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Das Edo-Wiemken Grabmal

Projekt zur Erforschung und Restaurierung

Das Edo-Wiemken Grabmal, das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Chor der Stadtkirche von Jever errichtet wurde, gilt als ein bedeutendes Werk des flämischen Manierismus, dessen kunst- und kulturhistorische Bedeutung weit über Jever und die Region hinausweisen. Der Entwurf und die Ausführung können dem Umfeld des Antwerpener Meisters Cornelis Floris zugeschrieben werden.

Das Grabmal besteht aus einem freistehenden steinernen Scheingrab (Kenotaph) und einer an einen Baldachin erinnernden hölzernen Kuppel. Maria von Jever ließ das aufwendige Kunstwerk im Gedenken an ihren Vater Edo Wiemken (1468–1511) und zur dauerhaften Erinnerung an ihre Dynastie errichten. Die Aufenthalte Marias in Flandern und ihre Beziehungen zum habsburgischen Hof in Brüssel waren sehr wahrscheinlich ausschlaggebend für die Beauftragung einer renommierten (süd-)niederländischen Werkstatt.

Im Zusammenhang mit der geplanten Restaurierung wird das Grabmal einer umfangreichen Untersuchung unterzogen. Eine 3D-Wiedergabe dieses bedeutenden Beispiels frühneuzeitlicher Sepulkralkultur mit Informationen zur Geschichte und seiner Bedeutung für das Jeverland soll interessierten BesucherInnen und Forschenden zugänglich gemacht werden. Erste Eindrücke von der Simulation finden Sie hier. Die gesammelten Forschungsergebnisse und das historische Quellen- und Bildmaterial werden darüber hinaus in einem eigenen Band veröffentlicht.

In regelmäßigen Abständen liefert das Projektteam Beiträge zum Grabmal und zum Fortschritt der Restaurierung in den sozialen Medien (Instagram) und auf „schlossmuseum.de“.

Zur Geschichte des Grabmals

Das Grabmal wurde höchstwahrscheinlich um das Jahr 1560 in der Stadtkirche von Jever errichtet. Ein wichtiger Hinweis für die Datierung ist die inschriftlich am Seitenportal vermerkte Vollendung des neuen Chores im Jahr 1556. Aktuell konnte diese Datierung durch eine dendrochronologische Untersuchung des Dachstuhls bestätigt werden. Der Vorgänger des frühneuzeitlichen Kirchenbaus war einige Jahre zuvor während kriegerischer Auseinandersetzungen mit den Ostfriesen zerstört worden.

Das Schema des auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes errichteten Baus blieb für den neuerlichen Wiederaufbau nach einer weiteren Zerstörung – diesmal durch einen Brand 1728 – auch im 18. Jahrhundert verbindlich. Der Chor und das Grabmal blieben dabei weitestgehend unversehrt, ähnlich wie auch zuletzt beim Brand von 1959, bei dem das Kirchenschiff wiederum zerstört bzw. in der Folgezeit vollständig abgetragen wurde, um Raum für einen Neubau zu schaffen.

Ansichtskarte mit der alten Stadtkirche, um 1900
Ansichtskarte mit der alten Stadtkirche, um 1900 (Schlossmuseum Jever, Archiv)

Für den Wiederaufbau der Kirche in den 1550er Jahren verantwortlich sowie Auftraggeberin des Grabmals war die Tochter des Memorierten Edo Wiemken, Fräulein Maria von Jever (1500–1575). Unter ihrer Regentschaft entstanden weitere bedeutende Werke der Bildenden Kunst, allem voran die Kassettendecke im alten Bankettsaal des Schlosses. Die kunstvollen Schnitzereien mit ihren allegorischen Motiven belegen den kulturellen Einfluss der Niederlande auf die Jeversche Herrschaft.

