Ein Ausflug durch den Möbelbestand

EinleitungWundervollesSetzen Sie sich, bitte!Der gedeckte TischSesam, öffne dich!Friedlicher Schlaf

Einleitung

„Wenn Sie jetzt das Kriterium der Haltbarkeit ansprechen, muss ich sagen (…) die Möbel dürfen nicht so lange haltbar sein. Nach dem dritten Umzug darf der Schrank nicht mehr so aussehen, denn dann würde er womöglich noch vererbt.“1

Dieses Zitat eines Möbelhändlers aus einem Aufsatz über Stühle macht deutlich, dass sich die heutige Verarbeitung von Möbeln und unser Begriff von Qualität sehr verändert haben.

Postkarte Audienzsaal, 1910

Beim Spaziergang durch das Schlossmuseum lassen sich viele Möbelstücke entdecken, obwohl von der eigentlichen Ausstattung der damaligen Residenz nur wenige Einzelstücke geblieben sind. Die abgebildete Postkarte zeigt unseren Audienzsaal mit dem früheren Interieur, bevor das Museum ins Schloss gekommen ist.

Der Großteil unseres Bestandes steht jedoch im Magazin und bietet eine große Bandbreite. Daher möchte ich Ihnen gerne einige Höhepunkte unserer Sammlung im Schlossmuseum und aus den dazugehörigen Depots vorstellen, die aus insgesamt fünf Jahrhunderten stammen. Das Wort „Möbel“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „beweglich“ und tauchte bei uns im 17. Jahrhundert auf.2 Je nach Größe des Möbelstücks konnte es bewegt werden oder aufgrund seiner Größe als Symbol des Prunks manchmal auch nicht.

Bei der Konstruktion eines Möbels war der Tischler der wichtigste Handwerker. Nach Auftragserteilung musste dieser das Material beschaffen. Die Oberflächen mussten vor Feuchtigkeit und Schmutz geschützt werden und wurden überzogen. Er verwendete Öle, Wachse, Lasuren, Firnisse, die Holzmaserungen nachempfunden sind, oder deckende Anstriche. Jeder Tischler hatte seine eigenen Rezepturen, er konnte aber auch auf Veröffentlichungen zurückgreifen.3

Je nach Herstellung arbeitete er mit einem Schlosser, einem Schmied und einem Maler zusammen. Die Dekoration eines Möbelstücks wies je nach Geschmack verschiedene Beschläge, Schnitzereien und Farbfassungen auf. Wie wir im Laufe unseres Exkurses entdecken werden, war das Dekor oftmals regional geprägt und nach den individuellen Wünschen der Kunden aufgetragen.

Anfangs wurde für den Bau eines Möbels sehr hochwertiges Holz verwendet, welches bei guter Pflege nicht nur Generationen, sondern auch Jahrhunderte überdauern konnte. Man wohnte in einer langen Generationsfolge in demselben Haus.4 Die ländliche Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Bauern, die in ihrer Freizeit oftmals einer handwerklichen Tätigkeit nachgingen. Die ländliche Oberschicht setzte sich aus dem Adel, Pastoren, Lehrern und Verwaltungspersonal zusammen. Das Mobiliar der Bauern wurde oft von dem der Stadtbewohner, der adelig-kirchlich-hochbürgerlichen Führungsschicht, beeinflusst. Es dauerte bis zu zwei Jahrhunderte, bis das betreffende Möbelstück seinen Eingang ins Bauernhaus fand.5 Im 17. Jahrhundert wurde die besitzbäuerliche Schicht als Stand toleriert. Das Bauernvolk wurde zunehmend selbstbewusster. Dies zeigte sich auch in ihrer Kleidung und in zahlreichen Zeugnissen wie den wertvollen Gegenständen, die es in seiner Freizeit herstellte.

Es hat sich im Laufe der Zeit vieles in der Möbelherstellung getan. Die neuesten Materialien wie Stahlrohr und Kunststoff haben die natürlichen Rohstoffe und die frühere Handarbeit verdrängt. Die Möbelindustrie schafft es dennoch, in den Gedanken des Käufers Gefühle zu wecken, die sie an ein Handwerk und die Natürlichkeit glauben lassen. Dass diese Assoziationen meist falsch sind, stört den Konsumenten kaum.6

1 Zit. nach Äußerung eines Möbelhändlers aus: Michael Andritzky „Anmerkungen zum Qualitätsbegriff“ in: Michael Andritzky: „z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens“, 1982, S. 75
2 Karl-Heinrich von Stülpnagel: „Frühformen des Bettgestells“ in: Nina Hennig: „Bettgeschichte(n)“, 1999, S. 26
3 Thorsten Albrecht: „Schrank. Butze. Bett“, 2001, S. 200
4 Helmut Ottenjan: „Historische Möbel des Kirchspiels Löningen als Indikatoren eingeprägter Regionalität“ in: Margaretha Jansen: „Löningen in Vergangenheit und Gegenwart“, 1998, S. 300
5 Helmut Ottenjann: „Identitätskultur des Bauernvolkes. Entfaltung und Ende in der Weser-Ems-Region“, 2004, S. 7
6 Michael Andritzky „Anmerkungen zum Qualitätsbegriff“ in: Michael Andritzky: „z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens“, 1982, S. 74

Impressum:
Konzept, Recherche, Text, Fotografie, Bildbearbeitung und Gestaltung
Patrick Schröder, M.A.
Kunsthistoriker und Reiseleiter
pschroeder.kunsthistoriker@arcor.de

Wundervolles und Geheimes verwahren

Über viele Jahrhunderte war die Truhe für die einfachen Leute, das ländliche Bürgertum und die Aristokraten das Verwahrmöbel par excellence. Sie war in den Haushalten mehrfach vorhanden. Selbst für die Mägde und Knechte war sie das einzige eigene Möbel, welches von Anstellung zu Anstellung mitgenommen worden ist. Ihre Führungsposition verlor die Truhe im 17. Jahrhundert an den Schrank und danach an die Kommode, dennoch war sie bis ins 19. Jahrhundert beliebt.1 Dann bleibt nur der „Koffer“ als Reisemöbel in unser modernen Welt als fester Bestandteil in unserem mobilen Leben übrig.

In ihrer frühen Entstehungsgeschichte dienten die Truhen zur Verwahrung von wertvollen und teilweise geheimen Dingen, die verschlossen werden sollten. Dies waren zum Beispiel Urkunden, Akten, Metalltöpfe oder anderer kostbarer Hausrat. Dann wurden die Truhen für die Aufbewahrung von Kleidung verwendet und standen bevorzugt in Kammern oder in Räumen, in denen sich auch die Betten befanden. Weniger genutzte Textilien wurden oft in Truhen auf dem Dachboden aufbewahrt.

