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Vorsicht zerbrechlich. Eine Auswahl aus dem Keramikmagazin des Schlossmuseums Jever

April 2009 – Juni 2013

In der Ausstellung “Vorsicht zerbrechlich” werden typische Service der 30er, 50er und 60/70er Jahre des 20. Jahrhunderts gezeigt, an denen sich der Wandel des Geschmacks und der Tafelkultur zeigt. Gleichzeitig ergibt sich ein Eindruck vom Industriedesign der Nachkriegszeit, das durch die Ideen des Werkbundes und des Bauhauses entscheidende Impulse erhielt. Für Firmen wie Arzberg, Wächtersbach und Melitta entwarfen namhafte Designer und Desigerinnen. Ihre entwickelten Formen werden teilweise noch unverändert produziert.

Mit etwa 3500 Objekten aus Keramik besitzt das Schlossmuseum Jever eine umfangreiche, aber auch sehr heterogene Sammlung: Jeversche und Zerbster Fayencen, Thüringer Porzellanwaren aus dem 18. Jahrhundert, Sammeltassen aus der Zeit des Biedermeiers und viele andere Stücke sind in der ständigen Ausstellung zu sehen.

Im Blickfeld dieser Präsentation steht Gebrauchsgeschirr des letzten Jahrhunderts. Diese noch sehr “jungen” Porzellanwaren, die viele Besucher vielleicht aus ihrer Kindheit kennen oder sogar selber besitzen, sind bereits schon in das Interessensfeld privater Sammler gerückt. Darüber hinaus lässt sich das Geschirr vergangener Jahrzehnte jedoch auch unter kulturhistorischen und designgeschichtlichen Gesichtspunkten einordnen. Die Bestände des Schlossmuseum werden durch Leihgaben der Firma Friesland Porzellan (Varel) und des Porzellanhauses van Lengen GmbH (Jever) ergänzt.

“Die gute Industrieform” bei Arzberg

Zu einer Zeit, in der Gebrauchsgegenstände im Stile vorangegangener Epochen gefertigt und verziert werden, entsteht der Deutsche Werkbund. Dieser 1907 gegründete Bund propagiert eine durch Zweck, Material und Konstruktion bedingte Formgebung. Unter dem Motto “Veredelung der gewerblichen Arbeit” trägt er maßgeblich zur Entwicklung funktionaler und zugleich qualitätvoller Gebrauchsgegenstände bei. Ideen aus dem seit 1919 existierenden Bauhaus beeinflussen den Werkbund und die Firmen, die direkt mit ihm assoziiert sind, wie beispielsweise die Porzellanfabrik Rosenthal. Vielfach sind Mitglieder des Werkbundes zugleich auch als kreative Köpfe für Unternehmen tätig, wie beispielsweise Hermann Gretsch (1895-1950) für den Porzellanhersteller Arzberg. Dieser Designer prägt ab den 30er Jahren die Produkte der Firma Arzberg. Das Service “1382”, das Gretsch aus einer als ideal angenommenen Grundform entwickelt, besticht durch seine zeitlose Ästhetik und wird auch heute noch unverändert produziert. Arzberg setzt mit diesem Geschirr auch auf ein neues Kaufprinzip: statt komplette Speise- und Kaffeeservice anzubieten, kann der Kunde nun selber entscheiden, wieviel einzelne Geschirrteile er sich kauft. So lässt sich ein Service Stück für Stück ergänzen und wird auch für den “kleinen Mann” erschwinglich.

Nach dem Tod von Hermann Gretsch übernimmt Heinrich Löffelhard (1901-1979) die künstlerische Leitung der Firma Arzberg, für die er insgesamt 14 Service entwirft. Ebenfalls ist er beispielsweise für das Jenaer Glaswerk Schott & Gen. Mainz tätig, für das er Entwürfe für Glaswaren anfertigt. Dennoch ist sein Name heute fast ausschließlich Kennern und Sammlern bekannt. Neben einem Bildhauerstudium bei Georg Kolbe beeinflusste Löffelhardt seine Tätigkeit unter Wilfried Wagenfeld am stärksten.

Löffelhardts bekanntestes Service für Arzberg ist sicherlich die “Form 2000”, die in hoher Stückzahl verkauft und von 1954 bis 1977 hergestellt wurde. In den sechziger Jahren zog dieses Geschirr im Bundeskanzleramt als das offizielle Konferenzservice ein. Diese Form erhält wie sein Nachfolger, das Service “2025”, mehrere internationale Auszeichnungen.

Wächtersbacher Steingut

Innovatives Design, das durch seine schnörkellose Formensprache stark vom Bauhaus geprägt ist, findet sich auch bei der Firma Wächtersbach. Diese Firma setzt auf die Produktion erschwinglicher Steingutgeschirre. In den wirtschaftlich schwierigen Zeiten gegen Ende der 1920er Jahre muss das Tischgeschirr preiswert und möglichst problemlos vor Ort zu kaufen sein. Dabei überrunden die Verkäufe harter Steingutwaren, die wegen niedriger Brenntemperaturen und in industrieller Fertigung kostengünstiger hergestellt werden können, die Zahl edler Porzellangeschirre für eine besser situierte Klientel.

Die bereits 1838 gegründete Wächtersbacher Steingutfabrik in Oberhessen besitzt zwischen 1903 und 1928 eine betriebseigene Kunstabteilung. Am Ende der 20er Jahre überwiegen Keramiken im Stil des Art déco, die Entwerfer wie Christian Neureuther oder Eduard Schweitzer für einen internationalen Markt gestalten. Mit der Einstellung der Keramik-Entwerferin Ursula Fesca (1900-1975) ändert sich auch das Design. Sie entwickelt zwischen 1931 und 1939 ein neuartiges Formenrepertoire, das dem hohen künstlerischen Niveau der vorangegangenen Jahre gerecht wird.

Konträr dazu stehen die verschnörkelten, blumendekorierten Geschirre diese Zeit. Blumendekore auf weißem Grund sind weit verbreitet und finden sich im Repertoire der noch produzierenden Steingut- und Porzellanfabriken.

» Weitere Informationen zur Wächtersbach-Sammlung des Schlossmuseums

Melitta Kaffeegenuss

Auch die Marke Melitta, die in Zeiten des Witschaftswunders komplette Kaffeeservice in großer Zahl produzieren lässt, setzt auf gute Entwürfe. Mit dem Designer Jupp Ernst (1905-1987) kann Melitta einen Mann gewinnen, der zu dem Charakter der Marke entscheidend mit beigetragen hat. Er entwirft den bis heute gültigen “Melitta” Schriftzug und sorgt damit für den hohen Wiedererkennungswert der Marke. Doch ist er nicht nur als Grafiker sondern auch als Designer für Melitta tätig. Vor allem die Klassiker “Zürich” und “Ascona”, aber auch bekannte Geschirre wie “Hamburg” und “Paris” tragen seine Handschrift. Die so genannte “gute Industrieform” spielt in seinem Werk eine wichtige Rolle, der er sich in seiner Eigenschaft als Direktor zweier Werkkunstschulen besonders annimmt.

Gerade in den sechziger Jahren steigt die Nachfrage nach erschwinglichem Gebrauchsgeschirr und die Firma Melitta reagiert darauf mit einem breiten Angebot. Die Formen 5 bis 27, die nach bekannten Städten wie Zürich, Wien, Paris oder Oslo benannt werden, gibt es in verschiedenen, zeitgemäßes Dekoren oder Farben zu erwerben. Melitta bringt mit dem Service “Bremen” (Form 27) auch ein Gastronomieservice auf den Markt, das ab 1969 produziert wird.