34 Dose mit hebräischer Inschrift. Überbleibsel der jeverschen Judenheit

odm0200Gedrechselte Dose aus Olivenholz, 19./20. Jh., Zeremonialgegenstand aus einem jüdischen Haushalt (?) in Jever. H: 10,5 cm.

Ganz harmlos, als „Salzfaß aus der jeverschen Synagoge“, lag die Neuerwerbung des Schloßmuseums zwischen all den anderen Gegenständen im Fenster eines jeverschen Antiquitätenhändlers. 53 Jahre nach der Zerstörung des jüdischen Gotteshauses taucht plötzlich ein Relikt aus Jevers dunkelster Vergangenheit auf … Grund genug, dem nachzuspüren.

Meine Frage nach der Authentizität des Fäßchens konnte vom Händler nur unzureichend beantwortet werden: Eine inzwischen verstorbene Jeveranerin, die damals in der Wasserpfortstraße, dicht neben der abgebrannten Synagoge wohnte, hätte die Dose beim Herumstöbern im Schutt entdeckt und mitgenommen. Mehr war über die Umstände der Auffindung nicht zu erfahren.

Es ist unglaubhaft, daß ein Gegenstand aus Holz unversehrt den Brand überstanden haben soll, außerdem wäre sicherlich kein jeverscher „Arier“ so einfach in den Synagogentrümmern herumgestiegen, das war viel zu gefährlich …, in zwiefacher Hinsicht. Bei Umfragen in der Bevölkerung stieß ich auf eine Mauer des Schweigens, Scheu und Zurückhaltung bestimmen noch immer das Verhalten unserer Mitbürger im Umgang mit dem Thema „Juden in Jever“.

Ein Salzfaß konnte unser Objekt keinesfalls sein, Vergleiche mit ähnlichen Gefäßen in Judaica-Katalogen bestätigten dies. Museumsfachleute aus jüdischen Museen (Berlin, Braunschweig, Frankfurt), die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Oldenburg und nicht zuletzt der zufällig daselbst anwesende ehemalige Landesrabbiner (1936-1938) Leo Trepp tippten auf ein Etrog-Gefäß.

Leo Trepp, der sich in Ausübung seines Amtes oft in Jever aufhielt, hatte Zweifel, daß sich überhaupt noch bewegliche Kultgegenstände in der Synagoge befanden, als diese abbrannte. „Die großen, schönen Fenster der Synagoge zu Jever wurden so oft eingeschlagen, daß die Gemeinde schließlich keinen Gottesdienst in ihrer schönen Synagoge mehr halten konnte. Man ging in eine Stube.“1

Es gibt auch keinen Beweis dafür, daß sich das Döschen jemals in der Synagoge befand, jede jüdische Familie kann es besessen haben. In einem mosaischen Haushalt gebrauchte man viele Zeremonialgegenstände, um das „Leben unter dem Gebot Gottes“ erfüllen zu können. In der Bibel wird das jüdische Volk als „Haus Israel“ bezeichnet, der familiäre Charakter der Glaubensgemeinschaft und die Mischung aus Tradition und Alltagsleben in der Gegenwart hat viel zum Überleben des jüdischen Volkes beigetragen.

Die gedrechselte Dose aus Olivenholz (H.: 10,5 cm, 19./20. Jh.) könnte aus Deutschland oder auch aus Palästina stammen. Die Einfachheit der Arbeit – die Verzierung besteht lediglich aus jeweils sechs erhabenen Leisten rund um den oberen und unteren Rand, der Deckel ist mit einem verzierten Griff ausgestattet, auf ihm verlaufen fünf vertiefte Rillen – macht die Herkunftsbestimmung auch nicht leichter. Lediglich die erhabene hebräische Inschrift „Jeruschalem“ könnte ein Hinweis darauf sein, daß das Fäßchen in Deutschland hergestellt wurde. „Jeruschalem“ ist im Hebräischen die ungewöhnlichere Schreibweise, richtiger ist „Jeruschalajim“, d. h. „Wohnung des Friedens“. Am Boden des Behältnisses lassen sich zwei hebräische Zeichen nur erahnen, es könnte sich um die Initialen des Drechslers oder des Dosen-Besitzers handeln.

„Jeruschalajim“ – für alle Juden in der Diaspora ein Wort der Verheißung, nicht erst seit der Zeit des Zionismus. „Nächstes Jahr in Jerusalem“, so verabschieden sich Juden in aller Welt voneinander.

