37 Das Püttbuch Wanger Straße von 1720. Ein frühes Beispiel jeverscher Festkultur und Brunnengemeinschaft

odm500aPüttbuch der Wanger Straße mit der ersten Brunnenordnung von 1720 und den Unterschriften der Mitglieder der Püttacht (Auszug).

“Die Frauen sind schön, zum Teil aber dem Trunk ergeben und oft schwer berauscht von dem Hamburger Bier, ein Getränk, das wie kein zweites in Deutschland durch seine Schwere die Sinne annebeln kann.”
So notierte es der Chronist Henricus Ubbius aus Osterhusen in seiner Beschreibung Ost-Frieslands aus dem Jahre 1530. Er weist damit auf ein Phänomen hin, welches zwar keineswegs geschlechtsspezifisch und auch nicht gerade regional auf Friesland begrenzt ist, welches aber bis auf den heutigen Tag in weiten Kreisen der Bevölkerung kulturell fest verankert ist. In seiner Entwicklung veränderte sich die Bieraufnahme von einer ernährungsphysiologischen Notwendigkeit zu einem genußorientierten Trinkvorgang, der Bestandteil unterschiedlich ritualisierter Festabläufe wurde.

Viele Feste und Festbräuche, bei deren Gestaltung das Bier eine nicht unerhebliche Rolle spielte, wurden ab dem 16. Jahrhundert durch ihre alkoholintensivierte Form neu definiert. Sie erhielten oft einen ausgesprochen öffentlichkeitsorientierten Charakter. Ein solcher Brauch, bei dem schon der Name auf die Pflege eines ritualisierten Bierkonsums verweist, ist das Püttbierfest in Jever. An diesen Brauch, der seit fast 300 Jahren urkundlich belegt ist, und der auch heute noch begangen wird, soll im Rahmen dieses “Objekt des Monats” anhand des ältesten Püttbuchs aus dem Bestand des Schloßmuseums Jever erinnert werden. Es handelt sich hierbei um das Püttbuch der “Wanger Straße” von 1720.

In diesem 21,0 x 28,5 cm großen und in Leder eingebundenen Buch findet man zunächst die 1720 noch geltende Brunnenordnung, der die Aufzeichnung der einzelnen Mitglieder angeschlossen ist. Wie aus diesem Buch hervorgeht, nahm die nachbarschaftliche Organisationsform der Brunnenpflege – eines wichtigen Beitrags zur städtischen Trinkwasserversorgung – immer stärkeren Einfluß auf die Festkultur der männlichen Stadtbevölkerung.

Im 16. Jahrhundert gab es innerhalb des befestigten Teils der Stadt Jever 16 öffentliche Brunnen bzw. “Putten”. Jeder Brunnen versorgte einen abgegrenzten Stadtbezirk, dessen Bewohner zu einer sog. “Püttacht” gehörten, also zu einer Art Brunnengemeinschaft, wie man sie auch in vielen anderen Regionen findet. Wie wichtig die Trinkwasserversorgung für die Bewohner der Stadt war, zeigt neben der für die Wanger Straße aufgestellten Brunnenordnung von 1720, in der es heißt:
“VI. Sollen erwehnte Püttmeister das Jahr über mit allen Fleiß dahin besorget seyn, daß die Putte rein und in guten brauchbahren Stande conserviret und erhalten werde”,
die 1756 von der anhalt-zerbstischen Landesregierung in Kraft gesetzte “Jeverische Brunnenordnung”, in der bis ins Detail die Erhaltung, Reinigung und Instandsetzung für alle Brunnen in Jever gleich geregelt wird. Diese Verordnung ist nur eine Vereinheitlichung der vielen verschiedenen schon vorher existenten Regelungen der einzelnen Püttachten. Aus dieser zentraldirigistischen Maßnahme heraus entstand die feste Form des schon 1727 als “Gelage” in der Brunnenordnung der Kleinen Burgstraße in Jever belegten und somit schon lange vorher zelebrierten Püttbierfestes. Ab 1756 legte somit diese Verordnung den bis dahin oftmals variablen Termin des Püttbierfestes -wahrscheinlich zwecks besserer Kontrolle des öffentlich praktizierten Brauches – für alle Püttachten auf einen bestimmten Tag fest. Während es im Püttbuch der “Wanger Straße” noch heißt:
“VIII. So soll der buchhaltende Püttmeister jährlich seine Rechnung gegen Lichtmeß fertig haben”, so lautet der entsprechende Artikel in der Verordnung von 1756 dazu:
§ 2. “so sollen dagegen alle Jahr auf dem ersten Montag nach Heilig. Dreykönig bey jedem Publiquen Brunnen, Ein oder Zwei Brunnen-Meister nach Vielheit derer Häuser, von denen Interessenten erwehlet (…) werden”.
Aus diesem Paragraphen wird auch schon der eigentliche Anlaß des Püttbierfestes deutlich. Es handelt sich hierbei praktisch um eine Generalversammlung aller Mitglieder einer Püttacht, um die Rechnungslegung für das vergangene Jahr und die Wahl – je nach Größe der Püttacht – von einem oder zwei Püttmeistern, welche die Reinigung und Instandsetzung der Brunnen zu gewährleisten hatten, abzuhalten. Das Püttbuch diente der Brunnengemeinschaft als Geschäfts- und Protokollbuch. Hier wurden die Einnahmen und Ausgaben genauestens aufgezeichnet und während des geschäftlichen Teils der jährlichen Versammlung geprüft. Nach der Rechnungslegung beglaubigte jedes Mitglied sein Einverständnis mit seiner Unterschrift. Danach folgte dann der gemütliche Teil mit dem Feiern des eigentlichen Püttbierfestes. Die Ausgestaltung des Festes und die Bewirtung hing vornehmlich von der Freigiebigkeit des Püttmeisters ab. Ursprünglich begnügte man sich mit Bier, Tabak und Branntwein (Püttbuch Wanger Straße für 1733). Aber 100 Jahre später (1833) berichten die “Oldenburger Blätter” von ausladenderen Gestaltungen des Püttbierfestes:
” Viele wußten, sey nun wahre Gastfreiheit oder Großthuerey der Grund, nicht, wie groß, wie glänzend sie ihr Püttbier machen, wie kostbar und überflüssig sie ihre Gäste bewirten sollten “. *)
Die Konsequenz waren Beschränkungen und zunehmend ritualisierte Festfolgen, wie sie beispielsweise die Püttacht St. Annenstraße 1834 aufstellte:
“l) Die Gesellschaft kommt des Abends um 5 Uhr zusammen, und gibt dann der Gastgeber Bier, Schnaps, Pfeifen, Tabak und Spielkarten.
2) Das Abendessen besteht in kalter Küche, d. h. Butter, Brod, Käse und Fleisch mit Wein. ” *)
In wirtschaftlich schlechten Jahren sowie zu Kriegszeiten wurde bei der Ausgestaltung des Festes weniger Aufwand getrieben oder sogar gar nicht gefeiert. Die Situation der Nachkriegszeit veranschaulicht der Bericht aus dem Püttbuch Drostenstraße von 1949:
“Bei dem nun folgenden gemütlichen Beisammensein konnten die Interessenten feststellen, daß das Wasser der Putte noch immer erstklassig ist. Interessent Baumann hatte dem Wasser etwas Farbe zugesetzt und noch etwas Gewürz hineingemischt, daß es allen Teilnehmern ausgezeichnet mundete.” *)

