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135 Jahre Museum des Jeverlandes – 100 Jahre Museum im Schloss

Online-Vortrag im September 2021 von Antje Sander

Die Jahre 1886 und 1921 markieren in der Geschichte der musealen Sammlung und Präsentation des heutigen Schlossmuseums besondere Initialzündungen und weisen es damit als eines der ältesten Museen in Niedersachsen aus.

Vom Filtern der Geschichte
Der Jeverländische Alterumsverein wurde im Jahre 1886 gegründet und damit auch die Sammlung des heutigen Schlossmuseums, die gleichsam in ihrer Vielfalt Frieslands Wunderkammer, das kulturelle Gedächtnis des Jeverlandes, darstellt.

Ein Teil unserer Dauerausstellung ist der Sammlungsgeschichte und -genese gewidmet und setzt damit einen Schwerpunkt in der langen Geschichte des Vereins, nämlich den Aufbau der Sammlung und des Museums in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens. Bereits zu Beginn bestimmten folgende Kernaufgaben musealer Arbeit das Handeln:

Sammeln: Die Dinge haben eine Geschichte, eine Funktion und jede Zeit legt andere Maßstäbe an, die die Sammlungswürdigkeit bestimmen. So rinnt die geschichtliche Überlieferung gleichsam wie durch einen Filter, der durch die politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen der jeweiligen Zeit gebildet wird.
Die Sammlung spiegelt damit immer auch das Interesse und den Horizont derjenigen wider, die entscheiden können, was in die Sammlung gehört.

Bewahren: Hier steht sachgerechte Inventarisierung und gegebenenfalls Restaurierung im Vordergrund. Ein Magazin, ein Archiv und (oder) eine Büchersammlung, bilden die Grundlage eines jeden Museums. Aber auch konservatorische Überlegungen spielen eine Rolle und sind zeitgebunden. In den 1950er Jahren gab es z.B. eine Diskussion im Vereinsvorstand, die zu der Anschaffung von roten Läufern in der Beletage führte. Die Damenmode dieser Zeit schrieb spitze Stöckelschuhe vor, die sich in das wertvolle Parkett bohrten.

Erforschen: Die Herkunft und der kulturelle Zusammenhang der Objekte werden herausarbeiten; auch hier ist die Sicht auf den Forschungsgegenstand immer zeitgebunden – daher ist historische Wissenschaft auch nie beendet.

Präsentieren: So wie die Sammlungsschwerpunkte und -strategien immer wieder hinterfragt werden und den zeitlich gebundenen Blick der Gegenwart auf die Vergangenheit spiegeln, so wandelt sich auch die museale Darstellung und Präsentation der Objekte.

Oft sind es auch persönliche Dinge, die die Hand des Museumsleiters erkennen lassen. Ich habe, wenn ich an meine ersten Besuche im Schlossmuseum zu Jever zurückdenke, immer die liebevollen Blumenarrangements und Sanddekorationen der Fußböden, mit denen der Museumsleiter Hans-Wilhelm Grahlmann die Räume des Schlosses geschmückt hat, vor Augen.

In allen diesen Bereichen hat der Jeverländische Altertums- und Heimatverein in seiner langen Geschichte Akzente und Maßstäbe gesetzt.

Blumenarrangement im Gobelinsaal
Blumenarrangement im Gobelinsaal

Um sich den Wandel, dem die Sicht auf die Dinge unterliegen, und die ideologische Aufladung, die Dinge erfassen und bestimmen kann, zu verdeutlichen, könnte man einmal kurz über die Geschichte eines Stuhles nachdenken, der im frühen 19. Jahrhundert hergestellt wurde und Anfang des 20. Jahrhunderts in die museale Sammlung des Altertumsvereins kam.

