27 Ein Sonnenschirm des „Fin de siècle“

schirm1Sonnenschirm, um 1880/90. Überzug aus schwarzer Seide. Der Griff besteht aus Elfenbein. Länge 90 cm.

Das „Objekt des Monats“ stellt ein höchst weibliches Attribut dar: den Sonnenschirm, auch „Parasol“ oder einfach „Sünnschirm“ genannt. Benutzt wurde er von Frau Auguste B. aus Wilhelmshaven. Aus der Familienchronik weiß man zu berichten, daß die ursprüngliche Besitzerin, um 1860 geboren und eines von sieben Kindern des Landwirts und Drechslers B. aus Jaderaußendeich, eine emanzipierte Frau war, ebenso wie ihre beiden Schwestern. Auguste war Kindererzieherin in der Grafschaft Pyrmont, im fürstlichen Haushalt derer zu Waldeck-Pyrmont. Daraus ist zu schließen, daß die junge Dame zwar aus gutem Hause, aber nicht vermögend war und sich zudem nicht auf den „Heiratsmarkt“ begeben wollte (oder konnte).

Standesgemäße Berufe für Frauen beschränkten sich zu jener Zeit auf den der Gouvernante, Lehrerin oder Gesellschafterin; wenn genügend Musikalität vorhanden war, konnten solche Frauen den Kindern aus bürgerlichen Schichten auch noch das Klavierspielen beibringen. „Das Walten in Zimmer und Küche trägt ein wesentliches Teil zum Wohle der Familie bei. Die weibliche Jugend geht aber häufig dem Verdienste nach und vernachlässigt darüber die Vorbereitung für ihre Hauptlebensaufgabe“¹, so oder ähnlich der Tenor über die Frauenarbeit. Für Frauen aus dem Proletariat, Kleinbürger- und Bauerntum stellte sich die Lebensrealität natürlich anders dar.

Offenbar war der Sonnenschirm auch für berufstätige Frauen ein unentbehrliches Accessoire. Der weiße Teint, schon seit Jahrhunderten Schönheitsideal, war immer noch gefragt.

Der Schirm (zu althochdt. scirm „Schutz“), Schutzvorrichtung gegen Regen und Sonnenschein, wurde in Nordeuropa erst seit Anfang des 18. Jhs. zu diesem Zwecke verwendet. Das „Frauenzimmerlexicon“ von 1715 schreibt dazu: „Parasol heißt eigentlich ein Schirm von Wachstuch, so an einem Stänglein das Frauenzimmer über sich trägt, um sich dadurch wider der Sonnenhitze zu bedecken.“². Bei den Kulturvölkern des Orients waren Schirme bereits im Altertum gebräuchlich. Die Ägypter, Griechen und Römer kannten den Schirm als Sonnenschutz und als Herrschaftssymbol. Als Privileg für Würdenträger übernahm im 13. Jh. die christliche Kirche den Schirm und entwickelte daraus den Baldachin. Zum Gebrauchsgegenstand wurde er in Italien während des 16. Jhs. Erst seit etwa 1740 unterscheidet man zwischen Regen- und Sonnenschirm. Um 1815 erfand ein Franzose den „Knicker“, bei dem der Stock abgewinkelt werden konnte. 1852 stellte Sam Fox in London das Stahlgestell für Schirme vor. Bis dahin gab es nur Gestelle aus Fischbein, Rohr und anderen biegsamen Materialien.

schirm2kAnzeige des „Schirmfabrikanten“ H. Meyer aus Jever im Jeverschen Wochenblatt vom 19.4.1862.

Das Dach unseres Sonnenschirms, aus schwarzer Seide und mit einem Spitzenrand versehen, ist auf ein Stahlgestell gezogen. Der Stock besteht aus dunkel gebeiztem Rohr, der Knauf aus Elfenbein steckt in einem breiten Silberring mit Tulpensträußchen. Diese in einer Form gegossene Serienanfertigung weist auch eine glatt gelassene Fläche für das Monogramm der Besitzerin auf; der vorgesehene Platz ist allerdings leer geblieben.

