[Blog] Von Vergangenheit und Zukunft regionaler Volksfeste

Kennen Sie das auch? Beim zufälligen Blättern in den eigenen (Foto-)Alben die Flüchtigkeit seines Daseins zu erahnen? Gerade vor dem Hintergrund der schweren, in manchen Teilen existentiellen Krise, unter der wir seit fast einem Jahr weltweit leben, kommen einem manche Bilder einer eigentlich gar nicht so fernen Vergangenheit wie Zeugnisse aus grauer Vorzeit vor.

Nehmen wir ein Beispiel: Beim Aufbau eines persönlichen digitalen Fotoarchivs stieß der Autor dieser Zeilen auf zwei Bildzeugnisse, die in ihm intuitiv positive Gefühle weckten.

Ich muss weiter ausholen und kurz persönlich werden: Aufgewachsen am Zwischenahner Meer, bin ich nicht nur recht früh an den Genuss von Räucheraal und Löffeltrunk gewöhnt worden, sondern auch ein Kind der „Zwischenahner Woche“, von Einheimischen liebevoll ZwiWo genannt. Alljährlich verwandelt sich der ansonsten im Wortsinne in die Jahre gekommene Kurort für fünf Tage in eine veritable Partymeile, auf der die spärlichen Reste junger bzw. jung gebliebener Ortsansässiger auf unzählige Buten-Zwischenahner treffen, die sich – nicht selten von weit her angereist – vergleichsweise exzessiv ihrer eigenen Identität versichern. So traf ich also bei der ZwiWo 2019 meinen besten Freund aus Grundschulzeiten, den ich 10 Jahre lang aus den Augen verloren hatte. Es wurde eine lange Nacht …

Das Oldenburger Land, außerhalb seiner Grenzen bisweilen als spröde und ein wenig reserviert verschrien, ist dieses Rufes zum Trotz voller Volksfeste, deren Traditionen bisweilen ins Mittelalter zurückreichen. Zeteler Markt, Roonkarker Mart, Stoppelmarkt oder Kramermarkt sorgen bis heute für temporäre Ausnahmezustände vor Ort.

Auch der Karneval hat im Nordwesten seit einigen Jahrzehnten seine Hochburgen, so in Ganderkesee und Damme.

Andernorts in der Region sind die Bemühungen, rheinischen, oder doch mindestens westfälischen Frohsinn zu importieren, weniger von Erfolg gekrönt.

Zur offenkundig langsam aussterbenden Gattung der Volksbelustigungen gehören die Schützenfeste, deren ausrichtende Schützenvereine bis vor einiger Zeit insbesondere das dörfliche Leben maßgeblich prägten.

Eine besondere Form des Schützenfestes hat sich jedoch in der ältesten Stadt des Oldenburger Landes erhalten: Die Tradition des Gildefestes in Wildeshausen reicht – soweit es schriftliche Quellen belegen – bis an den Anfang des 15. Jahrhunderts zurück. Und dass sie bis heute – natürlich in allen Ausprägungen zeittypischer Fest-, oder besser Fetenkultur – äußerst lebendig ist, zeigt ein Blick in einen Bestand, den das Schlossmuseum Jever für das Projekt „Bildgedächtnis des Oldenburger Landes“ aus der Wildeshauser Redaktion der Nordwest-Zeitung übernehmen konnte. Zu Tage tritt dem Betrachter eine sich alljährlich abspielende, ritualisierte Mischung aus Schützenfest, historischem Schauspiel und Markttreiben, die von den Bewohnern der Stadt und der angrenzenden Gemeinden intensiv gelebt wird.

So bitter wie notwendig der Verzicht auf das Gildefest oder andere vergleichbare Feiern in der Region im Corona-Jahr 2020 auch war. Die Jahrhunderte zurückreichende Geschichte der Festkultur des Oldenburger Landes wird weitergehen: Wir werden wieder gemeinsam feiern!

Geschrieben von Andreas von Seggern, der nie ein echtes “Feierbiest” war, sich aber schon jetzt nicht nur auf die nächste ZwiWo, sondern auch auf seinen ersten Besuch beim Gildefest freut.