Wächtersbacher Keramik
im Schlossmuseum Jever

Die Wächtersbacher Steingutfabrik
Die schnelle und weite Verbreitung von Steingutware in Europa wurde von Josiah Wedgwood (1730-1795) eingeleitet. Gegen 1760 begann das englische Steingut als "Englisches Porcellain" die Fayencen auf den Weltmärkten zu verdrängen - eine Entwicklung, die erst durch die Kontinentalsperre von 1806-1810 gebremst wurde. Die Kontinentalsperre löste schließlich auch in Deutschland eine Welle von Fabrikgründungen aus, welche auf die Produktion der begehrten Ware abzielten.
Steingut ist dem Porzellan in seiner Erscheinung sehr ähnlich. Der gebrannte Scherben ist wie Porzellan fast weiß und für Unterglasurdekorationen geeignet. Steingut wurde schon sehr früh industriell als Massenware produziert und war daher in seiner Herstellung sehr viel günstiger als Fayencen oder Porzellan. Ein weiterer großer Vorteil lag in seinen niedrigen Brennbereichen, die eine größere Farbpalette und Farbintensität bei Glasuren und im Einsatz von Scharffeuerfarben erlauben. Masseversatz und Brenntemperatur führen beim Steingut allerdings oft im Laufe des Gebrauchs zu Haarrissen, so daß historische Objekte in der Regel von einem feinen Haarrissnetz überzogen sind.
Nach dem Fund von weißem, für die Steingutherstellung geeignetem Ton in der Nähe von Schlierbach, bei dem Ort Wächtersbach/Hessen, schloß Graf Adolf zu Ysenburg und Wächtersbach mit vier Honoratioren aus Wächtersbach und zwei Bürgern aus Schlierbach am 8. Juni 1832 einen Sozietätvertrag zur Gründung der "Wächtersbacher Steingutfabrik".
Die Produktion lief noch in demselben Jahr an. Echte Rentabilität erreichte das Werk jedoch erst, als 1867 die Bahnlinie Hanau-Wächtersbach das strukturschwache Schlierbacher Tal erschloß. 1856 hatte Graf Ferdinand Maximilian durch Kauf alle Anteile der verbliebenen Teilhaber übernommen, wodurch die Wächtersbacher Steingutfabrik Eigentum des Fürstentums von Ysenburg und Büdingen wurde. Unter der Leitung von Max Roesler (1874-1890 in der Wächtersbacher Steingutfabrik tätig) erlebte das Werk in vielerlei Hinsicht seine erste Blütezeit. Neben sozialen Einrichtungen initiierte Max Roesler im Betrieb eine Zeichenschule sowie die Mitarbeit namhafter externer Entwerfer zur Steigerung des künstlerischen Niveaus des Sortiments. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Werk 1890 hatte die Wächtersbacher Steingutfabrik den Anschluß an die Spitze der damaligen deutschen Steingutproduktion erreicht.
Zu einem Höhepunkt in der wirtschaftlichen und künstlerischen Entwicklung der Fabrik führte die durch Christian Neureuther (1903-1921 als Leiter des Ateliers tätig) gegründete Kunstabteilung der Wächtersbacher Steingutfabrik und seine Zusammenarbeit mit der Darmstädter Künstlerkolonie. In jener Zeit entstanden in der Wächtersbacher Steingutfabrik hochwertigste Jugendstil-Keramiken. Diese zweite Blütezeit endete mit Beginn des 1. Weltkriegs, dem die Weltwirtschaftskrise folgte - Zeiten, in denen Produktion und Abverkauf der Wächtersbacher Keramiken empfindlich stagnierten.
Mit Ende des 2. Weltkriegs nahm die Wächtersbacher Steingutfabrik wieder ihre führende Stellung innerhalb der deutschen Steingutproduzenten ein und etablierte sich neben Villeroy und Boch über lange Zeit als zweitgrößte Steingutfabrik Deutschlands.
