Es bleibt spannend: Im Rahmen der weiteren Freilegung der Treppen zur Gruft unter dem Edo Wiemken-Grabmal aus der Zeit um 1560 wurden im März 2026 auch Fundamente einer Mauer, die hinter dem ursprünglichen Altar der barocken Stadtkirche errichtet wurde, entdeckt.
Die hier verwendeten Steine verweisen auf die Zeit des späten 19. Jahrhunderts und begrenzen die Treppe nach der sechsten Stufe. Diese Mauer wurde nach dem Einbau einer Heizungsanlage in der Kirche eingezogen1, um den geheizten Gemeinderaum von dem Choranbau mit dem Grabmal zu trennen und gleichzeitig einen Brandschutz zu bieten. Der Bau fand im Februar 1892 statt. Im Pfarrarchiv der jeverschen Kirche befinden sich zwei Zeichnungen, die die Lage und die geplante farbige Fassung dieser Mauer vom Kirchenraum aus zeigen2:

Ein unerwarteter Fund: Doch noch eine weitere Entdeckung gab zunächst ein größeres Rätsel auf. An der rechten, südlichen Seite des Niedergangs trat ein Teil eines Grabkellers mit einer Tonnendeckung aus Ziegeln zu Tage. Grabkeller dieser Art finden sich insbesondere in den protestantischen Ländern seit dem späten 16. Jahrhundert. Als Familengrabstätten wurden sie für adelige Bestattungen gegenüber dem Einzelgrab immer beliebter. Im Jeverland finden sich seit dem späten 17. und insbesondere im 18. und frühen 19. Jahrhundert ähnliche Grabkeller, die als Familiengrabstätten auch für die wohlhabenden Marschenbauern beliebt wurden und sich rund um die Wurtenkirchen finden.
Zunächst erschien es aber befremdlich, dass sich ein weiterer Grabbau dicht beim Edo Wiemken-Grabmal fand, dieser offenkundig später errichtet wurde und auch zwei Treppenstufen zur Grablege der Familie Marias von Jevers so pietätlos anschnitt. Das dieser Eingriff ein bewusster und kein Versehen war, ist dadurch belegt, dass die Stufen sauber an einer Fuge abgetrennt wurden, um Platz für den späteren Einbau zu schaffen.
Und wer macht so etwas? Die Lage eines Grabes beim Altar blieb auch nach der Reformation besonders prestigeträchtig und stand nur einem herausgehobenen Personenkreis zu. Es ist also naheliegend, dass der Erbauer dieses Grabkellers Macht, Finanzen und hierzu das Recht besaß und vielleicht auch nicht mehr den Respekt vor der letzten Ruhestätte der ehemaligen Landesherren hatte.
Hilfreich bei der Entschlüsselung dieses Rätsels erweist sich der Umstand, dass bereits beim Einbau der Mauer 1892 auf den Grabkeller Rücksicht genommen wurde, indem die Ziegel z.T. extra bearbeitet wurden, um sich der gewölbten Decke des Kellers anzupassen. Es war also naheliegend, dass bereits zu dieser Zeit auch über den Fund berichtet wurde.
Rechercheglück: Im Jeverschen Wochenblatt und in anderen Zeitungen wurde der Mauerbau in der Kirche und auch der Fund des Grabkeller zum Thema gemacht.3 Und damals ging man sogar noch einen Schritt weiter und öffnete den Keller. Die damals gemachten Entdeckungen halfen nun das Grab eindeutig einer Familie zu zuordnen:
Berichte dazu im Jeverschen Wochenblatt 36, 12.2.1892:4
und
Jeverschen Wochenblatt, 38, 14.2.1892:
Beim Aufbau einer Mauer hinter dem Altar“ wurde ein Grabkeller geöffnet und Sargstücke entdeckt. „Auf den noch gut erhaltenen Stücken, welche wohl am zweckmäßigsten dem hiesigen Museum einverleibt werden, fand man die mit Nägeln auf schwarzem Tuch ausgeprägte Zahl 1665 und die Namen Catharine Elisabeth und das Wort Wittiv. Damit stimmt nun genau eine Eintragung im hiesigen Sterberegister aus dem Jahre 1665 überein. Dieselbe lautet in genauer Uebertragung:
Den 5. August
Ist des Obristen Fränkings nachgebliebene Wittiv Catharine Elisabeth von Wackerbarth, so zu Bremen gestorben, und todt hieher gebracht des nachts umb 10 Uhren ohne klang und gesang, mit Fackeln und Windlichtern und ganz kurzem Sermin vor dem Altar in Obr. Fränkings begrabniß beygesetzt worden.
