64 Bosch-Kühlschrank von 1954

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Im Bestand des Schlossmuseums Jever befinden sich einige Geräte, die Zeugnis von der beginnenden Haushaltselektrifizierung ab den 1950er Jahren ablegen. Der hier vorgestellte Kühlschrank der Firma Bosch aus den frühen Jahren des Wirtschaftswunders ist nicht nur Zeuge der anfänglichen Technisierung des Alltagslebens, sondern gilt über seine Funktion als Kühlgerät hinaus auch symbolhaft als luxuriöses Konsumgut jener Jahre.

Bei der Betrachtung des 1,24 m hohen Kühlschranks fällt vor allem der Türöffner in Form eines glänzenden Chromgriffs ins Auge. Das relativ schlichte Design des Geräts in Verbindung mit Chromzierrat wurde als ausgesprochen modern angesehen und fand sich beispielsweise auch bei den Öffnern zeitgenössicher Autotüren wieder. Die Kühlschranktür bei diesem Modell ist bereits mit einem Magnettürverschluss ausgerüstet. Eine beiliegende, auf rotem Grund verfasste Warnmitteilung weist den neuen Kühlschrankbesitzer darauf hin, das Schnappschloss seines alten Modells vor der Ausmusterung unbrauchbar zu machen. Hintergrund für diese Mitteilung war die Gefahr, das spielende Kinder in das alte Gerät gelangen und sich selbst nicht mehr befreien könnten.

Gekauft wurde der Kühlschrank von einer aus der Friesischen Wehde stammenden Familie am 15. Juni 1954 in einer Elektrohandling in Wilhelmshaven, wie der originale Einlieferungsschein belegt. Einerseits bedeutete die Anschaffung für die, in einer kleinen Dachgeschosswohnung lebende, Familie eine hohe finanzielle Belastung, denn der Neupreis für diesen Kühlschrank betrug zum damaligen Zeitpunkt stolze 970,– DM. Das entsprach ungefähr drei Monatsgehältern eines Arbeiters. Andererseits war mit dem Erwerb eines solchen Gerätes auch eine spürbare Entlastung im Haushalt verbunden. Folglich war das Hauptmotiv der Familie für den Kauf des Bosch-Kühlschranks, das Frischhalten der Milch für die zwei kleinen Kinder.

Die Grundlage für den Einzug elektrischer Haushaltsgeräte in die bundesdeutschen Wohnungen der Fünfziger Jahre schufen vor allem die veränderten sozialen Lebensbedingungen der Nachkriegsjahre. Der Wegfall der Dienstboten und die durch den technischen Fortschritt hervorgerufenen Rationalisierungsideen, aber auch der einsetzende demographische Wandel am Ende des Jahrzehnts mit einer Zunahme der Erwerbstätigkeitszahlen bei den Frauen, stehen beispielhaft für die Konstruktion moderner Lebensstile und den Beginn eines neuen technischen Zeitalters. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von technischen Haushaltsgeräten spielte besonders der Ratenkauf, denn er ermöglichte nun auch geringverdienenden Familien die Teilhabe an der bunten Warenwelt einer beginnenden Konsumgesellschaft.

bosch-1954-2Werbung für einen Bosch-Kühlschrank von 1937

Viele der elektrischen Gerätschaften waren zwar bereits um die Jahrhundertwende erfunden und auch vertrieben worden, aber erst nach dem Krieg erlebten sie durch Massenproduktion, sinkende Anschaffungspreise und dem mittlerweile im Kontext der Konsumgesellschaft allgemein akzeptierten Ratenkauf steigende Verkaufszahlen und massenweite Verbreitung.

Daraufhin erlebten die Geräte schließlich eine Laufbahn vom Luxusgut zum allgemein erschwinglichen Konsumgut. Die Entscheidung, in den Besitz eines Kühlschranks als langlebige Konsumware mit Hilfe des Ratenkaufes zu gelangen, mögen die in den Fünfziger Jahren insgesamt steigenden Löhne begünstigt haben. Das Ineinandergreifen dieser Faktoren und das Ansteigen der Anzahl technischer Geräte im Haushalt ermöglichte erstmalig die Integration von Arbeiterfamilien in die Konsumgesellschaft, wie auch eine schichtenübergreifende Angleichung im Konsumverhalten.

