Wächtersbacher Keramik
im Schlossmuseum Jever

Form Haarlem: Ein Frühstücksgeschirr
Das abgebildete Frühstücksservice aus der Produktion der Wächtersbacher Steingutfabrik basiert auf der Formserie "Haarlem" und ist somit auf die Entwurfsarbeit von Ursula Fesca, 1932-35, zurückzuführen.
Ausgeführt ist das Geschirr in Dekor 3700: unter der lichtgelben Glasur sind die angarnierten Teile, wie Henkel, Schnaupen, Deckelknäufe und die Kannentülle, mit schwarzer Unterglasurstaffage versehen. Dessertteller und Brotbretter sind uni-lichtgelb. "Wie im Hohl- und Preßglase, so hält das tiefe, blanke Schwarz als Dekorfarbe nunmehr auch im Steingut seinen Einzug. Und man muß sagen, daß es auf dem warm-gelblich getönten Scherben, wie ihn die Wächtersbacher Steingutfabrik herausbringt, sehr effektvoll zur Geltung kommt." (Schaulade 9, 1933)
Geschirrsortimente sind gewachsene Systeme. Am Service "Haarlem" kann sehr gut demonstriert werden, wie und unter welchen Einflüssen sich die Entwicklung eines Geschirrsortiments vollzieht.
Die Form "Haarlem" war zunächst als Teeservice konzipiert. In der Nachtragsliste von 1933 besteht sein Sortiment aus Teekanne 8300, Milchgießer 8306 und Zuckerdose 8307 - jeweils in zwei Größen -,Tasse mit Untertasse 8308/1+2, Teeklotz 4348, Eierbecher 514a, Butterdose 8434, Marmeladendose 8422, Unterplatte 6957, Teller 4771, Kuchenplatte 4781, Brotkorb 8365 und Beilageschale 199. Teekanne, Milchgießer, Zuckerdose und Tasse mit Untertasse sind gemäß ihrer Artikelnummer aus einem Guß als Einheit entworfen und umgesetzt worden. Die Artikelnummern von Dessertteller und Kuchenplatte zeigen, daß auch sie gemeinsam aus einer Grundform heraus entstanden sind, wenngleich bereits in den Jahren um 1920. Die Artikelnummer 100 der Brotbretter belegt, daß es sich um eine sehr frühe Form aus den Anfängen der Fabrik handeln muß.
Die Dosenform 8398, der Brotteller 8467 und die Eierbecherform 8507 wurden zwar ebenfalls im Katalog von 1933 aufgeführt, aber nicht in Dekor 3700 angeboten. Diese Sortimentserweiterung erfolgte erst zwischen 1934 und 1935. In diesen Zeitraum fiel ebenfalls die Einführung der länglich-ovalen Kaffeekanne 8571 und der Krugform 8650 (in sieben Größen). Ab 1934/35 konnte man sich folglich ein Frühstücksgeschirr wie das im Schlossmuseum Jever vorhandene im Fachhandel zusammenstellen lassen.
Die Ergänzung der Kaffeekanne kurz nach Einführung der Formserie läßt den Rückschluß zu, daß Form "Haarlem" im Handel schnell auf große Akzeptanz gestoßen war und wiederholt nach einer seperaten Kaffeekannenform verlangt worden war.
Als Kaffeeservice wurde die Geschirrform "Haarlem" in Dekor 3700 bis 1964/65 angeboten. In den 1950er Jahren tauschte man die längliche Kaffeekannenform gegen eine offensichtlich gängigere runde Form aus. Milchgießer und Brotbrett wurden ebenfalls durch zeitgemäßere Formen ersetzt, der Butterteller scheint ganz aus dem Sortiment genommen worden zu sein.
Geschirrsortimente sind oft Konglomerate aus verschiedenen Formserien. Da die Einführung von neuen Formen in die Produktion im Vergleich zu neuen Dekoren oder Glasuren sehr kostspielig ist, greift man gerne zunächst auf Vorhandenes zurück. Zugleich bieten im Formenrepertoire durchgängig angebotene Glasuren und Dekore dem Kunden die Möglichkeit, das Geschirr um attraktive Artikel und Zierobjekte wie Leuchter, Schalen und ähnliches zu ergänzen.
Die Entwicklung eines Geschirrs im Firmensortiment und in den Schränken der Haushalte ist daher interessanter Hinweis auf Angebot und Nachfrage im Handel und zugleich Spiegel des Lebensgefühls einer Zeit.