Die Bauweise einer Truhe ist bereits in Ägypten und in der minoischen Kultur Kretas nachweisbar.2 In der Bronzezeit Nordeuropas hat man mit einer Einbaumtruhe angefangen, wobei aus einem Baumstamm der obere Teil abgesägt worden ist und man das Innere mit einem Beil herausgeschlagen hat. Der ebenfalls ausgehöhlte oberere Teil diente daraufhin als Deckel. Es gibt eine Vielzahl von Truhentypen: Baumtruhen, Stollentruhen mit einem flachen Deckel, Standseitentruhen, Kufentruhen, Kastentruhen, und letztendlich die Koffertruhen mit einem gewölbten Deckel.

Der Konstruktion einer Koffertruhe folgt der einer Kastentruhe und wird aus in den Langseiten eingefassten horizontal verlaufenden Brettern gebildet. Der Korpus verbreitert sich dabei nach oben. Der Deckel wird durch Scharniere und Eisenbänder mit dem Unterteil verbunden. Die Holzverbindungen werden durch die Eisenarmierung verstärkt. Die verschiedenen Dekore des Schlossblechs, der Beschlagsbänder oder der Farbfassungen dienen oftmals der Repräsentation. Die Koffertruhe war auf dem Land und in der Stadt ab dem 18. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein der meist verbreitete Truhentyp.

Farbige Aussteuertruhe, 1780, Eiche und Metall, Foto: Patrick SchröderZu dieser Zeit diente die Truhe hauptsächlich als Teil der Brautausstattung, welche in Gesetzen sowohl für die Stadtbewohner als auch für das ländliche Volk detailliert festgeschrieben oder nach mündlicher Absprache verhandelt wurde.3 Diese hier abgebildete Aussteuertruhe mit einem gewölbten Deckel aus Eichenholz ist vollständig farbig gefasst. Auf der grünen Grundfläche der Truhe sind Blumenbouquets und einzelne Blüten gemalt worden. Auf der rechten Seite des Runddeckels befindet sich eine Besonderheit. Dort findet man je nach Interpretation die Flosse einer Meerjungfrau oder eine aus dem Meer tobende Welle. Die Truhe hat reichlich Eisenbeschlag und zwei eiserne Henkel. An der linken Seite befindet sich ein Pfändungssiegel aus der Franzosenzeit. Die Truhe stammt aus dem Besitz der Pastorenfamilie Ahrends aus Pakens, dass die aufgemalte Inschrift „Matthias Cajus Arends Pastor zu Packens, Ilse Catharina Arends Gebohrne Löwenstein. Anna Catharina Arends“ bezeugt und somit das persönliche Eigentum kennzeichnet. Die Runddeckeltruhe wurde nach aristokratischen Vorbildern mit repräsentativen Wappen versehen, was zur damaligen Zeit sehr häufig vorkam.4

Koffertruhe, 19. Jahrhundert, Holz und Metall, Foto: Patrick SchröderDie zweite Koffertruhe ist ebenfalls aus Holz und hat einen leicht gewölbten Deckel. Aber die Dekoration dieses Möbelstücks ist gänzlich unterschiedlich. Diese Truhe hat drei vertikal verlaufende Beschlagsbänder; in der Mitte befindet sich das Schlossblech, das mit zwei Löwen verziert ist. Neben dem Schloss sind zwei Wappen angebracht. Der linke und rechte Messingbeschlag werden jeweils durch eine phantastische Figur durchbrochen, die einer Maske ähnelt. Man erkennt Augen, Nasenlöcher und einen geöffneten Mund. Die Truhe wurde lange Zeit in verschiedenen Häusern verwahrt und vom letzten Besitzer, einem Sillensteder Heimatforscher, gründlich gesäubert und restauriert. Die Wappen wurden nahezu neu aufgebracht.

Aus der Truhe heraus

Aus der Truhe entwickelte sich im 18. Jahrhundert ein kostbares Möbelstück, die Anrichte. Sie war ein Gebrauchsmöbel, welches entsprechend ihrer Verwendung in der Nähe der Küche oder am Herd stand. Die Anrichte war ebenso Bestandteil der Aussteuer in der ländlichen Oberschicht. Wenige Tage vor der Eheschließung wurden die zum Teil mit Bändern geschmückten Aussteuergüter vom Hof der Braut zum Hof des Bräutigams gefahren und den anderen Bewohnern des Ortes vorgeführt. Somit konnte man seinen Reichtum auf der Wegstrecke demonstrativ zur Schau stellen.

Brautwagenmöbel aus Löningen, 1733, Eiche, Foto: Patrick SchröderDieses genormte Brautwagenmöbel stammt aus dem Pfarrbezirk Löningen. Um das Jahr 1700 hatte das katholische Löningen fast 3000 Einwohner. Dort hatten die Anrichten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vier sich fortlaufend wiederholende Hauptcharakteristika.5 An den Seiten der halbhohen offenen Anrichte befinden sich Ranken-Drachen, die an die Arabesken aus den Kirchen im Artland erinnern. Weiterhin sind mehrere paarweise angeordnete mit Trauben behangene Weinreben zu finden. Diese Darstellung bezieht sich auf das Johannes-Evangelium über den wahren Weinstock.6 Dort ist zu lesen: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe (…) Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Die mittlere Schnitzerei dieser Weinreben bildet in Form eines Herzens den Höhepunkt. Ebenso besonders sind die Schnitzereien von vier weiblichen Maskenwesen im oberen Bereich, die als Brautgesicht interpretiert werden können. Das vierte Hauptelement ist die in der Sockelleiste geschnitzte Datierung 1733, die somit das Jahr des Brautumzugs bekannt gibt.

Die Anrichten waren eines der teuersten Möbel und waren im Gegensatz zu den Truhen nicht so zahlreich in den bäuerlichen Haushalten zu finden. Sie wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei den Bauern das Schaumöbel schlechthin, um den Besuchern das kostbare Zinn-, Fayence- und Keramikgeschirr zu präsentieren.7

Schau an, was ich Schönes habe

Aus der Anrichte entwickelte sich im 19. Jahrhundert das Buffet. Es ist in der Regel ein dreiteiliges Möbel, welches aus einem zwei- oder dreiteiligen Unterbau, einem meist durch Säulen abgesetzten, offenen Mittelteil zum Arbeiten und einem stark gegliederten Aufsatz besteht.8 Im Gegensatz zur Anrichte befinden sich hier am Oberbau dieses Möbelstücks meist Glastüren, hinter denen man sein Prunkgeschirr zeigte.

