31 “Des Kindes erste Bilderschau”. Ein Bilderbuch aus der Zeit um 1860

schau1a“Des Kindes erste Bilderschau. Zwölf Darstellungen aus dem Thierleben”. Titelseite des Bilderbuches. Um 1860/70.

Aus einer eher unbeachteten Museumsvitrine mit altem Kinderspielzeug stammt das Objekt dieses Monats. Es ist ein Bilderbuch für kleine Kinder. Dies mag auf den ersten Blick recht uninteressant erscheinen. Trotzdem sollte man sich die Zeit nehmen, um das inzwischen historische Dokument etwas genauer zu betrachten.

Dabei ist zu beachten, daß dieses Buch natürlich eine Vorgeschichte hat. Auch Kinderbücher haben mal groß angefangen, als Schriften für Erwachsene. Die gattungstypische Kombination von Schrift und Bild gibt es schon sehr lange; doch nicht das Wort, sondern nur das Bild war geeignet, Informationen an die zumeist leseunkundige Bevölkerung zu vermitteln. Ein wichtiger Entwicklungspunkt ist das Erscheinen der sogenannten “Armenbibeln” im 15. Jahrhundert. Der Konsum von Wissen und kulturellen Überlieferungen war nun nicht mehr allein Vorrecht des Adels. Auch andere frühe Bildmedien fanden als Anschauungsmaterial Verwendung, doch bediente man sich weniger der teuren Bücher, sondern eher loser Blätter in Form von Bilderbögen und Flugblättern. Ein weiterer Abschnitt in der Entwicklung ist der Einsatz von Bilderbögen im Dienste der Aufklärung während des 18. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang lassen sich drei Funktionen unterscheiden. Erstens dienten sie dazu, Standesprivilegien des Adels im Zeitalter des Ancien régime zu hinterfragen. Diese Aufgabe verschwand mit den gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts. Die zweite Funktion war die Verbreitung von Bildung. Diese richtete sich vor allem an die leseunkundigen unteren Schichten. Drittens und letztens sollten die Bilderbögen unterhalten.

Im Zuge der wachsenden Alphabetisierung änderte sich das Publikum. Immer mehr Erwachsene konnten lesen. Damit wurden Kinder zur eigentlichen Zielgruppe, und das Angebot an gedruckten Bildern wurde angepaßt. Aber nicht nur die gesellschaftliche Rolle der Bildmedien änderte sich, sondern auch die ökonomische und technische Grundlage ihrer Herstellung. Die massenhafte, weil preiswerte Verbreitung folgte den technischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts. Eine einschneidende Erfindung war die Entwicklung des Steindruckes, der Lithographie, durch Alois Senefelder im Jahre 1818, mit der farbige Bilder in einer hohen Auflage vertrieben werden konnten. Weitere Entwicklungen waren die Erfindung des Holzzellstoffes für billige Papierproduktion (1860), der Komplettgießmaschine (1862) und des Rotationsdruckverfahrens (1863). Es folgten 1884 die Setzmaschine und sechs Jahre später die Falzmaschine.

Durch Inkrafttreten des Urheberschutzgesetzes konnten Bilderbücher auch ein kommerzieller Erfolg werden. Im Jahre 1844 kam der Nervenarzt Heinrich Hoffmann auf die Idee, für seine Kinder ein Buch mit erzieherischen Inhalten zu zeichnen und zu texten. Dieses Buch wurde so erfolgreich, daß es kurze Zeit später gedruckt wurde und als “Struwwelpeter” seinen Siegeszug um die Welt antrat. Das Werk bekam Vorbildcharakter für andere Bilderbücher. Auch unser Objekt des Monats steht in dieser Tradition.

“Des Kindes erste Bilderschau” ist thematisch gebunden, die “Zwölf Darstellungen aus dem Thierleben” sind “auf unzerreißbaren Blättern” gedruckt. Letzteres ist insofern ein reiner Werbeslogan, als die Verwendung des Buches doch erfordert, daß Erwachsene dem Kind vorlesen, da der Text viel zu kompliziert ist, als daß ein kleines Kind ihn selber lesen könnte. Trotzdem ist es verwunderlich, daß sich dieses Buch in relativ gutem Zustand befindet, denn die meisten Bilderbücher überleben die ausgiebige Benutzung nicht. Deshalb zählen Bilderbücher auch zu den eher seltenen Exponaten eines Museums.