Die Küche nimmt im privaten Bereich eine Schlüsselstellung für die moderne Konsumgesellschaft ein, denn hier konzentrieren sich die ersten elektrischen Neuanschaffungen im Rahmen der Nahrungszubereitung und der alltäglichen Haushaltsführung. Die in den 1920er Jahren von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzki entwickelte „Frankfurter Küche“ als Vorläufer der Einbauküchen, zeigte schon wesentliche Elemente dieser modernen Wohnform, indem sie größtmögliche Funktionalität auf engstem Raum vereinte. Diese Küchenform war ursprünglich für Arbeiterfamilien konzipiert worden, da gerade in den engen Arbeiterwohnungen viele Menschen auf kleinstem Raum wohnten. Allerdings setzte sich die Einbauküche auch wegen der hohen Anschaffungskosten erst sehr viel später durch. Gerade bei dieser modernen Wohnform mit ihren vielfach gepriesenen pflegeleichten Resopaloberflächen lässt sich eine Fülle von elektrischen Haushaltsgeräten kombinieren.

Der Bosch-Kühlschrank war mit Sicherheit kein fester Bestandteil einer Einbauküche und wird als erstes elektrisches Haushaltsgerät oft in einer Symbiose mit traditionellen Einrichtungsformen in einer Küche gestanden haben. Zwischen Küchenschränken aus Holz und Emailleschüsseln mag er einen ersten Hinweis auf die kommende Technisierung, wie auch auf die Entwicklung vom Steinzeug zu moderneren Küchengerätschaften aus Kunststoffen gegeben haben.

Die Kühlung und Konservierung von Nahrungsmitteln, um diese über einen längeren Zeitraum aufzubewahren und frisch zu halten, stellte die Menschen schon immer vor besondere Herausforderungen. Eiskeller, kühle Höhlen und Gewölbe dienten oft als bevorzugte Aufbewahrungsorte. Traditionell wurde natürliches Eis in Blöcken gehauen und zur Kühlung der Speisen herangezogen. Jedoch war diese Art der Haltbarmachung in eigens angelegten Kühl- und Eiskellern sehr aufwendig. Aber auch der Transport der Eisblöcke zum Verbraucher erwies sich als sehr mühsam. Erste maschinelle Anlagen zur Eisherstellung entstanden schließlich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Arzt und Wissenschaftler John Gorrie 1844 die erste Kaltluftmaschine konstruierte, aus der später die Klimaanlage entwickelt wurde. Der Franzose Ferdinand Carré präsentierte 1862 auf der Londoner Weltausstellung seine drei Jahre zuvor entstandene Kompressions-Kältemaschine auf Ammoniakbasis.

Der wichtigste deutsche Kältetechniker Carl Linde stellte 1877 eine Maschine vor, die ganzjährig selbstständig Eis herstellen konnte und in ihren Komponenten wie Kompensator, Verdampfer, Pumpe usw. alle wesentlichen Merkmale späterer Kühlschränke bereits vereinigte. Mit der industriellen Fertigung dieser Maschine nach dem Linde-Verfahren wurde die Firma zum größten europäischen Kältemaschinen- hersteller. Durch ständige Verbesserungen wurden die ersten Kühlschränke mit ihrem Holzgehäuse und einem Innenleben aus Zinkblech auch für den privaten Gebrauch immer tauglicher. In den Dreißiger Jahren gehörten Kühlschränke in den USA schon zur Standardausstattung in den Haushalten.

Ähnlich wie beim KDF-Wagen sollte auch unter den Nationalsozialisten ein sogenannter „Volkskühlschrank“ für die Gesamtheit der deutschen Bevölkerung in den Dreißiger Jahren erschwinglich sein. Auch wenn die technischen Voraussetzungen schon gegeben waren, verhinderten die langsamere Elektrifizierung der Haushalte, wie auch der ausbrechende Krieg eine großangelegte Produktion. Kühlschränke waren oftmals das erste elektrische Haushaltsgerät, welches nach dem Krieg angeschafft wurde. Unterstützt wurde die beginnende Technisierung in den deutschen Wirtschaftswunderküchen auch von Seiten des damaligen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard, der in der DGB-Wochenzeitung vom 5. Juni 1953 „einen Kühlschrank für jeden Haushalt“ forderte.

