38 Firmenschild eines jeverschen Tabakfabrikanten

odm600Firmenschild des jeverschen Tabakfabrikanten Carl Wilhelm Ingenohl. Fragment. Öl auf Holz, um 1813

„Unter dem russischen Doppeladler ist gut leben“, mag sich Carl Wilhelm Ingenohl aus Amsterdam gedacht haben, als er im Dezember 1813 eine Tabakfabrik in Jever errichtete. Kurz nachdem die Herrschaft Jever unter die Oberhoheit Kaiser Alexanders I. von Rußland zurückgekehrt war, gab Ingenohl die Geschäftsgründung im Jeverschen Wochenblatt bekannt. Er habe aufs neue eine „Tobacks-Fabricke“ errichtet und empfehle sich daher mit allen Sorten von „Toback“. Durch regelmäßige Anzeigen informierte er auch im folgenden Jahr die jeversche Bevölkerung über Warenangebote und Betriebsveränderungen. Ab September 1814 hatte er den Sitz seiner „Fabrik“ in die „bisherige Wohnung des Herrn Doctor Hollmann in der St. Annenstraße hieselbst“ verlegt, und seit dem l. Januar war er mit „dem Herrn J. G. Olt-manns associirt“. Im Jahre 1816 beschäftigte die Ingenohlsche Tabakfabrik sieben Angestellte und war damit zwischenzeitig der größte Arbeitgeber in Jever.

Überliefertes Zeugnis der Fabrikgründung im Jahre 1813 – wobei man unter „Fabrik“ zu dieser Zeit oft nur einen unter manufakturähnlichen Bedingungen arbeitenden (Ein-Mann)-Betrieb zu verstehen hat – ist ein hölzernes Firmenschild, auf dem sich in zeichenhafter Weise politisches Zeitgeschehen, gewerbliches Leben und kulturgeschichtlicher Hintergrund widerspiegeln. Obwohl der linke, untere und rechte Rand der Tafel abhanden gekommen und die farbintensiven Bemalungen durch Nagelspuren erheblich verletzt worden sind, ist das Kernmotiv noch gut erhalten. Im Zentrum des Bildes prangt auf goldenem Grund der russische Doppeladler, eingerahmt von stilisiertem Herrschermantel und aufgesetzter Kaiserkrone. Der Maler hat hier die Referenz des Auftraggebers an den unmittelbar zuvor erfolgten Herrschaftswechsel aufgegriffen.

Carl Wilhelm Ingenohl, dessen Firmen- und Namensnennung auf dem unteren Tafelrand noch ansatzweise zu erkennen ist, bedurfte auch wohl dieses offiziellen Privilegs, das ihm die örtliche Tabakverarbeitung gestattete. Die Fässer, Ballen und Kisten verweisen auf die gängigen Verpackungsformen, in denen Tabak um 1800 gehandelt wurde. Auf den Behältnissen sind die Kürzel für die Tabaksorten (No. 2, No. 3) und die Initialen des Geschäftsinhabers (C. W. I.) dargestellt. Wie die Gewichtsangaben auf den Fässern (800 und 1000 Pfd.) zeigen, wurden beträchtliche Mengen auf solche Weise transportiert. Pro 100 Pfd. Tabak hatte der Händler l bis 2 Rtl. Zoll zu zahlen, hinzu kamen pro Pfd. l bis 2 Groschen Stempelgebühr.

Durch die beiden Indianer, die das Wappenemblem pfeiferauchend einrahmen, erhält das Firmenschild schließlich seinen exotischen Charakter. Der Maler setzte hier bewußt ein geläufiges Motiv ein, das auf Kupferstichen, die dem frühen Tabakkonsum gewidmet sind, häufig auftaucht. Damit sollte die amerikanische Herkunft des neuen Genußmittels symbolisiert werden, und es ist kein Zufall, daß die rechte Hand des in der linken Bildhälfte plazierten Rauchers auf eine wichtige, damals übliche Tabaksorte verweist, den „Portoriko“. Gleichzeitig wird mit dieser Geste angedeutet, in welcher Form der Tabak aus der „Fabrik“ in die Kleinhandlungen der Krämer und Wirte gelangte, nämlich als feingeschnittene, in Briefkuverts verpackte Ware. Daneben hat es aber bis ins 19. Jahrhundert den zu geflochtenen Strängen verarbeiteten Verkaufstabak gegeben.

odm6002Indianer mit Tabakpfeife und Tabakpflanze. Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert

Als der Tabak Mitte des 16. Jahrhunderts in Europa eingeführt wurde, mutete die Art des Konsumierens ähnlich exotisch an wie das Land, aus dem er stammte. Entsprechend sprach man anfangs auch nicht vom „Tabakrauchen“, sondern analog zu den bekannten Formen des Genußmittelkonsums vom „Tabaktrinken“. Kritische Zeitgenossen prägten dann den Begriff von der „trockenen Trunkenheit“ des Tabakrauchens und spielten damit auf Exzesse an, die in ihren Augen dem übermäßigen Alkoholkonsum vergleichbar waren.

