47 Silberne Branntweinschale von 1781

odm0301_1Branntweinschale. 13lötiges Silber, Harlingerland (?) 1781, Meisterzeichen C*, mit Monogramm AOM. Durchmesser der ovalen Schale 18,5 cm, Höhe 10,8 cm. Schlossmuseum Jever, Inv.-Nr. 306. – Die mit acht Buckeln versehene Schale nimmt in vier Feldern teils geriebene, teils punzierte Blumenornamente auf. An den beiden Längsseiten gegossene Henkel mit Drachenköpfen.

Zu den besonders attraktiven Altbeständen des Schloßmuseums Jever gehört eine datierte silberne Branntweinschale von 1781. Sie vertritt eine in der niederländisch-norddeutschen Küstenregion während des späten 17. bis 19. Jahrhunderts häufig auftretende Gefäßform, deren ursprünglicher Gebrauchszweck vielen noch geläufig ist, aber auch schon zu Deutungsversuchen wie „Aufbewahrungsschale für Konfekt oder Kekse“ geführt hat.

Solche Interpretationen verweisen auf Sekundärfunktionen, mit denen diese Schalen im Laufe der Zeit belegt wurden. Wenn W. Lüpkes in der 2. Auflage seiner „Ostfriesischen Volkskunde“ noch berichten kann, daß „die silbernen blitzblank gehaltenen Branntweinschalen in den alten Familien noch vielfach als ehrwürdige Erbstücke vorhanden sind“ (Lüpkes 1925: 94), so deshalb, weil sich in Ostfriesland und im Jeverland der Brauch des Branntweinausschanks zur Geburt eines Kindes stellenweise bis ins 20. Jahrhundert gehalten hat. Kein gewöhnlicher Branntwein wird zu diesem Anlaß den Verwandten und Freunden des Hauses gereicht, sondern ein mit Rosinen und Zucker angesetzter Schnaps.

Lüpkes mochte noch Erzählungen und Berichte des 19. Jahrhunderts im Ohr haben, wenn er diesen Vorgang wie folgt beschreibt: „Eine alte Unsitte (!) ist der ‚Wivedag‘, daß sich gleich nach der Geburt benachbarte Frauen zahlreich bei der Wöchnerin einfinden und sich gütlich tun. Das Gesprächsthema bilden natürlich alle Umstände der Geburt, die Vorzüge des Kindes, das geboren ist, der Streit, wem es am meisten ähnelt – ob dem Vater oder der Mutter. Die Priesterin in dem Heiligtum der Wöchnerin … ist bei dieser ‚Kramvisite‘ die Hebamme, die nicht müde wird , im ‚Bran(d)wienskop‘ den obligaten Branntwein mit Zucker und Rosinen zu mischen und denselben herumzureichen, damit jede nach Belieben daraus löffele. Gebraucht wird dabei ein Löffel mit kurzem geradem Stiel und kreisrundem Blatt. Die Hebamme selbst pflegt mit gutem Beispiel voranzugehen; auch die Kramfrau (Wöchnerin) bekommt wohl einen Löffel voll, damit sie einen anderen Geschmack bekomme und besser schlafe; ja dem Säugling sogar wird womöglich etwas Zuckerbranntwein auf die Lippen gerieben.“ (Lüpkes 1925: 94)

Man mag nach dieser Schilderung den Eindruck gewinnen, die Feier des freudigen Ereignisses sei notwendig mit dem Genuß von Branntwein verbunden gewesen. In den zahlreichen obrigkeitlichen Maßnahmen des 17. und 18. Jahrhunderts gegen die „Unsitte“ des „Kindelbiers“ – das eigentlich „Kindelbranntwein“ heißen müßte – spiegelt sich denn auch die Verankerung einer landläufig verbreiteten Gepflogenheit in der Bevölkerung. Daß Branntwein gerade zu diesem Anlaß gereicht wurde, hängt freilich auch mit der Vorstellung zusammen, daß sein Genuß Stärkung und Schutz vor ansteckenden Krankheiten versprach – mit ein Grund, warum man den im „Branntwienkoppje“ dargebotenen Rosinenschnaps auch der Wöchnerin und dem Säugling reichte.

odm0301_2Silberschmied bei der Arbeit. Abb. aus: Johannes u. Caspar Luyken, Spiegel van ‚t Menschelyk Bedryf, Amsterdam 1704.