Da der Keller neben dem Altar lag, so scheint letzterer früher weiter zurückgestanden zu haben.“
Ein Grab mit Geschichte: Bei dem Grabkeller handelt es sich also um die Begräbnisstätte der Familie von und zu Fränking. Gefunden wurde im Februar 1892 die Überreste des Sarges der Witwe Catharina Elisabeth von Wackerbarth, die am 30. Juli 1665 gestorben war. Sie war die zweite Ehefrau und Witwe des Obristen und Oldenburgischen Regierungspräsidenten für die Herrschaft Jever Johann Siegmund (Sigismund) von und zu Fränking (12.9.1593 Losdorf-24. Feb. 1664 in Jever).5 Johann Siegmund von und zu Fränking stand als Obrist und Diplomat im Dienste Graf Anton Günthers von Oldenburg6 und wurde im Januar 1630 Landdrost in der Herrschaft Jever. Maria von Jever hatte die Herrschaft ja 1575 an das Oldenburger Grafenhaus vererbt. Als Kommandant von Festung und Stadt war von Fränking maßgeblich am Ausbau der Befestigungsanlagen in Jever zuständig und als Regierungspräsident, wie er das Amt des Drosten ab 1630 genannt wurde, kam ihm für die Verwaltung und militärische Sicherheit eine überragende Stellung zu. Seine Dienstzeit endete 1663 und er starb in Jever am 24. Feb. 1664.7 Johann Siegmund lebte mit seiner Familie in Jever, jedoch war er sehr eng mit dem Oldenburger Hof verbunden. Er begleitete Graf Anton Günther häufig in diplomatischen Dingen und seine Tochter Anna 1649 war Jungfer am Oldenburg Hof.8 Er heiratete in zweiter Ehe am 1. 9. 1655 „Elisabeth von Wackerbarth“.9
Im jeverschen Kirchenarchiv hat sich ein Sterberegister erhalten, das die Jahre 1635-1725 umfasst. Hier konnte recherchiert werden, dass bereits die erste Frau von Fränkings Ottilia im Chor der Kirche bestattet worden ist. Es ist also naheliegend, dass ein erster Grabkeller 1652 aus diesem Anlass entstand und der Schlosskommandant und Regierungspräsident ihn beim damaligen Altar standesgemäß errichten ließ. Er hatte als ortfremder Vertreter des Grafen sicherlich kaum noch irgendwelche Beziehung zur Grabstätte der ehemaligen Landesherrin Maria und ihrer Vorfahren. Für ihn war nur wichtig, dass er eine würdige Familiengrabstätte an privilegierte Stelle errichten konnte.
Nur drei Jahre später traf die Familie ein weiterer Schicksalsschlag. Der älteste Sohn des Obristen starb in Hannover bei einem Duell und wurde dann ebenfalls in der jeverschen Kirche im Chor begraben.
Es ist also naheliegend, dass neben Catherina Elisabeth auch die erste Frau und der älteste Sohn sowie der Obrist selbst in einem Keller bestattet sind. Einen Hinweis hierauf gibt ein Vortrag, den der Heimatforscher Georg Janssen 1932 der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienforschung hielt; er wusste zu berichten: “Den Sarg dieses 1663 verstorbenen Obristen Fränking fand man 1892 bei einem Umbau der jeverschen Stadtkirche. Er war mit einem Wappenschild aus Zinn – ein flugbereiter schwarzer Rabe- geschmückt.“10
Wahrscheinlich ist, dass rund um den Altar die Grabkeller der Familie Fränking angelegt wurden. Es ist auch möglich, dass mehrere Personen in einem Keller beigesetzt wurden. Das ließe sich jedoch erst bei einer genaueren Dokumentation unseres neuesten Fundes verifizieren. Es könnte aber auch sein, da das Grab der zweiten Gattin als letztes eingelassen wurde, einfach kein Platz mehr in der Nähe des Altars war und man daher die Stufen zur Gruft der Grablege der Familie Marias angeschnitten hatte.

Die Familie von Fränking hat zudem noch einen Abendmahlskelch sowie zwei Epitaphien, eines für die jeversche Stadtkirche und eines für St. Lamberti in Oldenburg gestiftet. Hierzu werde ich dann in Kürze berichten … es bleibt also spannend …
von Antje Sander, die für historische Forschung eine große Leidenschaft hat …
1 „wegen der Kirchenheizung“: Nachrichten von Stadt und Land,21, 20.2.1892.
2 Ein herzliches Dankeschön geht an Wilfried Fürlus, der mir den Zugang zum Archiv der jeverschen Pfarrkirche ermöglichte.
3 Vgl. auch Nachrichten von Stadt und Land,21, 20.2.1892, Wilhelmshavener Tageblatt und amtlicher Anzeiger 18, 16.2.1892, No. 39.
4 Einen ersten Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich Dr. Matthias Bollmeyer.
5 Uwe Meiners, Fränking, Johann Sigismund, in: Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, hg. von Hans Friedl, Oldenburg 1992, S. 202-203.
6 Johann Justus Winkelmann, „Oldenburgische Friedens- und der benachbarten Oerter Kriegs-Handlungen“ (erschienen ca. 1667–1671), S. 224ff. Vgl. auch Georg Müler-Jürgens, Johann Sigismund von und zu Fräncking. Oberst und Regierungspräsident von Jever 1630 bis 1663), in: Friesische Heimat Beilage Nr. 70, 24. März 9059.
7 Friedrich-Wilhelm Schaer, Verwaltungs- und Beamtengeschichte der Herrschaften Jever, Varel und Kniphausen, Oldenburg 2001, S. 139.
8 Yvonne Kölling, „kann ich mein Herz nicht zwingen“ der Konflikt um eine Eheschließung in Oldenburg 1649-1657, in: Land Oldenburg Nr. 120, 2004, S. 11.
9 NLA OL Dep. 25, Jev. Best. 262-4, Nr. 6459. (Niedersächsisches Landesarchiv Abteilung Oldenburg).
10 Nachrichten für Stadt und Land 66, 29.11.1932.
11 Ein großes Dankeschön an den Architekten Bernhard Brakenhoff für den Hinweis auf dieses Foto und die Ausgrabungen in der St. Petri Kirche in Westerstede.