Über die Niederlande gelangte der Tabak rasch in die oldenburgisch-ostfriesische Küstenregion. Balthasar Arend berichtet in seiner Landesbeschreibung des Harlingerlandes von 1684, daß der „Toback hier sehr gemein“ sei, „wie denn auch viele Weiber den Toback ohne Scheu und öffentlich meisterlich schmauchen dürfen“. Die geschlechtsspezifische Tabuisierung des Rauchens brachte erst das 18. Jahrhundert hervor, als der allgemein zunehmende Tabakkonsum obrigkeitliche Maßregeln – nicht zuletzt aus Brandschutzgründen – nach sich zog.

Daß auch in Jever früh mit Tabak gehandelt wurde, belegen landesherrliche Konzessionen aus dem späten 17. Jahrhundert sowie ein fürstlich-ostfriesisches Verbot vom November 1732, das den jeverschen Tabakhändlern bei Strafe von 10 Goldgulden verbot, ihren Tabak an Sonntagen durch die Residenzstadt Aurich zu fahren. 1773 kam es gar zur Gründung einer herrschaftlichen Tabakfabrik in Jever. Doch nicht nur Handel und Verarbeitung florierten in der Marienstadt. Um den Zoll für importierte Rauchwaren zu sparen, ließ der anhalt-zerbstische Landesherr Friedrich August um 1770 Tabak auf einem Teil der herrschaftlichen Äcker – der sogenannten „Tobacksdreesche“ – anbauen. So hoffte er, die Tabaksdeputate für seine Schloßgarde aus eigenen Mitteln bestreiten zu können.

odm6003Anzeige aus den Wöchentlichen Anzeigen und Nachrichten von Jever, 20. Juni 1814

Freilich war diesem Unternehmen auf Dauer kein Erfolg beschieden, weil den jeverschen Tabaken ganz einfach die Würze amerikanischer, niederländischer und auch süddeutscher (badischer) Tabake fehlte. Ohne die ausländischen Importe kam auch später der Tabakhändler C. W. Ingenohl nicht aus. Sie waren nötig, um im scharfen Konkurrenzkampf zwischen den Händlern an der Nordseeküste zu bestehen. Die lokale Tabakverarbeitung ging aber in der l. Hälfte des 19. Jahrhunderts umso stärker zurück, je größer das Bedürfnis nach einer anderen Form des Tabakkonsums wurde – dem Zigarrenrauchen. Die Herstellung von Zigarren verlangte nach anderen Fertigungsmethoden, nach Produktionsstrukturen, wie sie in den ganz von der Landwirtschaft bestimmten Küstenmarschen nicht zu finden waren. Solche Voraussetzungen lagen eher in den Geestgebieten des Landes, wo neben der Landwirtschaft auch das Heimgewerbe existierte. Zum Zentrum der regionalen Zigarrenproduktion entwickelte sich dann Bremen, das während des gesamten 19. Jahrhunderts den Zigarrenmarkt in Nordwestdeutschland beherrschte.
Uwe Meiners

Literatur:
Fissen, Karl: Jever. Volkskundliches aus einer kleinen Stadt und ihrer Landschaft. Jever 1960, bes. S. 137 ff.
Schivelbusch, Wolfgang: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel. München, Wien 1980.
Volkskunde und Brauchtum in Ostfriesland. Ergebnisse der Arbeitsgruppe Volkskunde und Brauchtum der Ostfriesischen Landschaft, aufgezeichnet von Ingrid Bück. Hrsg. von Hedwig Hangen. Aurich 1988, bes. S. 83 ff.

Quellen:
STA Oldenburg: Best. 76-16 A, Nr. 159; Best. 262-4, Nr. 9372.
Wöchentliche Anzeigen und Nachrichten von Jever, Jg. 1814 und 1815.

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