Buffet, um 1900, Eiche und Glas, Foto: Patrick SchröderDieses hier vorgestellte, leicht abgewandelte Buffet aus massivem Eichenholz und Eichenfurnier steht auf sechs kurzen, rechteckigen Beinen. Diese sind durch Streben miteinander verbunden. Der Unterbau besteht aus einem Korpus mit vier Türen, darüber befinden sich vier Schubladen. Die Türen haben ovale Glasfenster und sind mit Sternen aus Holz verziert. Die Schlösser sind schlicht gehalten. Die Schubladen sind mit einem Furnier aus vier dreieckigen Teilen versehen, deren Ränder dunkel abgesetzt sind. Die Schlösser der Schubladen sind mit runden Metallbeschlägen versehen, die angeschraubt sind und unten einen runden Griff haben. Auch die Seiten des Buffets sind wie die Schubladen verziert. An den Seiten waren ursprünglich zwei ausziehbare Bretter, von denen das rechte fehlt. Der Aufsatz ist weniger breit und tief als der Unterbau. An den Seiten befinden sich zwei Fächer mit Glastüren auf je einem profilierten Sockel. Vor die Glastüren sind sternförmige Holzverzierungen gesetzt. In der Mitte befindet sich unten eine freie Fläche mit einer kleinen Ablage an der Rückwand, darüber ist ein Fach mit zwei Glastüren, die jeweils aus zwei rechteckigen Glasscheiben zusammengesetzt sind. Als Kuriosum ist zu nennen, dass die Schlösser verkehrt herum angebracht sind. Das Buffet stammt aus dem Nachlass einer Familie aus dem Wangerland.

Biedermeier-Buddelei, 1. Hälfte 19. Jahrhundert, Holz und Glas, Foto: Patrick SchröderAus der Anrichte entstand ebenfalls die Buddelei, eine große Schauvitrine. Diese Biedermeier-Buddelei aus dunklem Holz hat vier Schubfächer und zwei Türen mit mehreren Glaseinsätzen. Die zur Schauseite abgeschrägten Seitenteile sind ebenfalls verglast. Das Möbelstück steht auf fünf Füßen, die durch ein gedrechseltes Stollengestell verstrebt sind. Der Schrank und alle seine Innenobjekte gehörten einem Mitglied des Jeverländischen Vereins für Altertumskunde. Nach seinem Tode im Jahre 1940 kam das Möbelstück ins Museum und wurde am Anfang der 1950er in das neu eingerichtete Biedermeierzimmer gestellt.

 

Museumsvitrine, um 1920, Holz und Glas, Foto: Patrick SchröderZu dieser Schrankvitrine pflegt das Schlossmuseum eine ganz besondere Verbindung. Von der Motivation aus getrieben zu Zeigen, was wir Schönes haben, ist diese Vitrine im Jahre 1921 beim Einzug des Jeverländischen Altertums – und Heimatvereins in das Schloss mit eingezogen. Die Schrankvitrine aus Holz ist weiß gestrichen. Sie besitzt zwei Türen mit je zwei Glasscheiben, wobei das untere Stück verblendet ist. Vier Regalböden präsentierten die ersten gezeigten Kostbarkeiten unserer Ausstellung in dieser Museumsvitrine.

 

1 Thorsten Albrecht: „Truhen. Kisten. Laden“, 1997, S. 8
2 ebd., S. 25
3 ebd., S. 137 und S. 158
4 ebd., S. 43
5 Helmut Ottenjann: „Identitätskultur des Bauernvolkes. Entfaltung und Ende in der Weser-Ems-Region“, 2004, S. 42ff
6 Helmut Ottenjan: „Historische Möbel des Kirchspiels Löningen als Indikatoren eingeprägter Regionalität“ in: Margaretha Jansen: „Löningen in Vergangenheit und Gegenwart“, 1998, S. 304
7 ebd., S. 307
8 Rainer Haaff: „Gründerzeit-Möbel“, 2005, S. 127

Setzen Sie sich, bitte!

Biedermeierzimmer, Foto: Sven AdelaideSitzen Sie gerade, wenn ja – sitzen Sie bequem? Auf welchem Möbelstück sitzen Sie? Es gibt eine Vielzahl von Sitzgelegenheiten; viele dieser haben wir in unserem Bestand: Klappstuhl, Hocker, Steinbänke, Sonnenliegen, Bürostühle, Sofas, Bänke, Bistrostühle, Armlehnsessel.

Ein kurzer Einblick in die Porträtfotografie zeigt, dass der Mensch durch eine Sitzgelegenheit wirkungsvoll inszeniert werden kann; der Stuhl funktioniert somit als symbolisches, auffälliges Merkmal. Der Stuhl ermöglicht durch seine Form und Ausstattung eine individuelle Charakterisierung des Porträtierten1, und übertragen auf dem Besitzer eines Stuhls die Bedeutung als eigenständige Repräsentation seiner Person. Erwähnenswert ist auch, dass die Sitzgelegenheiten – wie auch die anderen Möbelstücke – geschmückt sind, aber man deren Dekoration beim Sitzen kaum wahrnimmt.2 Nicht immer war es wichtig, dass die Sitzmöglichkeit bequem sein sollte; beispielsweise stießen die Ecken und Kanten an vielen Stellen zu. Selbst die Polsterung half da nicht weiter. Bequemlichkeit ist etwas anderes.

Bei diesem für uns nun alltäglichen Möbels lohnt es sich kurz in die Entstehungsgeschichte einzutauchen. Der frühe Mensch kannte das Sitzen nicht. Entweder er bewegte sich aufrecht fort, stets um das Territorium zu durchqueren und um zu jagen. Wenn er sich ausruhte, tat er dies im Liegen. Gegessen, sich unterhalten und nachgedacht wurde kauernd am Boden.3 Eine Bewegung dazwischen wie das Sitzen gab es nicht.

Der Stuhl in seiner Urform entstand als Thron, abgeleitet von einem Opfergabentisch4 und war dem Göttlichen vorbehalten, später dem Königlichen. Man glaubte, dass das Sitzen etwas Spirituelles hatte.5 Das Sitzen veränderte ebenfalls unser Vokabular. Die Vorliebe des präsidialen Lebens machte aus dem Wort „Vorstand“ den „Vorsitz“.6

Der erste profane, also der erste ungeweihte Stuhl wurde im 14. Jahrhundert in der Kirche an der Kirchenwand aufgestellt.7 Mit dem Beginn der Reformation wollten auch die wohlhabenden Bürger zu Hause in ihren Stuben sitzen, und man leistete sich diese Möbelstücke.