Für die Menschen, die auf ihm gesessen haben, war wichtig, dass er stabil war, sie wollten vielleicht noch, dass er schön war, für ihre Zeit modern und aktuelle Techniken zeigte; evtl. hatten sie auch besondere Erinnerungen an ihn. Stand er nun in einem Bauernhaus und sollte vielleicht um 1910 entsorgt werden, weil man eine neue Einrichtung haben wollte, wurde er für die Protagonisten der Heimatbewegung zum Zeichen bäuerlicher Lebensart, seine Verzierungen stellten friesisches Kunsthandwerk dar. So konnte ein Stuhl auch dazu benutzt werden, stolz auf die eigene Vergangenheit zu sein. Mit noch weitergehender Mystifizierung einzelner Verzierungselemente und sentimentaler Überhöhung seiner ehemaligen Besitzer kommt ein ideologisches Moment hinzu. Dieses kann dazu führen, dass man ihn andersherum auch als minderwertige Arbeit und ideologiebehaftetes Ding abwertet. Vielleicht interessiert eine andere Zeit auch vielmehr, in welchem Ensemble dieser Stuhl gestanden hat und aus welchem Material er besteht und wie dieses transportiert und bearbeitet wurde. Wer hatte wann und warum auf ihm gesessen, spiegeln sich in seiner Nutzung soziale Abstufungen?

Es lohnt sich also doch einmal kurz innezuhalten und nachzudenken, warum, wann, was, wie ins Museum kommt und warum wir es dann wann, wie betrachten und interpretieren.

Diese Überlegungen verweisen auf die Zeitgebundenheit musealer Arbeit, die auch den Anlass für die Gründung des Vereins boten.

„Sauberes Urväterbehagen“ – Die Gründung des Jeverländischen Altertumsvereins 1886
Die Initialzündung zur Gründung des Jeverländischen Altertumsvereins waren die Feierlichkeiten zum 100jährigen Bestehen des Jeverschen Schützenvereins. Den Höhepunkt dieses Jubiläums, welches in vielerlei Hinsicht als patriotisches Fest begangen wurde, bildete ein historischer Festumzug, in dem die bedeutendsten Ereignisse und Personen der jeverschen Geschichte thematisiert wurden. Im Mittelpunkt dieses Umzuges stand die Darstellung Fräulein Marias (1500-1575), der letzten selbständigen Regentin des Jeverlandes. Ihr persönliches Schicksal und vor allen Dingen die durch sie erfolgte Vererbung der Herrschaft Jever an die Grafschaft Oldenburg ermöglichten es, eine eigene jeverländisch-friesische Identität zu zeigen, aber dennoch ganz patriotisch zum Großherzogtum Oldenburg zu stehen. Die Begeisterung, die während dieses Festes entstand, und die populäre Vermittlung der jeverschen Geschichte boten die Plattform, auf der nun vornehmlich wissenschaftlich interessierte Personen agierten.

Die Gründung des Altertumsverein 1886/87 war zwar aus einer populär-patriotischen Geschichtsbegeisterung hervorgegangen, die Ziele dieses Vereins und das praktische Vereinsleben waren jedoch wesentlich nüchterner. Gründungsziel war die Einrichtung eines Museums und das Sammeln von Altertümern. Dies geschah sicherlich auch im Hinblick auf die Gefahr, dass ein “Ausverkauf” der jeverschen Kulturgüter drohte und damit ein Teil der eigenständigen jeverländisch-friesischen Identität verloren zu gehen schien. Eng mit dieser Identität war die eigene Geschichte verbunden, als deren bedeutendstes Kennzeichen die Freiheit angesehen wurde.

„Von der Pflege echten Heimatsinns“ – Die Gründung des Heimatvereins 1920
Die mangelnde Popularität und starke wissenschaftliche Ausprägung des Altertumsvereins, die vor allen Dingen dem damaligen Museumsleiter Dietrich Hohnholz geschuldet war, ließen es nach dem ersten Weltkrieg bei den führenden Trägern der neubelebten Heimatbewegung notwendig erscheinen, eine Vereinsneugründung vorzunehmen, um den erstarkten Heimatgedanken auf eine breitere Basis zu stellen.

Das Vorstandsmitglied Pastor Woebcken war maßgeblich an der Gründung des Heimatvereins beteiligt, der sich gerade die Vermittlung des Heimatgefühls für alle Schichten zur Aufgabe gemacht hatte. Das starke Engagement Woebckens im neuen Heimatverein, dem er als erster Vorsitzender vorstand, führte zu seiner nun nur noch sporadischen Teilnahme an den Sitzungen des Altertumsvereins.

Mehr noch als die Aktivitäten des Altertumsvereins wurden die Ideen und Veranstaltungen des Heimatvereins seit der Gründung 1920 durch das Jeversche Wochenblatt begleitet. Das Vorstandsmitglied F.A. Lange, Redakteur der Zeitung und NSDAP-Mitglied, nutzte seine publizistischen Möglichkeiten, um in langen Artikeln die Ideen der Heimatbewegung, insbesondere das Negativ-Positiv-Bild „Stadt und Land“, zu verbreiten. Mit seiner Wortwahl nahm Lange durchaus Zentralbegriffe der regionalbezogenen Wissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, mit denen eine Beschäftigung mit der Landesgeschichte ideologisch aufgeladen und überhöht wurde.