Auf der anderen Seite wirft die Form des „verhäuslichten“ Branntweingenusses ein Licht auf die Verfeinerung von Tafel- und Trinkgewohnheiten während der Neuzeit. In der Mitte des 17. Jahrhunderts kamen in den Niederlanden und in Dänemark die Branntweinschalen auf, anfangs von rundem oder vieleckigem Querschnitt mit waagerecht angesetzten Henkeln. Diese Form verbreitete sich auch in Ostfriesland, wurde aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch einen ovalen Schalentyp ersetzt. Diesem entspricht auch unsere Branntweinschale mit dem ovalen gebuckelten Fuß. An der in acht Felder gegliederten Schale befinden sich seitlich zwei zierliche, S-förmig gegossene Henkel, deren Spitzen in einem drachenförmigen Kopf ausrufen. Die beiden mittigen, sich gegenüberliegenden und schlicht belassenen Felder tragen das Monogramm A. 0. M. bzw. die Jahreszahl 1781, während die jeweils angrenzenden Felder flachgetriebene, relativ gleichförmige Blütenornamente aufnehmen.

Die Schale wurde aus 13lötigem Silber hergestellt, was dafür spricht, daß sie nicht in Jever gefertigt wurde – wo die Gold- und Silberschmiede meistens 12lötiges Silber verwendeten -, sondern im angrenzenden Ostfriesland oder in den Niederlanden. Form und Dekor der Schale verweisen möglicherweise auf die Werkstatt eines Esenser Goldschmiedemeisters aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das eingestempelte Meisterzeichen (C*) konnte bislang allerdings nicht identifiziert werden. Denkbar ist, daß die Schale als Braut- oder Hochzeitsgeschenk ins jeversche Gebiet gelangte. Daß die im nordwesteuropäischen Nordseeküstengebiet vorkommenden Branntweinschalen ein relativ einheitliches Aussehen haben, belegt, daß es zwischen den Werkstätten der Gold- und Silberschmiede Kontakte gab, die vor allem durch das zünftig bedingte Gesellenwandern zustandekamen. Der künftige Meister mußte zeichnen können, und viele Gesellen haben sich auf ihren Wanderungen Musterbücher angelegt und sicherlich auch gedruckte Vorlagenblätter oder einzelne Ornamentstiche erworben (Meinz 1987: 11). Nur so ist zu erklären, daß in relativ weit voneinander liegenden Orten gleiche Gerätetypen und Schmuckformen verwendet wurden.

Gleich ist in jedem Fall auch das Bedürfnis der Konsumenten gewesen, solche Silberschalen als Prestigeobjekte in den Hausratsbestand zu integrieren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert, als sich im Zuge einer lang anhaltenden Agrarkonjunkturphase der Wohlstand bei den größeren Marschenbauern zu mehren begann, wurde Silberbesitz zu einem feinen Gradmesser für Ansehen und Lebensqualität in der bäuerlichen Gesellschaft. Doch auch bei wachsendem Wohlstand blieb dem Silbergeschirr – im Gegensatz zum Zinn – stets die Aura des Singulären und Hervorgehobenen erhalten. So wurden die „Branntwienkoppjes“ nicht allein als Trinkschale benutzt, sondern auch als Taufgefäß, das in dieser Funktion als Familienerbstück weitergereicht wurde. Dies ist mit ein Grund, warum ein relativ hoher Bestand solcher Branntweinschalen Notzeiten überdauerte und bis in unsere Tage erhalten geblieben ist.
Uwe Meiners

Literatur:
W. Lüpkes, Ostfriesische Volkskunde. 2. Aufl., Emden 1925.
Manfred Meinz, Schönes altes Silber. Gütersloh 1987.
G. Müller, Die Silbermarke der Stadt Jever. In: Oldenburger Jahrbuch 34 (1930), S. 81-91.
Wolfgang Scheffler, Goldschmiede Niedersachsens. Daten-Werke-Zeichen. 2 Bde. Berlin 1965.

© Schloßmuseum Jever