Hochlehnstuhl, Ende 17. Jahrhundert, Holz und Leder, Foto: Patrick Schröder

Die Sitzmöbel wurden ebenso bei Hof verwendet. Je nach nach Räumlichkeit nahm der Stuhl eine unterschiedliche Rolle an. In den Warteräumen vor dem Audienzsaal standen sie nebeneinander an der Wand. Sie waren Teil der Raumkonzeption, aber der Architektur untergeordnet. Ein Beispiel ist dieser Barockstuhl mit sehr hoher Lehne, ein so genannter Hochlehnstuhl. Er hat großzügige Schnitzereien und gehörte mit fünf baugleichen Stühlen vermutlich zur damaligen Ausstattung des Schlosses. Sie sind von der Statthalterin Friederike Auguste Sophie beim Einzug im Jahre 1793 gebracht und nach ihrem Tode an eine bekannte Jeversche Familie verkauft worden.8

 

Es sind im Laufe der Zeit viele verschiedene Sitzgelegenheiten entstanden, bis sich der Stuhl in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Wiener Caféhäusern etabliert hatte. Man unterhielt sich öffentlich in angemessener Lautstärke mit seinen Bekannten über philosophische, kulturelle und politische Themen. Einige dieser Stühle werden als Kunstwerke angesehen. Ein Beispiel ist der in Serie millionenfach produzierte Bugholzstuhl von der Firma Thonet, der zum „Thron der Masse“9 wurde. Dieser international bekannte Stuhl war preiswert, schlicht, hatte kaum Gewicht und war schnell aus seinen Einzelteilen zusammengebaut.10 Die Leichtigkeit des Stuhls hatte auch eine Leichtigkeit der Kommunikation zufolge. Kurzentschlossen unter dem Arm getragen und wieder abgestellt, wurden am Nachbartisch neue zufällige Bekanntschaften gemacht.

Kaffeehausstühle, Ende 19. Jahrhundert, Holz, Foto: Patrick SchröderSelbstverständlich sind in unserem Bestand auch Stühle der Firma Thonet zu finden. Allerdings befinden sich dort auch andere Bistro-Stühle. Diese Kaffeehausstühle der Marke „MELDER“ mit runder Sitzfläche bestehen aus insgesamt acht Teilen (zwei Hinterbeine, die Rückenlehne zwischen den Hinterbeinen, zwei Vorderbeine, die Sitzfläche aus biegsamem Furnier, die Fassung der Sitzfläche, ein gebogenes Holz als Halterung der Beine). Die Stühle standen vor einigen Jahren in unserem Schloßcafé. Auf der Sitzfläche und der Rückenlehne findet man Blattornamentik, Kaffeebohnen und geometrische Formen, die durch eine Schablone aufgetragen wurden.

Gemeinsam sitzen

Es wird nicht nur am Tisch auf einzelnen Stühlen gesessen. Aus den Sitzgelegenheiten für eine Person werden „Sitzliegen, Faulenzer, Räkelecken, Sitzlandschaften, Couches, Betten“11. In unseren Wohnzimmern sitzen wir gemeinsam nebeneinander auf einem Sofa. Das Wohnen wird als Ausdrucksmittel der persönlichen und gesellschaftlichen Identität. Ab 1890 im Laufe der Gründerzeit gab es kaum noch Unterschiede zwischen bürgerlicher und ländlicher Wohnkultur; die regionalen bäuerlichen Farbfassungen verschwinden aus den Zimmern. Zugleich führte die strikte Trennung des Wohnbereiches vom Schlafraum und vom Arbeitsbereich zu einer eigenständigen Raumkonstellation. Es entstanden Komplettausstattungen, Ensembles für das Wohnzimmer, das somit zum Raum für die Repräsentation der Bewohner geworden ist. Und für die Ausstattung der „guten Stube“ steckte man den Hauptanteil seiner Investition.12

Historistisches Sofa, zweite Hälfte 19. Jahrhundert, Holz und Textilien, Foto: Patrick SchröderDieses hier gezeigte historistische Sofa im Stil der Neorenaissance hat einen Bezug aus rotem Samt mit Blumen- und Rankenornamenten. Die Sitzfläche war zwischendurch mit einem ungemusterten Stoff neu bezogen, da man mit der Mode gehen wollte. Wann dieser wieder entfernt wurde, ist jedoch unklar. Das Sofa hat kurze, balusterförmig geformte Beine. Diese tragen eine einfach kannelierte Zarge, die von zwei Rechteckfeldern abgeschlossen wird. Die Armlehnen sind vorn ungepolstert und schwingen kehlförmig nach innen. Sie sind mit einem Grat versehen und laufen nach oben in einem nach innen gedrehten Knauf aus. Das Rückenteil wird von einem einfach kannelierten Rahmen eingefasst, der in der Senkrechte im oberen Viertel jeweils einen halbierten Balusterstab trägt. Darüber begrenzen Rechteckfelder mit Halbkugeln den Rahmen. Auf dem Rahmen ist ein Konsolfries aufgebracht, der in symmetrischer Anordnung Kugeln, spiralförmige Schnitzereien und in der Mitte einen Muschelaufsatz trägt. Zur Kreation des Wohnensembles gehören zu diesem Sofa in gleichem Design fünf Stühle; einer von ihnen ist ein Armlehnstuhl.

Kanapee, erste Hälfte 19. Jahrhundert, Mahagoni und Textilien, Foto: Patrick SchröderDa auch wir manchmal mit der Mode gehen möchten, haben wir das Kanapee, das die Epoche des Biedermeiers widerspiegeln sollte, aus dem Gobelinsaal entfernt und in unser Depot gebracht. Ein grünes Sofa mit Blumenornamentik in unserem Biedermeierzimmer repräsentiert als Sitzmöbel in einem Raumensemble diesen Zeitabschnitt. Das hier gezeigte und vorher im Schloss befindliche Kanapee ist mit einem gelben, gestreiften Bezug ausgestattet. Es hat eine gerade Rückenlehne, nach außen geneigte Seitenlehnen und eine schlichte Zarge. Auf den Frontseiten der Seitenlehnen und der Zarge wurden mittels einer Schablone schwarze Rechtecke und geometrische Formen aufgetragen.

