41 Ein Unterrock aus der Zeit um 1910

odm900Unterrock aus Baumwolle mit vier Spitzenreihen. Um 1910, Jeverland.

„Kleider machen Leute“, äußerte einst Gottfried Keller. Doch welche Bedeutung hat das Darunterliegende, das nach allgemeiner Erfahrung meist zu einem viel späteren Zeitpunkt sichtbar wird? Ein heikles Thema. Gern redet man von der neuesten Hose oder Bluse, – über das sich zart darunter Abzeichnende wird seltener ein Wort verloren. Dieses einsame Dasein des Schweigens verdankt es dem Anstand: Halt, Intimsphäre!

Im folgenden soll etwas Licht in diese geheimnisvolle Welt gebracht werden, die durchaus nicht namenlos ist: In der Frauenmode sind reizvolle Unterwäsche, aparte Miederwaren, extravagante Dessous und schicke Unterröcke gängige Vokabeln. Aus der letztgenannten Rubrik stammt das Objekt dieses Monats.

Als im Jahre 1911 der jeversche Kaufmann August Hinrich B. vor den Traualtar tritt, trägt seine Braut Anny unter ihrem weißen Hochzeitskleid den obligatorischen Unterrock. Das Kleidungsstück aus feinem Baumwollmaterial entfaltet seine ganze Pracht im unteren Drittel. Der Unterrock wird umzogen von vier geradlinigen Spitzenreihen. Ihr feingearbeitetes florales Motiv wurde geklöppelt, das heißt, von Hand wurden starke Fäden kunstvoll verschlungen, gezwirnt und geflochten. Beim Betrachten dieser filigranen Textilie fällt es nicht schwer zu glauben, daß seit der Entwicklung der Spitze während des 16. Jahrhunderts in Italien die Modewelt besonders in dieses Erzeugnis ihr künstlerisches Können investierte und schließlich berühmte Kreationen wie die französische Chantilly-Spitze oder die englische Buckinghamshire-Spitze hervorbrachte.

Unterhalb der ersten Reihe ist ein Atlasseidenband durch einen Seidenbatiststoff gezogen und an der Seite zu einer Schleife verknotet. Dieser sogenannte „einfache Atlas“ ist leicht zu erkennen: Die Unterseite der glatten, glänzenden und geschmeidigen Seidenoberfläche ist feinstrukturiert und besteht aus dem weniger edlen Material Baumwolle. Die von Hand gewebten Tupfer auf den zwei folgenden gefalteten Stoffpartien verleihen der strengen Geometrie der waagerechten Linien eine auflockernde und verspielte Nuance.

Warum werden so viel Ideen, Eifer, Arbeit und Geschick auf ein fast unzugängliches Kleidungsstück verwandt? Eduard Fuchs versuchte 1912 eine erste Erklärung aus männlicher Sicht abzugeben: „Je tiefer man in die Untergründe der weiblichen Kleidung eindringt, so komplizierter und zugleich die Sinne beraubender wird diese . . . Dadurch, daß die weibliche Unterkleidung je mehr sie sich dem Körper nähert, immer heller wird und schließlich nur in Weiß besteht, markiert die Frau ihre spezifische hellere Hautfarbe und darum ruft jede Frau auf die verschiedenste Art dem Manne zu: „Ich bin weiß, ich bin weiß!“ Erotik und Steigerung des Genußlebens kulminieren seiner Meinung nach im Jupon (Unterrock). Er sei das große Geschütz der weiblichen Verführungskunst. „Erst wenn die Frau älter wird“ – so heißt es weiter – „und gänzlich auf die erotischen Freuden verzichtet, wird sie der Vernunft mehr zugänglich, und ihre Unterkleidung erfüllt den eigentlichen Zweck der Wärmehaltung.“ Dieser reduzierten Darstellung wird keine Frau völlig zustimmen können. Die Kleidung allgemein hat auch einen reflexiven Wert: Sie gibt dem Träger Halt, streichelt, kratzt, zwängt ein, gibt Sicherheit und wirft Gefühle zurück. Neben den deutlich sexistischen Untertönen bei Fuchs fällt die letztgenannte Behauptung auf, die Unterbekleidung habe von Natur aus wärmende Funktion. Es stellen sich daher die weitergehenden Fragen nach zeitlichem Ursprung und sozio-kultureller Ursache des Wandels: vom schützenden Stoff zum raffiniert-phantasievollen Zubehör.