Zum Alter des Buches: Da weder Verlag noch Verfasser angegeben sind und auch die Jahreszahl fehlt, sind wir auf andere Methoden der Altersbestimmung angewiesen. Handschriftlichen Eintragungen können wir entnehmen, daß der Besitzer das Buch 1924 im Alter von zwölf Jahren von seinem “Onkel Ludwig” geschenkt bekommen hat. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß es ein Neudruck aus dieser Zeit ist; verfaßt wurde es aber wahrscheinlich sechzig Jahre vorher. Kleidung der abgebildeten Personen sowie der Zeichenstil an sich legen einen Entstehungszeitraum zwischen 1860 und 1870 nahe. Des weiteren ist die Orthographie, letztmalig im Jahre 1903 reformiert, ein Indiz für die frühe Datierung. Die häufige Verwendung des “th” sowie einiger Doppelvokale z. B. in “Heerde” unterstützen diese Vermutung. Ein weiteres Argument dürfte die Darstellung eines “Kalenders für das Jahr 1864” sein, der auf der neunten Bildtafel abgebildet ist.

Zum Aufbau: Auf der jeweils rechten Seite befindet sich ein ganzseitiges farbiges Bild, das in der Regel mehrere Motive enthält. Ihm gegenüber auf der linken Seite stehen Texte, welche die verschiedenen Bildinhalte erläutern. Die meisten unter ihnen sind gereimt, doch finden sich auch Geschichten in Prosaform.

Eingeleitet wird das Buch durch einen Dialog zwischen einem Enkel und seinem Großvater. Darin bittet der Enkel seinen Großvater, ihm ein neues Bilderbuch zu malen, da sein altes zerrissen sei. Der Großvater erfüllt die Bitte, und das Ergebnis stellt das vorliegende Bilderbuch dar.

Die einzelnen Texte sind namentlich signiert. Meistens stammen sie von P. J. Beumer. Da viele der anderen Autoren sich weniger mit der Herstellung von Kinderbüchern beschäftigt haben (z. B. Gotthold E. Lessing oder Clemens Brentano), dürfen wir annehmen, daß P. J. Beumer an der Herausgabe dieses Bilderbuches beteiligt gewesen ist.

Vom Inhalt her sind die Texte “lehrreich und erbaulich”, sie sollen den Kindern die Werte des inzwischen gesellschaftlich emanzipierten Bürgertums vermitteln. Eine starke Frömmigkeit und Religiosität spricht zum Beispiel aus der Geschichte “Von einem armen Hirtenknaben” zur fünften Bildertafel sowie aus dem Gedicht “Gott grüße Dich”, das wir hier stellvertretend wiedergeben:

Gott grüße Dich! Kein and’rer Gruß
Gleicht dem an Innigkeit;
Gott grüße Dich: Kein and’rer Gruß
Paßt so zu aller Zeit.
Gott grüße Dich! Wenn dieser Gruß
So recht von Herzen geht,
Gilt bei dem lieben Gott der Gruß
So viel wie ein Gebet. (Julius Sturm)

schau2aBilderbuchseite aus “Des Kindes erste Bilderschau”; Motiv mit dem davongeflogenen Drachen

Im “Was die Kinder auf der Weide getrieben (zur vierten Bildertafel) wird die zeittypische Loyalität gegenüber Erziehungsinstanzen eingebracht. Es wird unter anderem die Geschichte eines Drachens erzählt, der in einen Baum stürzt, weil er sich von seiner Schnur (im Original wörtlich: “Leitung”) losmacht: ,”Es ist dem Schwindler recht gescheh’n; / Was der Leitung bedarf, soll am Leitseil geh’n.'”

Als Zeitzeugnis ist unser Objekt insofern von Bedeutung, als es bestimmte Praktiken z. B. der in der Landwirtschaft damals üblichen Eichelmast der Schweine dokumentiert.

Ausgehend von den (betexteten) Bilderbögen führt die deutsche Bilderbuchtradition über bekannte Persönlichkeiten wie Wilhelm Busch in die USA, wo Rudolph Dirks mit “The Katzenjammer-Kids”, noch unmittelbar von Busch beeinflußt, die erste heute noch existierende Comic-Serie schuf. Besonders bei den Einwanderern, die die englische Sprache nicht oder nur schlecht beherrschten, hatte die Serie großen Erfolg. Hiermit schließt sich der Kreis; die Entwicklung von der eingangs zitierten “Armenbibel” bis zur modernen Bildergeschiche ist vollzogen. Unser “Objekt des Monats” steht gleichsam in der Mitte dieser Entwicklung.
Heiko M. Pannbacker

Literatur:
Alfter, Dieter; Witte, Hans: Komm ins Kinderland! 100 Jahre Bilderbuch und Kinderspiel (1850-1950). Bad Pyrmont 1990
Becker, Hartmut; Schurrer, Achim (Hrsg.): Die Kinder des Fliegenden Robert – Zur Archäologie der deutschen Bildergeschichtentradition. Hannover 1979
Fließ, Ulrich: Bilderbogen – Kinderbogen. Populäre Druckgraphik des 19. Jahrhunderts. Hannover 1980
Knigge, Andreas C.: Fortsetzung folgt. Comic-Kultur in Deutschland. Berlin, Frankfurt a. M. 1986

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