 

1 Wilhelm Peters: „Der Stuhl als exquisite Requisite in der Fotografie“ in: Michael Andritzky: „z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens“, 1982, S. 24
2 Gert Selle: „Was heißt hier Designgeschichte?“ in: Michael Andritzky: „z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens“, 1982, S. 54
3 Hajo Eickhoff: „Kulturgeschichte des Sitzens“ in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 12f
4 ebd., S. 14
5 ebd., S. 16
6 Dietmar Kamper: „Das Ich, das sich gesetzt hat. Vom Gewinn der Autonomie und vom Verlust der Souverinität in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 41
7 Hajo Eickhoff: „Kulturgeschichte des Sitzens“ in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 19f
8 Antje Sander (Hrsg.): „Ferne Fürsten. Das Jeverland in Anhalt-Zerbster Zeit (Bd.2)“, 2004, S. 161f
9 Zit. nach Hajo Eickhoff: „Kulturgeschichte des Sitzens“ in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 24
10 Thomas Hauffe: „Sitzen und Design – Der Stuhl als Manifest“ in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 157
11 Zit. nach Volker Fischer: „Von der Sperrmüllmatratze zur Recamiere im Blümchen-Look“ in: Michael Andritzky: „z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens“, 1982, S. 101
12 Rainer Haaff: „Gründerzeit-Möbel“, 2005, S. 28f und S. 41

Der gedeckte Tisch

Seit der Antike bis ins 18. Jahrhundert war der Esstisch ein provisorisches Möbelstück, bei dem die Tafel aufgehoben wurde. Eine Zeit lang galt es als chic, in seinem Haus einen separaten Raum zum Essen zu haben. Viele von uns werden wahrscheinlich keine Esszimmer in den Wohnungen haben. Falls doch, isst man dennoch oft aus Gemütlichkeit am kleinen, schlichten Küchentisch oder am Couchtisch.

Das gemeinsame Essen spielte schon lange eine sehr große Rolle in unserer sozialen Gemeinschaft. Am gedeckten Tisch befinden sich zu einer verabredeten Zeit mehrere Sitzplätze, die je nach Bedeutung von einer bestimmten Person benutzt werden; sei es die Verteilung bei den Eltern und den gemeinsamen Kindern oder auch die Tischetikette, wenn man wichtige Gäste zu seiner Tafel einlädt. Die Hausfrau wird beim Eintreten in den Raum von dem Ehrengast zu Tisch geführt und sitzt rechts neben ihm. Der Hausherr bringt den ranghöchsten, weiblichen Gast an seinen Platz und sitzt links neben ihm.1 Dann gibt es noch weitere Regeln zu beachten: Wer nimmt zuerst, wieviel wird portioniert, welche Sitzhaltung nimmt man ein, welches Besteck oder welches Glas wird wann benutzt, darf man miteinander kommunizieren?

Esstisch, Holz, Foto: Patrick SchröderDas damalige bäuerliche Essen aus einer gemeinsamen Schüssel verlangte auch nach Verhaltensregeln. In einer „unserer Bauernstuben“, einer Inszenierung im Erdgeschoss des Schlossmuseums, stellen wir einen ovalen Esstisch aus. Die Platte ist aufklappbar, so dass das Möbel als Bank benutzt werden kann. Die Hochwertigkeit und zugleich die Regionalität des Tisches werden durch die gemalten Blumenornamente der Tischplatte und die floralen Schnitzereien auf den Tischbeinen und auf der Mittelstrebe ersichtlich. In der Mitte bietet die Tischplatte Platz für weiteren Tischschmuck. Lichtquellen, Vasen, Trinkgefäße und Porzellan rundeten das elegante Ensemble ab.

Nierentisch, 50er Jahre 20. Jahrhundert, Holz, Metall und Stein, Foto: Patrick SchröderDie Entwicklung des Wohnzimmers verlangte ebenfalls nach eigenen Tischen. Das gemeinsame Sitzen auf einem Sofa und den dazu bereit gestellten Sesseln benötigte noch ein Möbelstück, um eine komplette Ausstattung zu bilden. In der Sofaecke ist der dazugehörige Tisch bis zur Kniehöhe der Sitzenden abgesenkt. Er spielt dabei eine tragende Rolle für die gemeinsame Kommunikation oder dem stillen Beisammensein vor dem Fernsehgerät. Auf ihm können Snacks, Süßwaren, Getränke, Zeitschriften und weiteres bereit gestellt werden. In den 1950er Jahren war der Nierentisch das Möbel schlechthin, das die Sofaecke belebte. Dieser hier gezeigte Couchtisch auf einem vermessingten Rohrgstell befand sich vermutlich zwischen rundlichen, pausbäckigen Sitzgelegenheiten. Die graphischen Muster und die Mosaiksteinchen in der Tischplatte brachten eine gewollte kontrastreiche Unruhe in den Wohnraum.

Beistelltische – ein tragbares Beiwerk

Beistelltisch, zweite Hälfte 19. Jahrhundert, Holz, Foto: Patrick SchröderDie kleinsten aller Tischmöbeltypen  sind Ziertische, welche im Rokoko den Einzug in die Raumensembles gefunden haben. Sie werden je nach ihrer Verwendung Beistelltische, Spieltische, Rauchtische oder Blumentische genannt. Nicht jeder dieser kleinen Tische ist bequem oder stabil. Ziertische sind wie die leichten Stühle schnell von einer Ecke in den Raum getragen. Das Wort „Zier“ weist auf die Beteutung für die Raumdekoration hin. Dieser sehr leichte Beistelltisch aus unserem Bestand hat eine flache, ovale Tischplatte mit vier geschwungenen Betonungen. Das schlichte Tischchen steht auf einer gedrechselten Säule, die in drei geschweifte Beine endet.

 

In dem ScHalbmondtisch, Holz, Foto: Patrick Schröderhlosscafé befindet sich ein eleganter Halbmondtisch, der an der Wand steht. Dieser Tisch hat zwei aus der Mitte herausschwenkbare Schubladen und dekorative Schnitzerei am Zierfries. Die drei Tischbeine werden nach unten hin schmaler.

 

Entscheidungen treffen

Nicht weniger unwichtig sind Arbeitstische, da fast jede Arbeit eine angemessene Arbeitsfläche benötigt, im Großen wie auch im Kleinen, bei der Behörde wie auch privat. Die Entwicklung des Handels hat Tätigkeiten rechnerischer und verwalterischer Aufgaben zu Folge, welche die Karriere von „Sitzberufen“ fördert.2 In der Arbeitswelt und in den Schulräumen haben sich der Tisch und der Stuhl endgültig zusammen gefunden. Der Mensch ist dadurch endgültig diszipliniert worden.3

