verkauf der Brillen besorgten Wanderhändler, die in der Regel keinerlei Wissen über Optik und Brillenanpassung besaßen, sondern diese zusammen mit anderen Dingen des täglichen Bedarfs anboten. „Von irgendwelcher Anpassung etwa des Gestells an das Gesicht des Kunden war gar nicht die Rede; vielmehr wählte sich der Kunde (…) selber das passende Brillenglas aus. Um nun dem optisch ungeschulten Wanderhändler einen Anhalt zu geben, hatte man (…) eine Art von Liste für die von alternden Rechtsichtigen verlangten Lesegläser, deren Stärke natürlich mit dem Lebensalter anstieg. Diese Alterszahlen von 40, 45, 50… Jahren waren häufig den Brillengläsern aufgeritzt, seltener auf den Fassungen angebracht“ (Rohr 1958: 42).

Kulturgeschichtlich interessant wird die Brille recht eigentlich erst durch ihr sich wandelndes Ansehen im Lauf der Zeit. Hatten die ersten Brillenträger, zumeist Gelehrte und geistliche Würdenträger, noch überwiegend mit Bewunderung rechnen können, so wandelte sich um 1500 langsam das gesellschaftliche Ansehen der Brille. „Da Brillen die Aufmerksamkeit auf ein ‚körperliches Gebrechen‘ lenkten und außerdem sehr unförmig waren, sträubten sich die Menschen oftmals, sie zu tragen. Es begann die Zeit der totalen Verunglimpfung der Brille, die als nicht mehr gesellschaftsfähig galt. Brillenträger wurden der Lächerlichkeit preisgegeben“ (Rossi 1989: 44). Auch im 17. und 18. Jahrhundert hielt trotz wachsender Verbreitung die Geringschätzung der Brille in den oberen Schichten des Volkes an. Dagegen fand sie zunehmend Aufnahme beim Mittelstand und bei den Unterschichten, die den Vorteil der Sehhilfen längst erkannt hatten. Sie wurden jedoch allgemein nur ungern getragen.

Auch der Aberglaube um die Brillen wollte zunächst nicht weichen. Dies bekamen insbesondere die Brillenhändler zu spüren, denen man gerade in Deutschland „‚unehrliches Wesen‘ vor(warf), da die Brille diesem Begriff gleichgesetzt wurde“ (Rossi 1989: 82). Dieses zwiespältige Verhältnis zur Brille hat sich bis weit in das 20. Jahrhundert hinein gehalten. Über die Entstehungs- und Formengeschichte hinaus ist die Brille ein verkanntes Spiegelbild menschlicher Eigenschaften. Einstmals Werkzeug der Gelehrten und Künstler, „Maske“ von Wunderheilern und Possenreißern und derbes Mittel von Spott und Satire, dient sie heute als Requisit der Werbung ebenso wie als Zeichen von Sportlichkeit und Erfolg. Nicht wenigen ist sie einfach ein individuelles Stilmittel.

brillenhaendlerAndreas Scheits, Der Brillenhändler, Radierung von 1690. Aus: Frank Rossi, Brillen. Vom Leseglas zum modischen Accessoire. München 1989.

Die Bauernfamilie Renemann aus Cleverns, aus deren Besitz unsere Brille stammt, wird sie bei einem der (billigen) wandernden Händler gekauft haben. Die recht grobe Verarbeitung, die (zu der Zeit „unmodernen“) runden Gläser und die noch aus dem 16. Jhd. stammende Brillenschärfebestimmung mittels Alterszahlen deuten auf eine Arbeit für die unteren Schichten hin. Die Renemanns waren zwar relativ vermögend und hätten sich auch eine qualitativ bessere Brille „leisten“ können. Daß sie es nicht taten, verweist deutlich auf das weit verbreitete Ansehen der Brille als „notwendiges Übel“.

Einzig aus den Brillendarstellungen in der Kunst wissen wir ein wenig über die Nutzung und die Träger von Brillen. Indizien deuten darauf hin, daß sie auch in den bäuerlichen Schichten Verwendung fanden, zumeist bei den Arbeiten, die von Frauen verrichtet wurden, z. B. Näharbeiten in relativ dunklen Räumen. So dürfen wir uns durchaus die bebrillte Bäuerin vorstellen, wie sie, vielleicht belächelt und verspottet, Arbeiten ausführen kann, die ihr vorher nicht oder nur noch mit großer Mühe möglich waren. Die Erleichterung des täglichen Lebens, die mit dem Tragen einer Sehhilfe verbunden war, ist geradezu greifbar. Aber dennoch muß dies alles Spekulation bleiben, solange die Brille im Kreis der „kulturellen Objektivationen“ innerhalb von Volkskunde und Kulturgeschichte zu den großen Unbekannten gehört. Eingedenk ihrer Geschichte und Funktion hätte sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient.
Wilfried Wördemann

Literatur:
Jockel, Nils, Formen, Geschichte und Wirkungen der Brille. Ausstellungskatalog. Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg 1986.
Kuisle, Anita, Brillen. Gläser, Fassungen, Herstellung. Deutsches Museum München. 1985
Rohr, Moritz von, Gedanken zur Geschichte der Brillenherstellung. In: Beiträge zur Geschichte der Brille. Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze und Berichte über die Brille und ihre Geschichte. Hrsg. von den Firmen Carl Zeiss, Oberkochen, Württ. und Marwitz & Hauser, Brillenmacher, Stuttgart. 1958, S. 37-55. Zuerst in: Forschungen zur Geschichte der Optik (Beilagehefte zur Zeitschrift für Instrumentenkunde), 2. Bd., Januar, Berlin 1937, 2. Heft, S. 121-138.
Rossi, Frank, Brillen. Vom Leseglas zum modischen Accessoire. München 1989.

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