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert begann in den sozial führenden Schichten systematisch die Organisierung einer Modekunst: 1672 wird die erste französische Modezeitschrift („Mercure“) gegründet. – Als verschönerungsbedürftiges Repräsentationsinstrument wurde der Körper bald in gesundheitsschädigende Korsetts gezwängt; die höfische Dame übte – dem neuen Körpergefühl entsprechend – auch den richtigen Gang ein, damit die Bekleidung ihre volle Eleganz entfalten konnte. In diese Zeit fällt die Entdeckung des erotischen Reizes von Dessous und Jupons.

odm9002Anzeige aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 18.11.1911

Um die Hüften stärker zu betonen, trugen die Frauen unter dem Kleid zahlreiche Unterröcke – bis zu einem halben Dutzend. Im 18. Jahrhundert wurde der Reifrock kürzer, so daß die mit einer Spitze besetzte Jupe ans Tageslicht trat. Die prachtvollen Verzierungen sollten beim Treppensteigen, durch wippendes Gehen, oder bei vorhersehbaren „Zufälligkeiten“ wie z. B. einer plötzlichen Windboe sichtbar werden; schließlich war der Unterrock oft kostbarer als das Kleid. Mit der Entdeckung der „schlanken Linie“ um 1880 wurde die Körpermodellierung noch weiter vorangetrieben (Thiel: 354): Als schick galt das Tragen nur noch eines einzelnen Unterrocks, damit sich die Kleider immer enger an den Körper anschmiegen konnten. Die aufkommende Sportbewegung und die nachfolgende Emanzipierungswelle, woraus sich Reformen auch im Modebereich („Reformkleid“) entwickelten, verlangten nach Kleidern, die die Bewegungsfreiheit nicht weiter einschränkten. In diesem Trend erschienen auch kuriose Übertreibungen. So ging der in den Knien gleichsam zugeschnürte sogenannte „Humpelrock“ (um 1911) in die Geschichte ein.

Den Argumenten des Soziologen Norbert Elias‘ folgend, kann man in den sich veränderten Moralvorstellungen zur Unterbekleidung durchaus eine zielgerichtete Entwicklung erkennen. Noch im Mittelalter entblößte sich der Mann vor der sozial schwächeren (fremden) Frau, und in Herbergen schliefen mehrere (sich unbekannte) Personen in einem Bett, ohne Scham zu empfinden. Sexuelle Übergriffe waren die Regel. Im 16. Jahrhundert erscheint in Deutschland erstmals eine spezielle Nachtbekleidung, die die natürliche Nacktheit verhüllt. Ein Schamgefühl entsteht. Diese Entwicklung steigerte sich in bestimmten Phasen bis 1900, als der Anblick eines unter dem Kleid deutlich sichtbaren nackten Fußes einen Skandal auslösen konnte (Weber-Kellermann: 136). Man verbarg den Körper, um das Gegenüber nicht über alle Maßen zu provozieren. Gleichzeitig lernte der moderne Mensch, sich weitgehend zu beherrschen – Emotionen wurden reguliert: eine bis heute kultivierte Tugend. Die direkte Körpersprache geht seither ganz gezielt in der Kleidersprache auf. Die Lust konzentriert sich fortan auf die Augenlust.

Das Objekt des Monats vermag wie gesehen in verschiedenen Sprachen zu sprechen: Es gibt Auskunft über den Zeitgeschmack der Mode, über die künstlerischen Fähigkeiten und Bemühungen von Textilgestaltern und über den langen Prozeß der „Kultivierung am lebendigen Leib“. Doch die Spuren lassen sich noch in einer anderen Richtung verfolgen, die hier abschließend nur angedeutet werden kann. Das Ehepaar aus dem mittleren Bürgertum konnte es sich leisten, die Herstellung der Hochzeitsausstattung nach den eigenen Vorstellungen bei einem Händler in Auftrag zu geben. Dies geschah in Hohenkirchen. Im Jeverschen Wochenblatt finden sich seit Ende des letzten Jahrhunderts regelmäßig Anzeigen, in denen Damenwäsche und -unterbekleidung feilgeboten werden. Konfektionsware drängte zunehmend auf den Markt, die oft in Qualität und Raffinement von handwerklich gefertigten Produkten kaum zu unterscheiden waren. Nur wenige Fertigkeiten verblieben seit der Industrialisierung in Handarbeit. Zu ihnen zählte das Klöppeln. Diese arbeitsintensive Produktionsform konnte nur bei überdurchschnittlich niedrigen Lohnkosten und hohen Erzeugnismengen überleben. Diesen Anspruch löste die sogenannte Heimarbeit ein. Der Begriff suggeriert fälschlicherweise eine gemütliche Tätigkeit zur Wiederbelebung guter alter Traditionen, doch das Gegenteil traf zu. Heimarbeit bedeutete erbärmlich vergütete, gesundheitsschädliche „Arbeit in ungerechter Fron“ (Jacobeit: S. 70). – Auch dieser Aspekt sollte Beachtung finden, wenn „man“ sich vom Reiz historischer Unterwäsche gefangen nehmen läßt.
Kenan Holger Irmak

Literatur:
Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen; 2 Bände; Frankfurt 1980
Fuchs, Eduard: Illustrierte Sittengeschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart in 3 Bänden; Bd. 3; Berlin 1912.
Jacobeit, Wolfgang und Sigrid: Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes 1810-1900; Köln 1987; Bd. 2.
Thiel, Erika: Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart; Berlin (DDR) 1980.
Weber-Kellermann, Ingeborg: Frauenleben im 19. Jahrhundert; München 1988

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