Ratstisch, Mitte 16. Jahrhundert, Eiche, Foto: Sven AdelaideEin Beispiel aus dem 15. Jahrhundert zeigt die Bedeutung von Arbeit und findet sich in der Ordnung der Reichskanzlei von Maximilian I. Dort heißt es, der Hofrat solle „im Rate sein und sitzen“.4 Im Schlossmuseum steht ein besonderer Ratstisch, der aus der Zeit von Fräulein Maria stammt. Dieser stand von 1557 bis 1620 über dem Wangertor, wurde daraufhin neu in Stand gesetzt und von Meister Folkhard Fremers in den Rathaussaal gebracht. Dort hat er drei Jahrhunderte von 1620 bis 1924 gestanden, bevor er ins Schloss kam. An den Tischbeinen befinden sich figürliche Darstellungen. Auf der linken für den Betrachter sichtbaren Seite sehen wir eine Groteske, einen Mann mit freiem Oberkörper und Vollbart stehend hinter einer Pflanze; auf der rechten Seite befindet sich eine Dame im Gewand mit Kopftuch. In der linken Hand hält sie ein Schwert und in der rechten einen abgeschlagenen Kopf. Es handelt sich hierbei um die biblische Darstellung der Judith mit dem Schwert und dem Haupt des Holofernes.5 In der Typologie wird Judith oftmals als die Präfiguration Marias angesehen und gilt als die Vertreiberin des Bösen. Auf dem Möbelstück nimmt sie somit einen symbolischen Charakter ein und hebt die Wichtigkeit des Rates hervor. In der Tischplatte befindet sich eine kreuzförmige Öffnung, in der die Jeversche Elle eingefasst worden ist. Für die Einhaltung der Maße, mit dem Handel getrieben worden ist, waren die Stadtkämmerer zuständig. Nur sie hatten das Recht, die zahlreichen Maße, Ellen und Gewichte zu eichen.6

Nähtisch, Mitte 19. Jahrhundert, Holz, Foto: Patrick SchröderEin kleiner Arbeitstisch aus dem Privatbereich ist bevorzugt von der Hausfrau genutzt worden und hat am Fenster gestanden. Dieser hier gezeigte Nähtisch besitzt eine rechteckige Tischplatte, welche keine Verzierungen aufweist, und eine Schublade mit kleinen Fächern zum Sortieren des Arbeitsmaterials. Vier geschwungene Streben verbinden die Tischplatte mit der geschnitzten Mittelsäule, welche auf vier geschnitzten Füßen steht. Bei der Schenkung an das Museum merkte die Besitzerin an, dass der Nähtisch ein Möbelstück des Biedermeierzimmers ihrer Mutter gewesen war.

 

1 Hans Ottomeyer: „Etikette in Modernen Zeiten?“ in: Michael Andritzky: „z.B. Stühle. Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Sitzens“, 1982, S. 151
2 Hajo Eickhoff: „Kulturgeschichte des Sitzens“ in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 22
3 ebd., S. 30f
4 Zit. nach Doris Paschiller: „Verfolgung des Spaziergängers. Das Sitzen im Büro“ in: Hajo Eickhoff: „Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft“, 1997, S. 88
5 K.H. Bredendiek: „Der 400jährige jeversche Ratstisch“ im Historienkalender, 1958, S. 58
6 Antje Sander (Hrsg.): „Ferne Fürsten. Das Jeverland in Anhalt-Zerbster Zeit (Bd.2)“, 2004, S. 122

Die Ecken betonen

Es gibt eine Vielzahl von Schränken, die ab dem 18. Jahrhundert gebaut worden sind. Diese werden je nach Standort, Konstruktion oder Verwendung mit einem Beinamen versehen. In der Regel können wir uns anhand des Namens vorstellen, um welchen Schranktyp es sich dabei handelt. Es gibt Wandschränke, Hängeschränke, Kleiderschränke, Schreibschränke usw. Alle Möbelstücke haben gemeinsam, dass sie je nach Konstruktion an den Türen und den Schubläden zu öffnen sind. Sie sollen das Innere verbergen oder hervorheben. Zudem sind sie eng mit der Wand verbunden, was an ihrer ungestalteten Rückwand sichtbar ist.

Eckvitrine, Mitte 18. Jahrhundert, Holz und Glas, Foto: Patrick SchröderSchränke wurden nicht nur an eine Wand gestellt; sie sollten auch Raumecken ausfüllen. In unserem Bestand befindet sich eine Eckvitrine aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ihre Hauptansichtsseite zeigt schräg in den Raum. Das Möbelstück ist dreigeteilt. Das Unterteil ist ein nach außen gewölbter Schrank mit zwei Türen. Darüber befindet sich ein freies Fach zum Abstellen. Umrandet wird dieses Fach von rocailleartigen Schnitzereien. Als Abschluss findet man eine nach innen gewölbte Glasvitrine, die mit einer Tür zu verschließen ist. In der Vitrine befinden sich zwei Regalböden, auf denen Teller präsentiert worden sind. Der Vitrinenschrank ist rotbraun gefasst, wobei das Holz teilweise sichtbar ist. Das Holz der Innenseite der Vitrine ist naturbelassen. Auf den beiden unteren Türen und um das Vitrinenglas befinden sich florale Farbfassungen, die dem Bandelwerk nach französischem Vorbild nachempfunden sind.

 

Kommode – das immer wieder in Mode kommende Lieblingsstück

Die Kommode zählt wie die oben genannten Schränke zu den Verwahrmöbeln. Sie bildet allerdings eine Ausnahme, da sie keine Türen, sondern ausschließlich zwei bis vier in der Regel gleich hohe Schubladen besitzt. Jahrhundertelang gilt die Kommode als das Lieblingsmöbelstück in den Schlafzimmern oder Wohnstuben und wird als Nachfolgerin der Truhe angesehen. Heutzutage ist sie in unserem Haushalt immer noch in Gebrauch, um ihre traditionelle Aufgabe zur Aufbewahrung von Wäsche zu erfüllen. Ihr Name leitet sich vom französischen „commode“ ab, was „bequem“ bedeutet und auf ihre praktische Funktionalität hinweist.1 Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam die Kommode über die französischen Adelshäuser schließlich auch nach Norddeutschland.

geschwungene Kommode, zweite Hälfte 18. Jahrhundert, Holz und Metall, Foto: Patrick SchröderDiese hier gezeigte Kommode ist die älteste aus unserem Bestand. Unverkennbar für diese Zeit wiederholt sich die Front der geschwungenen Kommode in der etwas vorkragenden Platte. Die drei Schubladen sind gleich hoch und mit Griffen im Rokokostil ausgestattet, die sich links und rechts befinden. In der Mitte der Schublade befindet sich jeweils ein Messingbeschlag mit einem Schloss. Das elegante Möbelstück wird in der Horizontalen durch die Schubladen hervorgehoben, die zeitgleich durch eine Unterbrechung ihrer Form in der Vertikalen betont werden. Typisch ist die geschwungen profilierte Zarge. Der Korpus steht auf abgerundeten Füßen.