Die Schirmfabrikation war ursprünglich ein Nebengewerbe der Drechslerei. Erst allmählich entwickelte sie sich zur Selbständigkeit und damit zu einer manufakturähnlichen Produktion. Häufig bestand die örtliche Schirmfabrikation aber nur im Zusammenstellen der in Spezialbetrieben hergestellten Teile des Schirms und im Überziehen desselben mit Seide, Halbseide, Wolle und Baumwolle. Die Regenschirme unterschieden sich untereinander vor allem durch die verwendeten Stoffe und deren Verarbeitung. Der Sonnenschirm, geschmückt mit Spitzen, Schleifen, Volants und Bouquets, erforderte schon mehr Fantasie und Kunstfertigkeit vom Hersteller. Besonders praktisch angelegt war der „En-tout-cas“ (frz. „in jedem Falle“) genannte Schirm. Er schützte gegen jedes Wetter und war immer mit glattem Stoff bespannt. Die Damen werden sich häufig dennoch für den „Sünnschirm“ entschieden haben, weil man ihn passend zur übrigen Gaderobe anfertigen lassen konnte.

1859 eröffnete der auch als Wanderfotograf tätige Heinrich Anton Andreas Meyer aus Stade im Hause des Kaufmanns Wilhelm Rudolphi in Jever eine Schirmfabrik – „vorläufig“, wie im Jeverschen Wochenblatt vom 26.10.1859 zu lesen ist. Die „Schirmfabrik“ wird zunächst ein „Ein-Mann-Betrieb“ gewesen sein. 1865 kaufte Meyer das Haus von seiner Schwiegermutter Catharine Margarethe Rudolphi geb. Lübben und baute es aufwendig um. Bis 1903 befand sich die Schirmfabrik nachweislich in diesem Haus am Neuen Markt 178 (jetzt Kirchplatz 4). Im Jeverschen Wochenblatt finden sich zwischen 1865 und 1900 zahlreiche Anzeigen mit Hinweisen wie „bestens empfohlen“ „außergewöhnlich billige Preise“ und „Reparaturen sowie Überziehen sofort und billig“. Anscheinend wurden in Jever viele Sonnenschirme gebraucht. Neben Heinrich Meyer boten auch das Warenhaus J. Valk Söhne, A. Mendelsohn, K. S. Koopmann & Sohns Wwe. und das Textilhaus Möhlmann Schirme an. Es wird vornehmlich billigere Ware „von der Stange“ gewesen sein, denn in den Anzeigen werden die „heute empfangenen Sendungen“ in der Regel „zu billigen Preisen“ angeboten.

In Jever werden sich die Frauen des Bürger- und Kleinbürgertums in ihrem Modeverhalten nicht viel von denen vergleichbarer Kleinstädte unterschieden haben. Zur Orientierung gab es zahlreiche Modezeitschriften, wie z.B. die „Illustrierte Frauenzeitung“, „Die Modenwelt“, „Jugend“ oder „Allgemeine Modenzeitung“. Mit Hilfe der Konfektionsware, die nur noch von sehr wohlhabenden Bürgern abgelehnt wurde, konnten sich breite Bevölkerungsschichten modisch kleiden und auch die gängigen Accessoires kaufen.

Im Museum hängt ein Bild, gemalt um 1860/65 vom Jeverschen Maler Caspar Sonnekes, auf dem zwei Frauen der bürgerlichen Oberschicht promenieren. Die eine trägt einen türkisfarbenen – vielleicht bei Heinrich Meyer gearbeiteten? – Sonnenschirm; ein Pendant dazu befindet sich in der Ausstellung des Museums. Das ist Beweis genug, daß die jeversche Dame schon immer „up to date“ war.
Ingrid Hentzelt

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Frauenmode um 1900. Der Schirm gehört zu den festen Accessoires. Aus: Illustrierte Frauenzeitung, 1905.

Anmerkungen:
1) Badische Fortbildungsschule 12 (1898)… zitiert nach Weber-Kellermann, S. 202
2) Frauenzimmerlexikon… zitiert nach Thiel, S. 244

Literatur:
Brockhaus‘ Konversations-Lexicon. 14. Aufl., 16 Bde., Leipzig 1892
Meyers Großes Taschenlexikon. 24 Bde., Mannheim 1981
Nienholdt, Eva: Kostüme des 18. und 19. Jahrhunderts, Braunschweig 1963
Stein, Werner: Der große Kulturfahrplan. Heinberg b. Wien 1987
Thiel, Erika: Geschichte des Kostüms. Die europ. Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7. Aufl. Wilhelmshaven 1987
Weber-Kellermann, Ingeborg: Frauenleben im 19. Jahrhundert. 2. Aufl. München 1988

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