03 Zwei Ölporträts des jeverschen Malers Ernst Hemken (1834-1911)

hemkenErnst Hemken (1834-1911):
Melchior Hemken (1805-1871),
Öl auf Leinwand.

Bürgerin aus Jever.
Bezeichnet E. H. 18 Jever 63.
Öl auf Leinwand.

Dank eines glücklichen Umstandes gelangte das Schloßmuseum Jever im Oktober 1987 in den Besitz zweier Bildnisse, die im süddeutschen Antiquitätenhandel zum Verkauf angeboten wurden und sich als Originale des in Jever geborenen Malers Ernst Hemken (1834-1911) herausstellten. Die beiden in ovalem Rahmen eingefaßten Ölbilder stellen eine wertvolle Bereicherung für die kleine Sammlung von Hemken-Porträts dar. In ihnen spiegeln sich die eigentlichen Stärken eines Malers, der später vor allem als Historienmaler und Kopist bekannt geworden ist.

Ernst Hemken war der Nachkomme einer bedeutenden Kaufmannsfamilie aus Bockhorn im heutigen Landkreis Friesland. Die Vorlieben des Großvaters für Handel und Geschäfte vererbten sich allerdings nicht auf den Enkel aus Jever. Nach einem kurzen Intermezzo als Seemann konkretisierte sich Hemkens Wunsch, Maler zu werden. Über Weimar, wo ihn 1852 Friedrich Preller d. Ä. (1804-1878) in seine Obhut nahm, gelangte der junge Künstler nach Dresden. Dort entwickelte er sich zu einem gelehrigen Schüler des Galeriedirektors Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), der ihn mit der Technik der Porträtmalerei vertraut machte und damit zugleich seinen weiteren künstlerischen Werdegang bestimmte. Beeinflußt von seinem Lehrer wandte sich Hemken auch biblischen Themen zu. In ihrer künstlerischen Interpretation wird Hemkens Nähe zu den “Nazarenern” deutlich, einer Gruppe von deutschen Malern, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Italien konstituierte und in romantisch-sentimentaler Rückschau klassischen Idealen huldigte. Obwohl Hemken kein “Nazarener” im eigentlichen Sinne war, sind die Impulse, die von dieser Gruppe auf den jungen Maler während seines kurzen Aufenthaltes in Italien ausgingen, beträchtlich gewesen.

Als Hemken im Herbst 1861 nach Deutschland zurückkehrte, wandte er sich zunächst wieder nach Jever, wo die beiden hier ausgestellten Bilder entstanden. Das eine zeigt seinen Vater, den Advokaten und Obergerichtsanwalt Melchior Hemken (1805-1871) im Alter von etwa 60 Jahren, doch wer ist die Dame im anderen Oval? Aufgrund der physiognomischen Ähnlichkeit, die zwischen diesem Bildnis und einer zeitgleichen Zeichnung von der Mutter des Malers besteht, darf man in der dargestellten Person sicherlich eine Verwandte, vielleicht sogar seine 1840 geborene Schwester Agnes erblicken, auch wenn in dem Profil eher die Züge eines reiferen Frauenantlitzes hervortreten.

Hemken malte die Personen in der für das Bürgerporträt des 19. Jahrhunderts typischen Form des “Bruststücks” sowie im Habit ihrer Zeit: Den Advokaten im schwarzen Rock mit schwarzem Binder, die Frau im blauen Kleid, aus dem ein kleiner Spitzenkragen hervorschaut. Ihr langes Haar findet Halt in einem Haarnetz. Vor dem flächigen, olivgrün gehaltenen Hintergrund tritt das markante, ausdrucksvolle Profil deutlich hervor. In dieser dem Betrachter abgewandten Haltung unterscheidet sich das Frauenporträt auffällig von dem Bildnis des Mannes, dessen Augenpartie auf den Betrachter gerichtet ist. Aus der einander abgewandten Körperhaltung läßt sich ableiten, daß hier kein aufeinander abgestimmtes Doppelporträt von Eheleuten vorliegt.

Das bürgerliche Porträt des 19. Jahrhunderts zeigt den Menschen als Individuum, als Abbild seiner selbst. Anders als im 16. Jahrhundert, als das zu Macht und Ansehen gelangte Bürgertum sich ebenfalls individuell porträtieren ließ, fehlen hier die äußeren Attribute gewonnenen Selbst- und Standesbewußtseins. Es bedurfte ihrer nicht mehr. Das gehobene Bürgertum des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts vermittelte seinen Sozialstatus durch vornehme Zurückhaltung, auch wenn sich gerade in den Frauenporträts die modischen Zutaten der Zeit oft sehr genau widerspiegeln. Doch erst die Gründerzeit brachte jenes offen zur Schau gestellte Repräsentationsgehabe der Bourgeoisie hervor.

Hemken blieb mit seinen Porträts der bescheideneren Hälfte des 19. Jahrhunderts verhaftet. Vielleicht lag es auch an seinen Auftraggebern, die nicht unbedingt zu den finanzkräftigsten Gruppen des selbstbewußten Bürgertums gehörten. Auch Hemken wird den materiellen Druck gespürt haben, der ihm und seinen Kollegen mit dem Aufkommen der Photographie erwuchs. Die Aufträge für die ohnehin kostspieligen Ölporträts gingen zurück, während die Daguerrotypisten und späteren Photographen sich wachsenden Zuspruchs erfreuten. Das Zeitalter der Industrialisierung hatte begonnen.
Uwe Meiners

Literatur:
Büsing, Wolfgang, Das Geschlecht Hemken von Bockhorn. In: Oldenburgische Familienkunde 13, H. 4 (1971), S. 349 – 390.

© Schloßmuseum Jever