Biedermeierkommode, Holz und Mahagoni, Foto: Patrick SchröderIn den bürgerlichen Haushalten wurde die Kommode erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unentbehrlich, wie zum Beispiel diese rechteckige Biedermeierkommode mit drei Schubladen. Die unteren beiden sind mit einem Schlüssel zu verschließen. Das obere Schubfach ist schmaler und hat an den Seiten jeweils einen Löwenkopf, an denen ein Henkel angebracht ist. Untypisch ist allerdings, dass an diesem Möbelstück diese Griffe zu finden sind, da sie während des Biedermeiers wieder fast vollständig verschwunden sind.2 Wiederum ist diese Kommode typisch für ihre Zeit mit Mahagoni furniert worden.

 

Sesam, öffne dich!

Wie anfangs erwähnt, wurde die Truhe im 17. Jahrhundert von dem Schrank als das Verwahrmöbel par execellence abgelöst. Es wird vermutet, dass sich der Schrank aus zwei übereinandergestellte Truhen entwickelte; dies konnte allerdings nicht plausibel bestätigt werden.3 Die Mode hatte ebenso einen großen Einfluss, da die barocken Kleider mehr Platz benötigten. Die Wäsche und die Kleidung konnten im Kleiderschrank wesentlich übersichtlicher und in einem größeren Stauraum geordnet werden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kleidung auf Kleiderbügeln in den Schränken aufgehängt. Da die frühen Kleiderhaken unzureichend geworden sind, ersetzte der Tischler diese durch Kleiderstangen.4

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sind die Kleiderschränke bei den wohlhabenden Bauern ebenfalls in Gebrauch gewesen. Man eiferte dem Möbelgeschmack der städtischen Bevölkerung nach. Da die kostbare Kleidung der Bauernfrauen zweiteilig war, musste diese nicht zwingend aufgehängt werden. Man verwahrte in dem leicht zu öffnenden Schrank Dinge des täglichen Bedarfs.5

Bauernschrank, um 1750, Holz, Foto: Patrick SchröderDer hier gezeigte Bauernschrank auf vier Füßen ist in Kastenbauweise hergestellt. Er besteht aus vier Brettern, die rechtwinklig miteinander verzinkt sind. Der Schrank hat zwei Türen, in der Sockelzone zwei Schubladen und als Abschluss ein Gesims. An den Außenseiten und auf der rechten Schranktür zur Mitte hin befinden sich Rillendekore, die wie Pilaster wirken, und somit das Möbelstück dekorativ in der Vertikalen hervorheben. Außen kennzeichnet das Schlüsselschild die Lage des Schlosses. Das Schild schützt vor der Abnutzung und Beschädigung des Holzes, wenn der Schlüssel benutzt wurde, um das Möbelstück zu öffnen. Es sind im Gegensatz zu den Schubladen keine Handgriffe an den Türen vorhanden.6 Die Grundfläche des Schrankes ist blau-grün gefasst. Darüber findet man eine charakteristische Bauernmalerei bestehend aus floraler Ornamentik, Akanthuslaub und ostfriesischen Rosen; in den Medaillons der Vasen ist Architektur zu sehen. Als Muster diente vermutlich Porzellan oder eine Fayence mit blauer Bemalung.7 An dieser Stelle möchte ich gerne erwähnen, dass die Übernahme eines Motivs auch umgekehrt erfolgen kann. Die ostfriesischen Rosen auf diesem Bauernschrank waren Vorbild für die Gestaltung eines Melitta Teeservices mit dem Dekor „Jeversche Rose“ auf der Geschirrform „Atlantis“8, welches wir für unsere Gäste in unserem Schlosscafé verwenden.

Die Farbfassungen der Kleiderschränke waren durch Mode und persönlichem Geschmack geprägt. Aufgrund des Dekors dürfte dieser Schrank der gleichen Produktion zur Sammlung zuzurechnen sein, der auch die anderen in vergleichbarer Form bemalten Kleiderschränke des Museums entstammen. Es wurde unter anderem mit Blechschablonen gearbeitet, die man auflegte und darin die Farbe auftupfte.

1 Thorsten Albrecht: „Schrank. Butze. Bett“, 2001, S. 74
2 ebd., S. 65
3 Elfriede Heinemeyer: „Alte Bauernmöbel aus dem nordwestlichen Niedersachsen“, 1987, S. 26 und Helmut Ottenjan: „Alte Bauernmöbel aus dem nordwestlichen Niedersachsen“, 1987, S. 68
4 Thorsten Albrecht: „Schrank. Butze. Bett“, 2001, S. 66
5 Helmut Ottenjan: „Alte Bauernmöbel aus dem nordwestlichen Niedersachsen“, 1987, S. 70
6 Thorsten Albrecht: „Schrank. Butze. Bett“, 2001, S. 62
7 Elfriede Heinemeyer: „Alte Bauernmöbel aus dem nordwestlichen Niedersachsen“, 1987, S. 26
8 Maren Siems (Hrsg.): „Melitta und Friesland Porzellan. 60 Jahre Keramikherstellung in Varel“, 2015, S. 17

Friedlicher Schlaf

Detail einer Postkarte, Alkovenwand im Friesenzimmer, 1990, Fotograf: Wilfried ZuchtEin Drittel unseres Tagesablaufs, oder anders gesagt ein Drittel unseres Lebens verbringen wir durchschnittlich im Bett. Dort wird geschlafen, sich ausgeruht, geträumt, geliebt, geboren und gestorben. Doch bevor das für uns typische Ehebett in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Regel geworden ist, sind verschiedene Bett-Typen gebaut worden. Das Möbel verschob so den Schlafort vom Boden auf ein eigenes Gestell, um den Schlafenden vor Kälte, Feuchtigkeit und auch Gefahren zu schützen.

In der Volkskunde wurde lange Zeit die Erforschung des Bettes vermieden, da der Schlafplatz bzw. das Schlafzimmer als ein intimer Ort angesehen wird. Anfangs schlief man mit mehreren Personen auf Schlafbühnen, bis das Bett dann zum eigenständigen Schlafplatz wurde. Das Wort Bett bedeutet „weiche Unterlage“ und stammt vom gotischen Wort „badi“ ab.1 Ein Bett ist in seiner Grundkonstruktion wie ein Behältnismöbel aufgebaut. Es hat einen Boden und vier Seiten. Heutzutage sind nicht mehr viele historische Betten erhalten; Schlafmöbel aus der frühen Neuzeit und dem Mittelalter fehlen vollständig.