Heimatabende und Umzüge - Der Zusammenschluss beider Vereine 1923
Schrank mit Fayencen

Tor und Treppe im alten Schloss

Als vorbildlich galten dem jeverschen Heimatverein insbesondere die öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen in Form von Vorträgen, Lese- und Unterhaltungsabenden und dem Singen von plattdeutschen Liedern. Auch der jeversche Heimatverein trat noch im Gründungsjahr mit Heimatabenden an die Öffentlichkeit. Diese hatten große Breitenwirkung.

Nach und nach engagierten sich immer mehr Mitglieder des Altertumsvereins auch im Heimatverein, so dass bereits 1920 offen über eine Vereinigung beider Vereine nachgedacht wurde. Am 30. Oktober 1923 kam es dann zum Zusammenschluss. Neben der Pflege der Sammlung und des Archivs, dem Aufbau des Museums (Altertumsverein) kamen nun der Erhalt, der Schutz und die Pflege der Bau- und Naturdenkmäler, der Volkskunst und der Heimatgeschichte, die Unterstützung der Volkssprache und der Volksspiele hinzu. Mit dieser Betonung der Volkstümlichkeit sind viele Gedanken der Heimatbewegung in die Satzung eingeflossen.

Nach dem Zusammenschluss 1923 umfasste das Vereinsleben eine ganze Palette von populär ausgerichteten Aktivitäten. Neben der Museumsarbeit kam nun den Heimatabenden mit ihrem vielfältigen Programm weitreichende Bedeutung zu. Exkursionen und Ausgrabungen boten die Möglichkeit, die Heimat besser kennenzulernen. Die Pflege der plattdeutschen Sprache wurde in der Volkstheatergruppe „Speeldeel“ gepflegt und Heimatfeste erzielten eine enorme Breitenwirkung. Zu wichtigen denkmalpflegerischen Problemen wurde Stellung genommen.

Allen Aktivitäten ist aber seit dieser Zeit gemein, dass es nicht mehr allein um die Bewahrung von Altertümern und die Vermittlung von Wissen ging, sondern dass mit der beabsichtigten Breitenwirkung, der gezielten Ansprache von Gefühlen und in der besonderen Wertschätzung der eigenen Identität eine immanent politische Botschaft lag.

Das Museum: Frieslands Wunderkammer
Dem Museum kam von Anfang an bei der Vermittlung der Ziele eine große Bedeutung, eine verstärkte Wichtigkeit zu. Bereits kurz nach der Gründung des Altertumsvereins 1886 wurde für die Präsentation der Sammlung ein Raum in der kleinen Kaserne in der Mühlenstraße vom Großherzog erbeten und auch gewährt.

Dietrich Hohnholz hatte seit 1887 eine große Sammeltätigkeit entwickelt. Von einer gezielte Sammlungsstrategie lässt sich in dieser Zeit noch nicht ausgehen, doch liegt ein Schwerpunkt sicherlich auf den Dingen, die man als jeverländisch-friesisch ansah, wie z. B. blau gemusterte Porzellane und Fayencen und gestickte Hauben. Auch wenn die Sammlungsrichtlinien in dieser Zeit recht weit gefasst sind, so geben diese Wertschätzungen doch Hinweise darauf, dass das, was den Sammlungsbestand ausmacht, kein repräsentativer Querschnitt der Altertümer einer Region darstellt, sondern bereits durch den recht subjektiven Filter „jeverländisch-friesisch“ gelaufen ist.

Durch die gezielte Anwerbung von Stiftungen und Übernahme von städtisch-zünftischen Gegenständen bildeten sich Ende des 19. Jahrhunderts einige Sammlungsschwerpunkte heraus: Siegel, Stempel und Maße, die sich im Rathaus befanden und im Mittelalter und der frühen Neuzeit hoheitlichen Aufgaben gedient hatten, sollten nun als Altertümer die Sammlung bereichern. Auch Zunftsachen wurden “museumsreif”. Nicht mehr das Rathaus war öffentlicher Garant für die Unversehrtheit der Objekte, die ihrer Funktion beraubt waren, sondern das Museum diente fortan als sicherer Aufbewahrungsort. In den folgenden Jahren kamen eine vielfältige Archivalien- und Urkundensammlung sowie Waffen, Graphiken und Portraits hinzu.

