32 Ein Hinterglasbild aus dem Jahre 1857. Ansicht des Hafens von Boston

odm1299aAnsicht des Hafens von Boston. Hinterglasbild (Diorama mit drei hintereinander gesetzten Ansichten). Angefertigt von J. G. Bohmfalk, Hooksiel, 1857. Maße: 50 x 60 cm

Seit dem 8. Mai 1955 befindet sich unter den Beständen des Schloßmuseums Jever ein großes farbiges Hinterglasbild. Eher versteckt in einer der Bauernstuben als Wandschmuck aufgehängt, ist es den Besucherblicken bislang meistens verborgen geblieben. Grund genug, es einmal aus seinem Schlupfwinkel hervorzuholen und einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen.

Das zum “Objekt des Monats” ausgewählte Exponat ist kein gewöhnliches Hinterglasbild, sondern ein durch die Hintereinanderstellung von zwei bemalten Glasscheiben und einer glasabgedeckten Hintergrundansicht inszeniertes Diorama aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als die Familie Hansen aus Crildumersiel das kostbare Stück dem Museum übergab, war zwar die vordere Scheibe des mit einem schwarzen Rahmen umgebenen Schaukastens zerbrochen, die dahinter in einem Abstand von jeweils 3 cm liegenden Glasplatten aber waren noch ganz. Der in Jever ansässige Maler W. Luken wurde beauftragt, eine dem zerstörten Frontglas entsprechende Neuanfertigung vorzunehmen, und was sich als Ergebnis präsentierte, war die wiederhergestellte perspektivische “Ansicht von Boston gegen der Bucht am Haven” – wie die Unterschrift des Bildes lautet.

1857 hatte ein gewisser J. G. Bohmfalk dieses Bild in dem kleinen Sielhafenort Hooksiel im Jeverland in der Art der Hinterglasmalerei geschaffen. Bei dieser Technik erfolgt das Malen -zumeist in Tempera oder Ölfarben – auf der Rückseite der Glasplatte. Damit wird das Glas selbst zum Träger des Bildes. Im Vergleich zur gewöhnlichen Malerei geschieht die Arbeit in umgekehrter Reihenfolge. Das heißt konkret: Was auf dem Gemälde zuletzt vollführt wird (wie vordergründige Details), muß in der Hinterglasmalerei zuerst gemalt werden. Bei der Umsetzung hilft gewöhnlich eine Werkzeichnung. Korrekturen können auf dem Glas nur durch Entfernen aller später aufgetragenen Farbschichten erfolgen oder vermittelst der Eglomisetechnik, bei der in die feuchte oder trockene Farbschicht Texte oder Zeichnungen eingraviert und mit einem anderen Farbton ausgefüllt werden. – Wie ein erhaltenes Stück der alten Frontscheibe des Dioramas belegt, hatte auch unser Künstler diese Technik beim Eingravieren seines Namens und des Textes für die Bildunterschrift angewandt, die später durch einen beschrifteten Papierstreifen ersetzt wurde.

J. G. Bohmfalk gehörte gewiß nicht zu den großen Künstlern seiner Zeit, die sich in der Phase der letzten großen Blüte der Segelschiffahrt auf die Fertigung von Schiffsporträts und Hafenansichten verstanden. Da gab es sicher bedeutendere, wie zum Beispiel den in Schlesien geborenen und in Ostende beheimateten Glashändler Wenzeslaus Wieden (1769-1814) oder den Antwerpener Maler Petrus Weyts (1799-1867), die hunderte solcher Hinterglasbilder geschaffen haben. Überhaupt hatte sich Flandern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der maritimen Hinterglasmalerei entwickelt. Ihre Entstehung ist wohl weniger auf eine direkte Beeinflussung durch die süddeutsch-österreichische Hinterglasmalerei mit ihrer religiösen Thematik zurückzuführen, sondern hängt allgemein mit der in den nord- und westeuropäischen Seestädten blühenden Amateurmalerei des 18. und 19. Jahrhunderts zusammen. Impulse empfing diese vor allem aus einem profanen Seemannsbrauch, dem einfachen Bedürfnis von Kapitänen und Schiffern, über das gemalte Bild ein Andenken an das von ihnen befahrene Schiff oder den angelaufenen Hafen zu besitzen. Mit einigem Stolz wurde dann das Bild zu Hause aufgehängt, wo es als repräsentatives Stück von der Weltoffenheit und Weitgereistheit seines Eigentümers kündete.