Die Beziehungen Marias in die Niederlande sind auch maßgeblich für Gestalt und Umsetzung des Grabmals gewesen. Nur wenige Jahre zuvor war in der Großen Kirche in Emden mit dem Grabmal des ostfriesischen Grafen Enno II. (1505–1540) ein vergleichbares Kunstwerk mit unverkennbar dynastischem Anspruch durch seine Witwe Anna von Ostfriesland (1501–1575) errichtet worden. Einige Ähnlichkeiten bei der Gestaltung als Freigrab und in der Ausschmückung der Schrankenarchitektur vor dem Grab Ennos lassen die Überlegung zu, dass gewisse Anregungen von Emden ausgegangen sein könnten. Die Konkurrenz zum ostfriesischen Grafenhaus, die auch in Fragen der Repräsentation ihren Ausdruck fand, mag ein wichtiges Motiv gewesen sein. Wahrscheinlich ist jedoch auch, dass Marias Aufenthalte am Hof der Generalstatthalterin Maria von Ungarn (1505–1558) in Brüssel, neben Antwerpen das kulturelle Zentrum der habsburgischen Niederlande, den entscheidenden Ausschlag gegeben haben.

Die künstlerische Urheberschaft ist bis heute nicht sicher geklärt, ist aber im Umkreis der Werkstatt des Antwerpener Bildhauers und Architekten Cornelis Floris (1514–1575) zu suchen. So bestehen erhebliche Übereinstimmungen zwischen einem Entwurf dieses Meisters sowie dem Grabmal des dänischen Königs Frederik I. im Dom zu Schleswig. Neben dem ähnlich gegliederten Aufbau und der Konzeption als freistehendem Scheingrab weist vor allem die stilistische Auffassung des Edo-Wiemken-Grabmals nach Antwerpen. Die Gestalt des hölzernen Kuppelbaus hingegen stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar, das bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. Tatsache ist, dass eine vergleichbare Konstruktion weder in den damaligen Niederlanden noch auf dem Gebiet des einstigen Heiligen Römischen Reiches ein zweites Mal zu finden ist.

Die Gestalt der Figuren – hier besonders die der beiden Schildträgerinnen an Kopf- und Fußende des Kenotaphs mit den augenfällig überlangen Hälsen – sowie die vielfältigen antikisierenden Ornamente in den Reliefs aus Kunststein und dem hölzernen Schnitzwerk der Kuppel, sind stilistische Charakteristika des niederländischen Manierismus, wie er maßgeblich von der Floris-Werkstatt geprägt wurde. An nahezu allen Bauteilen finden sich zeittypische Gestaltungsmerkmale, wie das sogenannte Roll- und Beschlagwerk, Akanthusblätter, Faune, Architekturmotive sowie vereinzelt erzählerische Darstellungen, wie etwa der Begräbniszug Edo Wiemkens. Symbolträchtige Tragefiguren, sog. Karyatiden – darunter Personifikationen der freien Künste, alttestamentliche Könige und Planetengottheiten – ergeben ein komplexes Programm.

Eingriffe und Veränderungen des 19. Jahrhunderts

Im frühen 19. Jahrhundert widmete sich der Architekt und Baumeister Otto Lasius neben dem Schloss auch dem Grabmal, nachdem es während des 18. Jahrhunderts kaum Beachtung erfahren hatte. Zurückblickend beschreibt er den beklagenswerten Zustand des Grabmals um 1825:

„Es war nämlich im Beginn dieses Jahrhunderts [gemeint ist das 19. Jhd.], während der holländischen und französischen Besitznahme des Jeverlandes eine arge Verwahrlosung des, für den Kirchendienst nicht benutzten, das Grabmal enthaltenen Chorraumes eingerissen; Figuren waren verstümmelt, geschnitztes Getäfel ausgebrochen und dgl., außerdem drohte dem Hauptteil des Denkmals Gefahr gänzlichen Zusammenbruchs […].“
(Otto Lasius: Ostfriesische Denkmäler aus Kunststein, in: Deutsche Bauzeitung, Berlin 1886, S. 206–208)

Eine spätere Renovierung zum Ende des Jahrhunderts brachte die größten Eingriffe und Veränderungen am Grabmal. Zeichnungen aus der Zeit vor der umfassenden Instandsetzung von 1885 zeigen Abweichungen vom heutigen Erscheinungsbild. So etwa wurden die vier Karyatiden, welche die Platte mit dem darüber liegenden steinernen Abbild Edo Wiemkens tragen, ausgetauscht. Weitere Unterschiede betreffen die beiden Schildträgerinnen an Kopf- und Fußende des Memorierten. Hier gilt es noch zu klären, inwieweit diese Figuren aus Kunststein verändert oder ebenfalls ersetzt wurden.

