Schule in außergewöhnlichen Zeiten

Beim Inventarisieren von Fotos und Postkarten des Museums im Landrichterhaus in Neustadtgödens fand ich eine Postkarte aus dem Kriegsjahr 1916. Darauf sind 40 Schulkinder mit beschrifteten Postsäcken zu sehen. Auf der Rückseite der Postkarte ist zu lesen: „Unsere Schulkinder mit den Weihnachtspaketen für unsere lieben Soldaten kurz bevor sie zur Post gebracht werden. Herzl. Weihnachtsgrüße.“

Die Zeilen stammen vermutlich von dem evangelischen Pastor Georg Börner, der als Oberschulinspektor für den ordnungsgemäßen Ablauf des Schulunterrichts verantwortlich war. Ihm unterstellt war zu dieser Zeit Hauptlehrer Buß, der mit der Lehrerin Fräulein Stellwagen insgesamt 183 Kinder in drei Klassen beschulte. Die Postkarte gehört zum sogenannten Altbestand und kam durch Georg Börner, den Sohn des Pastors, in das Museum. 2018 wurden dann im Keller der Gemeinde Sande Schulakten der Gemeinde Gödens gefunden (die Gemeinde Gödens (Ostfriesland), zu der auch Neustadtgödens gehörte, ist 1972 in die Gemeinde Sande (Oldenburger Land) übergegangenen). Zufällig fand ich darin einen Revisionsbericht aus dem Jahre 1916, in dem die Leistungen eben dieser abgebildeten Schulkinder und der beiden Lehrer bewertet wurden. So waren zur Revision am 06. April 1916 neben dem Kreisschulinspektor Dr. Grindler auch der Vater von Georg Börner beim Unterricht von Hauptlehrer Buß und Lehrerin Stellwagen anwesend.

Die beiden Revisionisten attestieren beiden Lehrern zwar eine fleißige Grundhaltung, aber über Lehrer Buß heißt es: „sein methodisches Geschick ist nicht sehr groß“ und Frl. Stellwagen „ist gewiß recht fleißig und treu, aber es fehlt ihr die nötige Festigkeit in der Handhabung der Zucht“. Die Schüler wurden auch im Rechnen (Abteilung II und III) geprüft. Das Ergebnis: „Abteilung III versagte ganz, Abteilung II zeigte etwas bessere Leistungen, doch war das Ziel der Klasse auch hier nicht erreicht.“ Allerdings, und da wäre ich wieder bei dem Postkartenmotiv, notierten die Revisoren positiv für die Lehrer: „Daß die Schreibstunde öfters in den Dienst der Kriegshülfe gestellt worden ist – die Schüler haben in der Stunde die Adressen für die in das Feld gehenden Sendungen geschrieben – ist durchaus zu billigen.“ Und einige Zeilen weiter „Recht anerkennenswert ist es, daß er (Lehrer Buß) und seine Frau sich in der Kriegsfürsorge recht eifrig betätigen.“

Am 27. November 1918 hob das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die geistliche Ortsschulaufsicht in Preußen endgültig auf.

Postkarte: Schüler aus Neustadtgödens bei der „Kriegshülfe“
Rückseite der Postkarte (Landrichterhaus PK00026)

Stephan Horschitz
Museum im Landrichterhaus

Revisionsbericht aus dem Jahre 1916
„An der dreiklassigen Schule, die 183 Schüler zählt, sind z.Z. tätig Hauptlehrer Buß, 60 Jahre alt, und die Lehrerin Frl. Stellwagen als Vertreterin. Hauptlehrer Buß führt die 1. Klasse (61 Schüler) die von den Schülern angefertigten schriftlichen Arbeiten befriedigten. Daß die Schreibstunde öfters in den Dienst der Kriegshülfe gestellt worden ist – die Schüler haben in der Stunde die Adressen für die in das Feld gehenden Sendungen geschrieben – ist durchaus zu billigen. Eine den Schülern gestellte schriftliche Aufgabe genügte. Die von dem Lehrer gehaltene Lektion über das Gleichnis vom Schalksknecht ging nicht sehr in die Tiefe, doch zeigte sie, daß er Lehrer sich für den Unterricht ordentlich vorbereitet hat. Eine durch den Revisor angestellte Prüfung ergab, daß die Kenntnisse der Schüler in der biblischen Geschichte befriedigend waren. Dagegen hätten die religiösen Memorierstoffe sicher gelernt werden müssen.

Im Rechnen wurde Abteilung II und III geprüft. Abteilung III versagte ganz, Abteilung II zeigte etwas bessere Leistungen, doch war das Ziel der Klasse auch hier nicht erreicht. In der Geschichte wussten die Schüler Bescheid. Hauptlehrer Buß arbeitet in der Schule recht fleißig, sein methodisches Geschick ist nicht sehr groß. Recht anerkenneswert ist es, daß er und seine Frau sich in der Kriegsfürsorge recht eifrig betätigen.

Die 2. Und dritte Klasse wird in den meisten Fächern von der stellvertretenden Lehrerin Frl. Stellwagen geführt. Die Lehrerin ist noch ganz und gar Anfängerin. Sie ist gewiß recht fleißig und treu, aber es fehlt ihr die nötige Festigkeit in der Handhabung der Zucht. Sie hatte die Klasse beim Unterricht nicht genügend im Auge; es entging ihr daher, das einige Kinder der Unterstufe bei der Besprechung der biblischen Geschichte gar nicht bei der Sache waren. Aber auch wenn sie nicht Anfängerin wäre, hätte sie einen recht schwierigen Stand, da die früheren Klassenlehrer ihre Pflicht teilweise in recht bedenklicher Weise vernachlässigt haben. Unter diesen Umständen kann man sich nicht darüber wundern, daß die Leistungen der Schüler in beiden Klassen recht dürftig waren. Wegen der methodischen Mängel, die beim Unterricht zu Tage treten, wurden Frl. Stellwagen am Schluß der Prüfung eingehende Anweisungen gegeben…“ Gez. Löber. Aurich den 11. April 1916

Am 03. Dezember 1918 erhielt Pastor Börner ein Schreiben vom Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass die geistliche Ortsschulaufsicht in Preußen von heute ab (Stand 27. November 1918) aufgehoben ist. Bis zur Übergabe der Geschäfte durch den Kreisschulinspektor sollte er aber „im Interesse der Sache“ die Geschäfte weiterführen (Quelle Museum im Landrichterhaus A00030).

Seit 1872 wurde der amtierende lutherische Pastor in Neustadtgödens für die Aufsicht der Volksschule ernannt. Dieser musste neben dem Ausfüllen des Schulberichts, den er an die Schulbehörde in Aurich schicken musste auch dafür sorgen, dass die neusten Verordnungen umgesetzt und eingehalten werden.