Der Zionismus, damals eine neue politische und soziale Bewegung zur Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina (die Anfänge liegen im 19. Jh. und stehen im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Nationalismus und des modernen Antisemitismus in Europa), hatte auch in Jever seine Anhänger. Zu Anfang des 20. Jh. schlossen sich Hannover, Braunschweig und Oldenburg zu einem zionistischen Gruppenverband zusammen, in Jever war deren Vorsitzender der Schneider Moses Schwabe aus der Mönchwarf 7. Vielleicht gehörte ihm das Döschen.

Was ist nun ein Etrog? Etrog, der Paradiesapfel, im Hebräischen „Frucht des Baumes der Pracht“, ist eine Zitrusfrucht, ähnlich einer Zitrone. Sie wird während des Gottesdienstes am Sukkot (Laubhüttenfest) verwendet.

In der altorientalischen Symbolik ist der Etrog ein Symbol für weibliche Fruchtbarkeit. Unter allen Zitrusfrüchten ist er der einzige, bei dem nach der Reifung ein Rest des Fruchtknotens hängenbleibt. Voraussetzung für die Verwendung der Früchte ist deren Unversehrtheit. Außer in den Mittelmeerländern (Anbaugebiete) war die Beschaffung der Frucht in jedem Jahr sehr schwierig, schwierig auch deren Verwahrung. Das führte zur Entwicklung von besonderen Behältern. Für ihre Gestaltung gab es keinerlei Vorschriften, und so waren die Künstler bei der Ausformung der Dosen völlig frei. Sie verwendeten Metalle, Schildpatt und auch Holz, und wenn Dekor und Inschrift fehlen, sind viele Dosen nicht eindeutig bestimmbar. So ist es auch mit unserer Dose.

odm02002Schneider Moses Schwabe aus Jever. Ölgemälde von Georg von der Vring, 1924.

Sukkot – das Laubhüttenfest – ist das Fest der Erlösung, der Freude und Vollendung der Thora. Ursprünglich war es ein Wallfahrtsfest und markierte als herbstliches Dankfest und Gegenstück zu Pessach die andere Hälfte des landwirtschaftlichen Zyklus, ähnlich dem Erntedankfest der Christen. Gleichzeitig gedenkt man der Herausführung aus Ägypten. Zur Erinnerung an die vierzigjährige Wüstenwanderung, während der das Volk in Hütten wohnte, soll jeder Haushalt eine Sukka errichten. In der Regel wird die Laubhütte aus einem Holzgerüst errichtet und mit Zweigen lose gedeckt; der Himmel muß durchscheinen. Von den Zweigen herab hängen Früchte und bunter Papierschmuck. In der Sukka, die im Garten, im Hof, auf dem Balkon oder sogar auf der Straße errichtet werden kann, verbringt die Familie einen Teil des siebentägigen Festes. Am letzten Tag wird das Schlußfest mit einem Festgottesdienst begangen, bei dem der Abschluß der jährlichen Thoravorlesung und der Neubeginn des Thorazyklus (mit der Schöpfungsgeschichte) gefeiert wird.

Am 4. September 1732 fand anläßlich des Laubhüttenfestes der 1. jeversche Judenpogrom statt. Levi Meyer, das damalige Oberhaupt der jüdischen Gemeinde, nannte ihn in einem Beschwerdebrief an den Landesherrn (Johann August von Anhalt-Zerbst) „eine Zerstörung Jerusalem“.

Unsere Dose weist Risse auf, und der Deckel war mittendurch gespalten (er wurde sehr laienhaft mit schlechtem Kleber zusammengefügt). Es sieht aus, als wäre sie mit Wucht aus größerer Höhe auf steinigen Grund geprallt. Von Überlebenden des Holocaust wissen wir, daß SA-Truppen damals in der „Reichskristallnacht“ in Jever (und anderswo) jüdischen Besitz aus den Fenstern auf die Straße geworfen haben. So oder ähnlich könnte es gewesen sein…
Ingrid Hentzelt

1Anmerkung:
Trepp, Leo: [. . .], in: Die Geschichte der Oldenburger Juden und ihre Vernichtung. Oldenburg 1988, S. 82-88, hier S. 83

Literatur:
Asaria-HeIfgott, Zvi: Die Juden in Niedersachsen. Leer 1979
Berlin Museum, Judaica Katalog. Berlin 1989
Gröschler, Aenne: Erinnerung einer Jüdin an die letzten Wochen in Jever. Oldenburg 1988
Meyer, Enno: Die Synagogen des Oldenburgcr Landes. Oldenburg 1988
Peters, Hartmut: Verbannte Bürger. Jever 1984
Wegweiser durch das jüdische Berlin. Berlin 1987

© Schloßmuseum Jever