Der Auftraggeber bzw. Erstbesitzer unseres Dioramas ist nicht bekannt. Es muß aber jemand gewesen sein, der engste Beziehungen zur Seefahrt hatte, vielleicht selbst einmal an der amerikanischen Ostküste gewesen und an einem Erinnerungsstück interessiert war. Denkbar ist freilich auch, daß der Künstler aus eigenen Stücken die Ansicht umsetzte und damit einen auch in den jeverländischen Sielhafenorten vorherrschenden Zeitgeschmack traf, der sich entsprechend einer allgemein gewachsenen Auswanderungsbereitschaft im Interesse an Zeugnissen, oder Ansichten aus Übersee äußerte.

Die nordamerikanische Hafenstadt Boston hatte während des 18. und 19. Jahrhunderts nicht nur als Warenumschlagplatz und Einwandererstadt Bedeutung. In Erinnerung geblieben war auch ihre Rolle im Unabhängigkeitsstreben der nordamerikanischen Siedler, die 1774 mit der “Boston Tea Party” den Startschuß zum Freiheitskampf gegen das englische Mutterland gaben. In der Folgezeit dürften zahlreiche Ansichten (Kupferstiche, Lithographien) von Boston und seinem Hafen entstanden sein, von denen eine (oder mehrere) als Vorbild für unser Hinterglasbild gedient haben.

Die Dreigliederung des Bildes in Uferbereich (Vordergrund), Hafenbecken (Mittelgrund) und Stadtsilhouette (Hintergrund) griff der Künstler für die Anfertigung des Dioramas wieder auf. Die vordere Glasplatte zeigt in ihrem unteren Drittel mehrere sich am Ufer tummelnde Menschen, die teils – wie einige Seeleute und Soldaten -mit Fortifikationsarbeiten beschäftigt sind, teils – wohl Bewohner aus der nahegelegenen Stadt – spazieren gehen oder ausruhend das Treiben im Hafen beobachten. Auf der mittleren Platte sind im unteren und mittleren Drittel vor Anker liegende Fregatten und Handelsschiffe sowie zwei absegelnde Schoner mit Flaggen unterschiedlicher Nationalitäten – zu identifizieren sind die niederländische und britische – dargestellt. Vor den Schiffen kreuzen einige mit Matrosen besetzte Boote. Das hintere, mit einer Glasplatte abgedeckte Gemälde zeigt schließlich in seinem mittleren und oberen Bereich die Stadtsilhouette mit drei vor Anker liegenden Schiffen sowie den in graublauer Farbe gehaltenen Himmel.

Es fehlt hier der Raum, um auf alle Einzelheiten des Dioramas einzugehen. Offen muß bleiben, ob der Künstler auch in Details der Vorlage folgte – ein Hinweis dafür wäre die winzige Darstellung eines Indianers im Federschmuck in einem der besetzten Boote – oder sehr stark persönliche Freiheiten einfließen ließ. In jedem Fall schuf er ein historisierendes Szenario, denn Kostüme und Schiffstypen verweisen das Geschehen nicht in die Mitte des 19., sondern ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts.

odm12992aAnzeige aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 5. April 1857.

Stil und Ausführung des Bildes verraten den Laienkünstler, der sich an Vorbildern der Zeit orientierte. Ein ähnliches Hinterglasbild aus der Zeit um 1800 mit der Ansicht des Hafens von Brest wird zum Beispiel im Peabody Museum in Salem, Massachussetts (USA) aufbewahrt. Hinterglasbilder solcher Art, die dem Bereich der Volkskunst zugeordnet werden, sind zu tausenden produziert worden. Und doch sind es keine Serienfabrikate, sondern individuell gefertigte Produkte aus dem Kulturgeschehen einer Zeit, die insbesondere bei den Küstenbewohnern vom Güteraustausch und von fremden Kultureinflüssen bestimmt war.

Während das 18. Jahrhundert im norddeutschen Küstengebiet als holländische und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts noch als englische Kulturepoche gilt, wird die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits zunehmend von Einflüssen aus dem neuen Kontinent bestimmt. Unser Hinterglasbild, das einen Eindruck von einem Teil der “neuen Welt” vermitteln sollte, verweist auf diesen Prozeß. Nordamerika mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten begann nicht nur das Denken von Ausreisewilligen zu beherrschen, sondern klopfte auch an die Türen der Daheimgebliebenen.
Uwe Meiners

Literatur:
Hans Jürgen Hansen (Hg.), Kunstgeschichte der Seefahrt. Kunst und Kunsthandwerk der Seeleute und Schiffbauer. Oldenburg, Hamburg 1966.
Wolfgang Rudolph, Die Hafenstadt. Eine maritime Kulturgeschichte. Oldenburg, München, Hamburg 1980.
Karl-Heinz Wiechers, . . . und fuhren weit übers Meer. Zur Geschichte der ostfriesischen Segelschiffahrt. Bd. l u. 2. Norden 1984 u. 1988.

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