Auf eine besondere Neuerung in den Ernährungsgewohnheiten der Fünfziger Jahre nimmt auch dieser Kühlschrank Bezug, denn er besitzt bereits ein modernes Gefrierfach, in dem Tiefkühlerzeugnisse aufbewahrt werden konnten. Damit konnten traditionelle Waren, wie Fisch, Spinat und Erbsen zu jeder Jahreszeit frischgehalten und saisonunabhängig zubereitet werden. Aber auch neue Tiefkühlspeisen wie Pommes Frites und Tiefkühlpizzen fanden allmählich Eingang in die Tiefkühlfächer deutscher Kühlschränke. Die standardisierten Tiefkühlgerichte als Ausdruck der Industrialisierung im Nahrungsgewerbe gewährleisteten den Verzehr in gleich bleibender Qualität über das ganze Jahr. Der Internationalisierung des Speiseplans der Deutschen wird hier bereits Rechnung gezollt.

bosch-1954-3Umschlag des Begleitheftes zur Bedienung und Pflege des Kühlschranks der Firma Robert Bosch GmbH

Darüber hinaus stellte die Tiefkühlkost mit ihrem geringeren Zeitaufwand in der Nahrungszubereitung einen enormen Vorteil für die stetig abnehmenden Haushaltsgrößen dar. Praktisch waren die Tiefkühlgerichte auch, weil sie gut zum modernen Konsum- und Lebensstil jener Jahre passten, in denen flexible und individuelle Mahlzeiten gewünscht waren. Der gut gefüllte Kühlschrank auf dem Umschlag der beiliegenden Bedienungsanleitung dokumentiert eindrucksvoll den überwundenen Mangel der Nachkriegsjahre und soll zugleich den endlich erreichtenWohlstand symbolisieren.

Auch nach dem Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetz zwischen Mann und Frau im Jahr 1958 blieb die klassische Rollenverteilung noch weitestgehend die Realität. Haushalt und Zubereitung der Speisen lagen damals primär im Zuständigkeits- bereich der Hausfrau. In den Werbeanzeigen jener Jahre begegnet uns häufig eine adrette, lächelnde und stets in der Mode der Zeit gekleidete Hausfrau, die stolz die technischen Geräte präsentiert und die damit verbundenen Arbeitserleichterungen im Haushalt anpreist.

Die Provenienz des Bosch-Kühlschranks im Magazin des Schlossmuseums ist sehr gut dokumentiert und so lässt sich an der Geschichte dieses Gerätes noch beispiel- haft der weitere Werdegang der Bundesbürger in die Konsumgesellschaft ablesen. Nach weiteren Umzügen in den 1950er und 1960er Jahren, findet der Kühlschrank 1971 in der Garage des ersten eigenen Neubaus seinen endgültigen Standort. Allerdings wird er dort nur noch zum Kühlen von Getränken benutzt. Wahrscheinlich war zu Beginn der 1970er Jahre eine Einbauküche mit integriertem Kühlschrank angeschafft worden. Die zunehmende Ausdifferenzierung des Speisen- und Getränkeangebotes führte schließlich dazu, dass bestimmte Waren auch an spezifisch für sie zugeschnittenen Aufbewahrungsorte gelagert werden konnten. So wurde Ende der 1980er Jahre schließlich ein Weinkühlschrank angeschafft und der noch funktionierende Bosch-Kühlschrank nicht mehr benötigt.
Stefan Meyer

Literatur:

Michael Wildt: Am Beginn der Konsumgesellschaft, Hamburg 1995.
Dieter Bänsch (Hrg.): Die Fünfziger Jahre, Tübingen 1985.
Peter Hunziker: Erziehung zum Überfluß. Soziologie des Konsums, Stuttgart 1972.
Utz Thimm/Karl-Heinz Wellmann: In aller Munde: Ernährung heute. Frankfurt a.M. 2004.
Begleitheft zum Kühlschrank der Firma Robert Bosch GmbH, Stuttgart 1954.