„Die Brandmauer“ und der Blick auf das Grabmal

Ein Thema, das in den letzten hundert Jahren zwischen Kirchengemeinde und den staatlichen Behörden häufiger diskutiert wurde, betrifft die Brandmauer, die 1959 maßgeblich zum Erhalt des Grabmals beigetragen hat und im Zuge des Neubaus der Kirche durch eine Glaswand ersetzt wurde.
Die Aktenlage verrät, dass sich schon in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zwei Thesen etabliert haben: Zum einen die Annahme, dass es sich auch ursprünglich um einen vom Kirchenraum getrennte Grabkapelle gehandelt habe, deren Abschlusswand zunächst nach dem Brand von 1728 entfernt worden und erst später in anderer Form wiederhergestellt worden sei. Die zweite These geht davon aus, dass das Grabmal ursprünglich vom Kirchenraum zu sehen gewesen sei und die Abtrennung, möglicherweise bei einer Renovierung, erst im 19. Jahrhundert erfolgt sei.

Ansicht von Südosten mit Brandmauer und Wandgestaltung des 19. Jahrhunderts (NWZ-Archiv, um 1900)
Ansicht von Südosten mit Brandmauer und Wandgestaltung des 19. Jahrhunderts (NWZ-Archiv, um 1900).

Sowohl alte wie auch neue Fragen sollen im Verlauf der geplanten Restaurierung erörtert werden, um dem jahrhundertealten Grabmal weitere seiner unzähligen Geheimnisse zu entlocken. Dazu gehört auch die Frage nach der letzten Ruhestätte Fräulein Marias, die in der lokalen Überlieferung eng mit dem Grab ihres Vaters verknüpft ist.

Dr. Hanke Tammen

Literaturliste

  • Ahmels, C.: Über die Renaissance-Kunstdenkmäler unter Maria von Jever und ihre Entstehung, Oldenburg 1917.
  • Baresel-Brand, A.: Grabdenkmäler nordeuropäischer Fürstenhäuser im Zeitalter der Renaissance 1550–1650, Kiel 2007.
  • Ehrenberg, H.: Die Renaissance-Denkmäler in Jever, in: Repertorium für Kunstwissenschaft XXII., Bd. 3, Berlin/Stuttgart 1899.
  • Lock, L.; De Jonge, K. u. Chatenet, M. (Hrsg.): La sculpture de la Renaissance des anciens Pays-Bas à l’epoque de Jacques Du Broeucq (ca. 1504–84). Actes du colloque international à Mons 7–10 mars 2008).
  • Meys, O.: Memoria und Bekenntnis. Die Grabmäler evangelischer Landesherren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter der Konfessionalisierung, Regensburg 2009.
  • Sander, A.: Tonnensärge, Grabkeller und Totenkronen. 1000 Jahre Bestattungen auf dem jeverschen Kirchplatz, in: Ders.: Der Tod. Sepulkralkultur in Friesland vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit, Oldenburg 2012.
  • Saebens, H.: Die Kirchen des Jeverlandes, Jever 1956.
  • Sello, G.: Die Grabstätten der Häuptlinge von Jever und das Epitaph in der dortigen Stadtkirche, in: Mitteilungen des Jeverländischen Vereins für Altertumskunde (25.3.1923, 8.4.1923, 22.4.1923), Jever 1923.
  • Zwitters, G.: Das Edo-Wiemken-Denkmal in Jever, in: Ein Blick zurück – Beiträge zur Geschichte des Jeverlandes, hrsg. von Jeverländischer Altertums- und Heimatverein, Jever 1986.