Diese Zustiftungen waren zweifelsfrei das Ergebnis einer intensiven Pressearbeit. Regelmäßig wurde über den Fortschritt der Arbeiten und die Neuzugänge zur Sammlung im Jeverschen Wochenblatt berichtet. Alle Stiftungen waren eng mit dem Geber verbunden und wurden auch so in der Sammlung präsentiert. Viele erhielten ein Schild mit dem Hinweis “gestiftet von …”. Die Möglichkeit, sich selbst durch die Bereicherung der Sammlung so etwas wie Dauerhaftigkeit und Beständigkeit zu verleihen, war sicherlich ein wichtiges Motiv für die Stifter.

Der Navigationslehrer G. Juilfs aus Elsfleth beispielsweise schenkte dem Verein 1887 Waffen der Samoa-, Fidschi- und Tonga-Inseln, Delphin-Schädel, den Rachen eines Haifisches, die Säge eines Sägefisches usw.

Noch im selben Jahr konnte dieses Sammelsurium der Öffentlichkeit und insbesondere den Mitgliedern des Vereins vorgestellt werden.

Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts stand die Ausstellung der Objekte, die oft nach Materialien als eine Art Lehrsammlung geordnet waren, mit einer ästhetischen Schulung und Präsentation der Formenvielfalt im Vordergrund.
Hierzu gehörte auch eine Sammlung archäologischer Fundstücke, die durch den Lehrer Bock, den späteren Mitgründer des Schortenser Heimatvereins, maßgeblich zusammengetragen worden sind.

1902 wurden neue Räume in dem ehemaligen Gymnasium an der Drostenstraße bezogen. Nach der Neueinrichtung des Museums wurden nun auch gezielt Schülergruppen als Besucher angesprochen und durch die Räume geführt. Als besondere Attraktion plante man bereits 1902, eine alt-jeverländische Bauernstube einzurichten. Obwohl der Vorstand fast ausschließlich aus Mitgliedern aus der Stadt Jever bestand, war die Wertschätzung einer Bauernstube als Zentrum des Museums evident. Nun wurden erstmals auch konzeptionelle Überlegungen in Bezug auf die Präsentation entwickelt. Die Sammlung sollte „zweckentsprechend“ geordnet und aufgestellt werden. Durch die Veranschaulichung von Lebens- und Arbeitszusammenhängen hoffte Hohnholz, „die bei Anlegung der Sammlung maßgebende Absicht – Belehrung über Jeverlands Vergangenheit und damit Stärkung des Heimatgefühls – mehr und mehr zu erreichen“.

Der Zuwachs der Sammlung hatte Überlegungen zur Erweiterung der Museumsräumlichkeiten im Alten Gymnasium zur Folge. Mit großem finanziellem Aufwand wurde im Sommer 1918 der Umzug vom alten Gymnasium in der Drostenstraße zur Bleekerschule am Mooshütterweg vollzogen.

Bereits im Juni 1919 gab es Pläne, das Museum im Schloss zu Jever unterzubringen, welches nach dem Auszug des Großherzogs von verschiedenen Ämtern genutzt wurde. Die Räume im ersten Geschoss mit dem Audienzsaal, der Galerie und den beiden Gobelinsälen sollten als Ausstellungsräume erhalten bleiben.

Die Vorrangstellung der bäuerlichen Kultur gegenüber der höfischen Ausstattung der Räume bestimmt die weitere Museumskonzeption und die Diskussion innerhalb des Vorstandes in den 20er und 30er Jahren nachhaltig. Zwar wurde das Schloss mit seiner für das Jeverland jahrhundertealten Geschichte als würdiger Rahmen empfunden. Zielsetzung war jedoch nicht die Darstellung von herrschaftlich-adeligen Lebenswelten, sondern vor allen Dingen die Präsentation der heimatlichen Kultur, als deren Träger hauptsächlich der bäuerliche Stand empfunden wurde.

