Vortrag von Dr. Georg Wagner-Kyora am Do. 01.10.2020 im Schlossmuseum Jever

Dr. Georg Wagner-Kyora hält am Do. 01.10.2020 um 20 Uhr einen Vortrag zum Thema “Georg von der Vring (1889-1968) – Ein politischer Dichter aus der Weimarer Republik” im ehemaligen Küchensaal des Schlossmuseums.
Für die Veranstaltung ist wegen der Corona-Schutzvorkehrungen eine Anmeldung erforderlich.
Eine Übersicht über die zur Zeit geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen bei Veranstaltungen im Schloss finden Sie im Folgenden:
Georg von der Vring 1929
Georg von der Vring 1929


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Informationen zum Vortrag

Mit seiner großen Autobiografie „Soldat Suhren“ von 1927 hat Georg von der Vring Literaturgeschichte für das 20. Jahrhundert geschrieben, denn es handelt sich um den ersten Antikriegsroman. Dessen kurzlebige Berühmtheit in der Weimarer Republik resultierte aus einer republiktreuen Haltung, welche konsensstiftend wirkte und eine progressive Ära herrschaftskritischer Selbstdarstellungen einzuläuten schien. Georg von der Vring galt damit als ein Aushängeschild des linksliberalen Bürgertums. Er konnte zudem auf eine bemerkenswerte anti-nationalsozialistische Kampageerfahrung verweisen, die er sich als politischer Lyriker im Kampf gegen das reaktionär-faschistisch eingestellte Honoratiorenbürgertum der Kleinstadt Jever erworben hatte. Und als Zeichenlehrer am Mariengymnasium Jever hatte er 1927 in der Aula eine berühmt gewordene Rede zur Würdigung der Weimarer Reichsverfassung gehalten. Damit war er zum öffentlichkeitswirksamen Hassobjekt der Republikfeinde innerhalb des Kollegiums und in Jever allgemein aufgestiegen.

Von der Vring verliess sein Heimatland Oldenburg unmittelbar nach der Publikation von „Soldat Suhren“ und begann zunächst in Stuttgart eine zweite Karriere als Erfolgsschriftsteller von Unterhaltungsromanen, die Massenauflagen erzielten. Sein Kriminalroman „Der Tod im Hafen“ von 1936 begründete erneut ein Genre, jenes des historischen und des Lokalkriminalromans, hier am Beispiel seiner Geburtsstadt Brake im Biedermeier. Den faschistischen Machthabern zwar anfangs distanziert-kritisch gegenüber eingestellt, gelang es deren Kulturpolitik aber mehr und mehr den Erfolgsschriftsteller zu umgarnen und ihn einzuhegen. Infolgedessen sollte sein historischer Kostümroman „Schwarzer Jäger Johanna“ von 1934 eigentlich von der UFA in Starbesetzung verfilmt werden, aber von der Vring hintertrieb dies noch, weil das ihm präsentierte Drehbuch eine wichtige Vormärzfreundliche Passage herausgestrichen hatte und das Sujet auf die zentrale Liebesgeschichte reduzierte.

Aber Georg von der Vring wurde Mitglied des Eutiner Dichterkreises und nahm hier die Rolle des Oldenburger Heimatschriftstellers neben August Hinrichs und Alma Rogge ein, eine Zuschreibung, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. Denn auch das neue Hauptgebäude des Mariengymnasiums Jever trug bis zu seinem Abriss vor einem Jahr seinen Namen: Georg von der Vring-Haus.

Im Zweiten Weltkrieg schließlich betätigte sich Georg von der Vring als Herausgeber von sogenanten Erlebnisberichten schreibwütiger Soldaten und 1943 sogar noch von Soldaten-Lyrik. Diese Lebensphase zeigt ihn in einem mehrfach gewendeten Licht der vollständigen Anpassung an das NS-Regime: Aus dem Anti Kriegs-Dichter und Erfolgsschriftsteller war letztlich der NS-Propagandist geworden.

Die vielen Neuerfindungen des Georg von der Vring werfen im 51. Todesjahr des Dichters die Frage auf, wie wir mit seinem historischen und mehr noch wie wir mit seinem literarischen Erbe umgehen sollen. Zu einer solchen Diskussion lädt der Vortrag herzlich ein.

Georg Wagner-Kyora, geb. 1962, studierte nach dem Abitur am Alten Gymnasium Oldenburg in Bamberg, Bielefeld und Hamburg Deutsch und Geschichte sowie Philosophie. Nach dem 1. Staatsexamen promovierte er 1993 in Bielefeld über die Geschichte des Sozialen Wohnungsbaus und der Wohnraumbewirtschaftung. Anschließend war er Hochschulassistent an der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg und habilitierte sich hier im Jahr 2000 über die Selbstbildkonstruktionen von Chemikern und Ingenieuren im 20. Jahrhundert am Beispiel der mitteldeutschen Chemieindustrie. Nach dem 2. Staatsexamen am Studienseminar Osnabrück forschte er unter der Leitung von Prof. Dr. Adelheid von Saldern an der Leibniz-Universität Hannover zur Geschichte des deutschen und später auch des europäischen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Verschiedentliche Vertretungsprofessuren für Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar Hannover und zur Neueren Geschichte sowie zur Stadtgeschichte an der Technischen Universität Berlin setzten neue Forschungsfelder, etwa zur Stadtgeschichte Berlins im Rahmen eines Studierenprojektes zum Wiederaufbau der Altstadt oder zum französischen Wiederaufbau in der Normandie mit mehrfachen internationalen Forschungsbegegnungen.

Seit 2012 ist er Lehrer am Mariengymnasium Jever für die Fächer Deutsch, Geschichte und Werte und Normen und dort auch Bibliotheksmitarbeiter. Gegenwärtig erforscht er im Rahmen eines vom Bundesinnenministeriums angeleiteten Verbundprojektes die Geschichte des Bundeswohnungsbauministeriums im Übergang vom Nationalsozialismus zur Besatzungszeit und zum ersten Nachkriegsjahrzehnt mit ihren Verzweigungen in Ländern und Gemeinden. Hierfür hält er in den Schuljahren 2020/22 ein dreisemeestriges Seminarfach „Geschichte des Wohnens“ in der Oberstufe des Mariengymasiums ab (Abitur 2022).

Seine Befassung mit Georg von der Vring beruht auf seiner literaturhistorischen Forschungstätigkeit an der Bibliothek des Mariengymnasiums Jever.