Das Bett ist als freistehendes Möbelstück ab dem 16. Jahrhundert in den Städten nachzuweisen. Im Gegensatz dazu schlief die ländliche Bevölkerung teilweise noch bis ins frühe 19. Jahrhundert in Butzen und Alkoven.2 Diese sind schrankartige Bettgestelle, die in einer Wand eingebaut waren. Der Begriff Alkoven stammt vom arabischen Wort „al-qobah“ und meint „Zelt oder Gewölbe“ und kam von Spanien über Frankreich, wo es für ein Schlafzimmer in einem abgesonderten Raum verwendet worden ist, schließlich über die Niederlanden nach Norddeutschland.3

Vergleicht man das freistehende Bettgestell mit den Alkoven, fällt dem Betrachter sofort ein Detail ins Auge. Die Kinder fragen verwundert beim Besuch im Museum ihre Eltern, ob das Schrankwandbett für Kinder gedacht sei oder ob die Menschen früher viel kleiner gewesen sind. Oftmals herrscht Ratlosigkeit. Die Kürze des Schlafplatzes in den Alkoven ist in der damalig gängigen Schlafposition begründet. Man schlief weder liegend ausgestreckt noch zu einer Schnecke zusammengerollt. Einzig als bequem galt eine Sitzhaltung, bei der man sich hinter dem Rücken und dem Kopf zwei riesige mit Federn gefüllte Kissen legte und sich somit stützte.

Die Betten wurden je nach Lage im Bauernhaus von dem Personal oder der Bauernfamilie verwendet. Die Mägde schliefen oftmals in der Nähe des Kuhstalls, die Knechte beim Pferdestall oder dem Ochsenstall.4 Es wurde sehr viel gearbeitet, auch in den nächtlichen Stunden. Die Schrankbetten des Gesindes verschwanden hinter Luken aus Holzverkleidung und wurden somit vor dem Tageslicht oder dem Dämmerlicht der Kammern versteckt. Zeitgleich wurde ein kleiner Raum für die Intimsphäre geschaffen, und man konnte den fehlenden Nachtschlaf auch am Tag nachholen.

Alkove, 19. Jahrhundert, Holz, Foto: Patrick Schröder An dieser Stelle sollen die Schrankbetten aus unserem Bestand vorgestellt werden. Beide Alkoven sind rechts und links von einer Tür in die Wand der Bauernstube eingelassen. Da man auf die Gestaltung der Hauptansichtsseite zum Raum besonders viel Wert legte, sind die Alkoven herum mit bäuerlichen Malereien gefasst. Das obere Ende des Alkovens ist mit einer Holzschnitzerei verziert. Dargestellt sind florale Objekte. Der Alkoven selbst ist mit Bettzeug bestückt und wird von einem Vorhang eingerahmt. Dieses gesamte Ensemble hatte somit den sozialen Status der damaligen Besitzer hervorgehoben.

Alkoven kamen in den städtischen Häusern aus der Mode. Warum diese allerdings in den Häusern der ländlichen Bevölkerung verschwanden, ist sehr interessant. Aus vielen Quellen ist zu entnehmen, dass die Alkoven als nicht hygienisch galten. Oft schlief man zu zweit oder mit mehreren Personen abwechselnd in diesen Betten. Es wurde im Inneren fast nie gelüftet; das Bettzeug und das in einem Leinensack darunter befindliche Stroh wurden selten ausgewechselt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bezogen sich Verbote direkt auf diese Betten. Daneben wurden Aufklärungsarbeit und finanzielle Unterstützung geleistet, um diese Möbel aus den Haushalten zu entfernen.5 Das Schrankbett musste regelrecht aus der Wand herausgerissen werden. Die Wand wurde dann geöffnet, so dass ein Fenster mehr Licht und mehr Luft in den Raum brachte. Die Tuberkulose, die lange als die Bettenkrankheit galt, konnte in den Griff bekommen werden. Die Gesundheit der einzelnen Person ist somit zur gesellschaftlichen Gesundheit geworden.6

Neben den Schrankbetten gibt es freistehende Betten, von denen wir wenige in unserem Bestand haben. Ein Depot eines Museums ist nicht unendlich. Ein Grund, warum kaum noch historische Betten vorhanden sind, ist die Ermangelung von Stellfläche. Hat ein Bett in seiner Funktion ausgedient, hat sich der Geschmack seines Besitzers verändert oder ist es beim nächsten Umzug nicht mehr transportfähig, wird dieses Möbelstück meist entsorgt. Platzsparende Truhen wurden häufiger aufbewahrt und befinden sich en masse in den Beständen vieler Museen.

Himmelbett, zweite Hälfte 18. Jahrhundert, Holz, Foto: Patrick SchröderEin Beispiel eines freistehenden Bettes ist ein farbig gefasstes Himmelbett von besonderer Qualität, welches im Magazin aus Platzgründen in seine Einzelteile auseinander gebaut ist. Die Seitenteile sind durch Zapfen mit dem Kopf – und dem Fußteil verbunden. Auf der Schauseite befinden sich gemalte ostfriesische Rosen, die mit einer Schablone aufgetragen worden sind. Das Kopfteil des Ehebettes ist etwas höher als das Fußteil. Die vier gedrechselten Säulen haben den Himmel getragen.

Himmelbetten wurden von der Oberschicht bevorzugt, waren allerdings auf dem Land unüblich und tauchten in den Inventarlisten bäuerlicher Haushalte nicht auf.7 Sie gehörten zum repräsentativen Mobiliar und hatten dadurch oft auch gesellschaftliche Funktionen. Bei aller Suggestion, die wir mit dem Wort Himmel als Paradies und Sternenhimmel verbinden, war die Hauptaufgabe des Himmels der Schutz vor herabfallendem Ungeziefer. Entweder bestand dieser Himmel aus Stoff oder kurze Zeit später aus Brettern. Das Bettgestell war dem eindrucksvollen Oberbau untergeordnet. Die Eleganz eines Himmelbetts wurde oft durch kostbare Vorhänge oder Gardinen unterstützt, die bis zum Fußboden ragten und das Bettgestell umhüllten.

1 Karl-Heinrich von Stülpnagel: „Frühformen des Bettgestells“ in: Nina Hennig: „Bettgeschichte(n)“, 1999, S. 26
2 Thorsten Albrecht: „Schrank. Butze. Bett“, 2001, S. 10
3 ebd., S. 37
4 Kai Detlef Sievers: „Schlafgelegenheiten ländlicher Unterschichten im 19. Jahrhundert“ in: Nina Hennig: „Bettgeschichte(n)“, 1999, S. 86ff
5 Thorsten Albrecht: „Schrank. Butze. Bett“, S. 158
6 Michal Schimek: „Im Interesse zur Förderung der Volksgesundheit…“ in: Nina Hennig: „Bettgeschichte(n)“, 1999, S. 222
7 ebd., S. 166 und Heinrich Mehl: „Bettgeschichte(n) im Museum“ in: Nina Hennig: „Bettgeschichte(n)“, 1999, S. 196