Am 10. September 1921 konnte das Museum in den Räumen des Schlosses wieder eröffnet werden. Während die Oldenburger Sicht auf das ländlich strukturierte Jeverland innerhalb der Heimatbewegung äußerst positiv war, gab es seitens der Jeverländer jedoch zahlreiche Konfliktstoffe, die zu einem eher „friesischen“ Selbstverständnis führten. Durch den Ausbau des Museums und die seit über 15 Jahren erfolgreiche Arbeit hatte der Jeverländische Altertumsverein um 1900 ein selbstbewusstes Vereinsleben entwickelt. Das gespannte Verhältnis zu Oldenburg wird während des Streites um die „historischen Pokale” besonders offenkundig. Zu den großen Schätzen des Schlosses zu Jever gehören ein Fadenglas und der sog. Huldigungsbecher, beide aus dem 16. Jahrhundert stammend. Diese Objekte sind eng mit der Geschichte des Jeverlandes verbunden. Der Huldigungsbecher wurde der letzteren selbständigen Regentin 1542 von den Bürgern der Stadt gewidmet. Aus dem Fadenglas soll Fräulein Maria 1572 Graf Johann VII. von Oldenburg zugetrunken haben, als sie ihm testamentarisch die Herrschaft vermachte. Zentrale Stücke also, die in der musealen Präsentation der fürstlichen Etage eine wichtige Rolle innehatten. 1921 nahm der damalige der Leiter des Landesmuseums Oldenburg, Müller-Wulkow, ohne vorherige Anmeldung und Absprache beide Gegenstände von dem unbedarften Schlossverwalter Brookmann in Empfang.

„Das lassen wir uns nicht gefallen“ – mit diesen Worten und einigen Unterstreichungen wird diese Entfernung im Protokollbuch vermerkt. Der Streit führte zu diversen Beschwerdebriefen. Auch Georg Sello nahm in seinem Buch „Östringen und Rüstringen“ zu dieser Problematik auf Seiten der Jeveraner Stellung, in dem er die Ausstellung im „wesensfremden Staatsmuseum in Oldenburg“ beklagte (1927 wurden beide Pokale wieder zeitweise nach Jever zurückgebracht).

Es wird deutlich, dass die erste Ausstellung sich – wie bereits im 19. Jahrhundert – überwiegend nach Material- und Funktionsgruppen orientierte. Beleuchtungsgegenstände, Porzellane, Fayencen, Zinngießerei, vorgeschichtliche Sammlung, Maße und Gewichte, Kopfschmuck und Kopfbedeckungen.

Im Erdgeschoss allerdings, wo die Zuweisung der Räume erst Anfang 1921 erfolgte, waren Inszenierungen wie die Errichtung der altjeverländischen Bauernstube von 1739 nebst einer Kammer, das Haschenburger Zimmer, in dem die Stiftung als Wohnraum-Inszenierung präsentiert wurde, die sog. Accumer Götzenkammer für Steindenkmäler und kirchliche Altertümer und ein Barockzimmer in Arbeit.

Die Sammlungsstrategie wurde nun bewusst auf das Jeverland beschränkt. Ein Schwerpunkt sollte die „Kunst unserer Bauernhäuser“ bilden. Es war geplant, der „Bauerneinrichtung“ die eines „Heuer- und Fischerhauses“ folgen zu lassen.

Auch landwirtschaftliche Geräte, die im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft ihre Funktion verloren haben, sollten ihren Platz im Museum finden. Die Suche nach Geborgenheit und Orientierung, die als Gefühl die Heimatbewegung gerade während der Zeit nach dem ersten Weltkrieg begleitete, umschreibt Gramberg für die jeversche Museumsarbeit mit den Worten „In unserer Zeit, die wir durchleben, ist so viel Gefahr … Unser Museum soll die Dummheiten vieler Erbschaftteilungen, bei denen wertvoller Familienbesitz in alle Winde zerstreut wird, wieder gut machen.”

Die Aussagekraft von „Tracht und Forschungen zur Sippenkunde“ für das „Stammestum“ und den „selbständigen Volksgeschmack“ wurde von den Protagonisten der Heimatbewegung in zahlreichen Schriften unterstrichen. So nimmt es nicht Wunder, dass auch diesen Bereichen im Museum ein größerer Stellenwert eingeräumt werden sollte. Was allerdings im Hinblick auf eine Ergänzung des volkskundlichen Bestandes und der Vorgaben der Publikation der Heimatbewegung als wichtig erachtet wurde, war die bessere Ausstattung des Museums im Hinblick auf Trachten, deren Bedeutung für die Individualität und Einzigartigkeit der eigenen Heimat herausgestellt wurde. Die Durchforschung der Sammlung brachte keinen gewünschten Erfolg, so dass man 1935 einen Wettbewerb auslobte, in dem Puppen mit „landestypischen Trachten“ zur Prämierung eingesandt wurden. Diesen Trachten wurden ähnlich wie nachgezeichneten Hausmarken breiter Raum in der musealen Präsentation eingeräumt. Diese Neuschaffung der jeverländer Tracht kam auch den Volkstanzgruppen zugute, da sie schnell und einfach herzustellen war.