odm5002aAnzeige aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 13. Februar 1896.

Noch heute findet das gesellige Beisammensein der einzelnen Püttachten in Jever statt. Einige der Brunnengemeinschaften haben inzwischen eine vollkommen ritualisierte Festform, wie beispielsweise die Püttacht Marstall/Kleine Rosmarinstraße, deren Püttbierfest mit Hilfe des Gaststättengewerbes ausgerichtet wird und deren Speisefolge auf “Suppe – Schweine-/Rinderbraten, Kartoffeln und Rotkohl – Dessert” festgelegt ist. Bei anderen Püttachten wird das Püttbierfest noch traditionell im Haus des Püttmeisters gefeiert. Hier geht die Ausrichtung des Festes dementsprechend reihum, so daß im Normalfall jedes Mitglied irgendwann die Obhut über das Fest hat. Die Finanzierung des Püttbierfestes aber scheint bei allen Brunnengemeinschaften gleich geregelt zu sein. Mit der Erhebung einer allgemeinen Umlage wird das jeweilige Fest durchgeführt und somit kein Mitglied über die Maßen finanziell belastet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Püttbierfest auch über die Grenzen Jevers hinaus. Dies belegt die Anzeige aus dem Jeverschen Wochenblatt vom 13. Februar 1896, die für ein Püttbierfest im 15 km entfernten Fedderwarden wirbt. Hierbei könnte es sich um eine frühe Form von Folklorismus handeln, da auffälligerweise der Termin genau in die Karnevalszeit fällt und das Püttbierfest als Attraktion für “Damen und Herren von Nah und Fern” angepriesen wird. Demgegenüber hat sich das Püttbierfest in Jever als ein auf bestimmte Gemeinschaften beschränkter Festbrauch gehalten, dem inzwischen auch Nachbargemeinschaften aus dem Stadtrandbereich und den umliegenden Gemeinden folgen. In der Form der ritualisierten Nachbarschaftsfeier ist das Püttbierfest zwar öffentlichkeitsorientiert, aber ohne den Anspruch, ein demonstrativ nach außen gerichteter Festbrauch sein zu wollen.

*) Zit. n. Siuts, H.: Püttnachbarn und Püttbier. Das Jeversche Püttwesen und seine Stellung in der deutschen Volkskunde, Jever 1957.
Carsten Vorwig

Literatur:
Siuts, Hans: Püttnachbarn und Püttbier. Das Jeversche Püttwesen und seine Stellung in der deutschen Volkskunde, Jever 1957.
Ders.: Zweihundert Jahre Jeversche Brunnenordnung, in: Historien Kalender 1956, S.18-23.
Meiners, Uwe: Volkskultur und Geschichte. Anmerkungen zur Erforschung kulturhistorischer Prozesse am Beispiel der Trinkgewohnheiten, in: Rheinischwestfälische Zeitschrift für Volkskunde 36 (1991), S. 11-30.
Fissen, Karl: Jever, Volkstümliches aus einer kleinen Stadt und ihrer Landschaft, Jever 1960.

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