 |  |
 Die Sonderausstellung des Schulmuseums 2002 |
|
"Goldenes Handwerk" Idealisierung von Handwerk im Unterricht zur Zeit der Heimatbewegung
Wenn in den letzten Jahren viel vom Internet, dem Aufbruch in ein neues Medienzeitalter die Rede ist, Ängste vor einer technisierten Welt zu spüren sind, so weisen diese Verunsicherungen viele Parallelen mit denen der Menschen vor rund 100 Jahren auf. Die aufziehende Moderne wurde damals vielerorts als Bedrohung empfunden. Gerade die konservativen Intellektuellen, Lehrer, Pastoren und Pfarrer, höhere Beamte wollten die überkommenden kulturellen Werte schützen und sahen die alte, vor allem die ländliche Lebensweise als bewahrenswert an.
Auch die mittelalterlichen Handwerksorganisationen, die Zünfte und Innungen mit ihrem festen Regelwert und Verordnungen schienen eine sichere Arbeitswelt und fest geordnete Hierarchien zu dokumentieren, die besser zu durchschauen waren, als die unübersichtlichen Strukturen der Großindustrie. Altes Herkommen, altes Handwerk wurden idealisiert und ähnlich wie der Begriff Heimat ideologisch überhöht.
Gerade Lehrer engagierten sich in der Heimatbewegung, die um 1900 auch das Oldenburger Land erfaßte. Sie nutzten ihre Möglichkeiten im Bereich der Wissensvermittlung, um die Gedanken der Heimatbewegung auch in den Schulen zu verbreiten.
Die neuen Methoden in der Unterrichtsgestaltung, insbesondere der Anschauungsunterricht boten in vielerlei Hinsicht Ausgangspunkte, auch über den strukturellen Wandel nachzudenken. Die Medien, die den Lehrern zur Verfügung standen, hatten sich durch neue Techniken aber auch durch die veränderten pädagogischen Ansätze beträchtlich erweitert. Neben den Schulwandbildern konnten auch Filme, Dias eingesetzt werden.
Ein ganz wichtiger Punkt war der "Ausflug", die Anschauung vor Ort. Hierzu boten die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vielerorts entstandenen Heimatmuseen einen guten Anknüpfungspunkt. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den Heimatvereinen, in denen Lehrer häufig eine gewichtige Rolle spielten, Objekte gesammelt, die für die Region als typisch erachtet wurden. Hierzu gehörten neben Objekten der ländlich-bäuerlichen Arbeitswelt auch Arbeitsgerät und Werkzeuge von "altem" Handwerk. Schuhmacherei, Stellmacherei, Bürstenmacherei - Berufe, die in ihrer handwerklichen Existenz durch die industrielle Fertigung stark gefährdet waren, wurden museal. Nicht nur die Werkzeuge und Arbeitsgeräte wurden gesammelt, sondern auch die Zunftsachen, also Zunfttruhen, Rumorstäbe und Fahnen; Objekte also, die ihrer rechtlichen Funktion beraubt waren.
Für die Schüler boten die in den Heimatmuseen errichteten inszenierenden Darstellungen in anschaulicher Weise die Möglichkeit, das "ausgestorbene Handwerk" kennenzulernen. Durch die Veranschaulichung von Lebens- und Arbeitszusammenhängen erhoffte sich beispielsweise der jeversche Rektor des Mariengymnasiums Dietrich Hohnholz, der maßgeblich am Aufbau des jeverschen Heimatmuseums beteiligt war, eine "Belehrung über Jeverlands Vergangenheit und damit Stärkung des Heimatgefühls zu erreichen". Wichtig war ihm die Anschauung für die Jugend.
Ausgehend von einer Idee der Mitarbeiter des Schulmuseums Bohlenbergerfeld, eine Ausstellung zum Thema "Handwerk" zu erarbeiten, wurde von Studenten der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg die Thematik aufgegriffen und um Fragen nach der Problematik von Idealisierung in der Heimatbewegung erweitert und konkretisiert. Es war auffällig wie tiefgreifend die romantischen Vorstellungen vom "Goldenen Handwerk" durch die Vermittlung in Schulunterricht und Museum gegriffen haben, so daß das daraus resultierende Bild noch heute weit verbreitet ist.
| Die Ausstellung fügt sich daher auch sehr gut in ein Projekt von sechs Museen im Oldenburger Land ein, die sich unter dem Titel "Suche nach Geborgenheit. Heimatbewegung in Stadt und Land Oldenburg" (begleitender Katalog, hg. von Uwe Meiners, Oldenburg 2002) zeitgleich mit der Problematik unter verschiedenen Aspekten beschäftigen.
Mehr über die Ausstellung zur "Heimatbewegung in Stadt und Land Oldenburg" erfahren Sie im Internet unter www.heimatbewegung.de. |
|
» Zurück zum Ausstellungsarchiv
|  |