Der materialorientierte Präsentationsansatz verschob sich mit dem Aufkommen der Heimatbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts hin zu einer inszenierten Schau. Nun sollte das Leben der Vergangenheit mit möglichst typischen Interieurs vor Augen geführt werden. In oft idealisierter Weise wurden aus den verschiedensten Zusammenhängen Objekte szenisch präsentiert. Bis in die 1970er Jahre hat diese Art der musealen Präsentation das Gesicht der Heimatmuseen geprägt. Im Schlossmuseum Jever sind als Zeugen der ältesten Museumsgeschichte noch das Fliesenzimmer, das Haschenburgerzimmer und die Jeversche Küche präsent.
Auch die Handwerkerstuben, die in den 50er und 60er Jahren im Dachgeschoss des Schlosses aufgebaut worden sind, und die Ausstellung von landwirtschaftlichem Gerät und der Leinenherstellung im Erdgeschoss zeugen noch von diesem Ansatz. Die inszenierende Präsentation erhielt durch den sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Ansatz in den 1970er und -80er Jahren einen neuen Impuls.

Ziel unserer Arbeit heute ist es, dem Original den ersten Platz in der Darstellung einzuräumen, dem Besucher Brücken zum Dialog mit dem historischen Original zu bauen, ihm hierfür verschiedenste Informationsangebote zu machen, Möglichkeiten zur kulturellen Verortung zu schaffen, ihm Augenblicke der Muße, des „Plaisirs“ und eine angenehme „Zeit für Entdeckungen“ anzubieten.

Seitdem die Sammlung im Schloss untergebracht ist, ist sie immer wieder den neuen Ansprüchen an die musealen Kernaufgaben: sammeln, bewahren, erforschen und präsentieren angepasst worden. Der Verein hat sich den neuen Herausforderungen gestellt und die Museumsarbeit immer aktiv begleitet.

Dem Jeverländischen Altertums- und Heimatverein ist es gelungen, eine unvergleichliche Sammlung aufzubauen – gleichsam Frieslands Wunderkammer, die viele wunderbare Schätze birgt.

Schaufläche im Erdgeschoss mit Fußbodenresten aus dem 15. Jahrhundert.

Literaturhinweise und Quellennachweise
Für alle, die es ganz genau wissen wollen, finden sich weitere Literaturhinweise und Quellennachweise hier:

  • Christoph Breske, 100 Jahre Vereinsgeschichte, in: Historienkalender auf das Jahr 1987, S. 69-76.
  • Dietrich Hohnholz, Das Heimatmuseum in Schloß zu Jever, in: Die Tide Heft 3, 1921, S.115-122.
  • Volker Landig, Antje Sander, 1886 – 2011: 125 Jahre Jeverländischer Altertums- und Heimatverein. Verein – Sammlung – Museum. Der Jeverländische Altertums- und Heimatverein in seiner Geschichte. Frieslands Wunderkammer – Die Sammlung des Jeverländischen Altertums-und Heimatvereins, 2011
  • Antje Sander, Friesenstolz und Heimatsinn: der Jeverländische Altertums- und Heimatverein und die Heimatbewegung im Oldenburger Land um 1920, in: Suche nach Geborgenheit. Heimatbewegung in Stadt und Land Oldenburg, hg. Von Uwe Meiners, Oldenburg 2002, S. 306-331.
  • Antje Sander, „Friesenstolz und Vaterland“ – der Jeverländische Altertums- und Heimatverein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen Heimatbewegung, nationalsozialistischer Ideologie und traditioneller Beharrung, in: Spurensuche im Schlossmuseum Jever, Beiträge zur Provenienzforschung, Sammlungs- und Vereinsgeschichte von Christiane Baier, Holger Ferichs und Antje Sander, Oldenburg 2020, S. 51-90.