Von der Festungsanlage zur Schlossparkmauer oder:
Die verzwickte Ecke – eine Mauer, ein Tor und ein doller Hund
Einige Bauzäune sperren die Schlossparkmauer ab, die in fast allen Bereichen baufällig ist. Schritt für Schritt muss die Sanierung geplant und umgesetzt werden, da das Areal zum ältesten Kern Jevers gehört. Jeder Abschnitt hat ganz unterschiedliche Herausforderungen, da man vor nicht genau weiß, was im Untergrund schlummert.
Der Teil, der zur Albanistrasse führt und sich wie eine Brücke über die Schlossgraft schiebt, ist bereits auf städtischem Grund im Frühjahr und Sommer erneuert worden. Der Bereich vor dem Amtsgericht und die Ecke, die zum Parkplatz vor dem Schloss abbiegt, harrt noch der Erneuerung und wird als nächste Teilstück in den kommenden Monaten saniert. Diese Stelle hat eine besondere Geschichte und braucht daher auch eine sehr sorgfältige Behandlung.
Vor rund 200 Jahren hat sich Jever sehr verändert. Die alten Befestigungsanlagen rund um das Schloss sowie die Wallanlagen in der Stadt wurden abgetragen und ein englischer Landschaftsgarten auf dem von einem Graben begrenzten Bezirk errichtet. Das gesamte Areal des Parkes wurde nun durch eine etwa hüfthohe Mauer wie ein Ring umschlossen. Diese begrenzt das einstige landesherrschaftliche Schloss zur Stadt hin – noch heute gehören Park und Schloss dem Land Niedersachsen als Rechtsnachfolger des Großherzogtums Oldenburg und letztendlich der Häuptlinge und Maria von Jever.

Die letzte Landesherrin Maria von Jever (1500-1575) befestigte denn auch ab 1536 Schloss und Stadt mit Wall und Gräben, die heute Graften genannt werden und das Stadtbild noch immer bestimmen. Die hier beschriebene verzwickte Ecke fußt auf den Fundamenten der alten Befestigungsanlage, die bis ins 15./16. Jahrhundert zurückreichen: Der Zugang auf das einst von einem mächtigen Wall geschützte Schlossgelände erfolgte vor 200 Jahren noch über eine doppelte Toranlage, die über die Graft und durch den Wall auf den Schlosshof führte. Dieses Tor wurde 1555 errichtet.
Der Maler Friedrich Barnutz (1791-1867), der der Sohn des Schlosshauptmanns Johann Christian Barnutz war, wuchs in dem alten Schloss auf und erlebte die Herrschaftswechsel im frühen 19. Jahrhundert mit dem Auszug der Franzosen und Einzug der Kosaken nach den napoleonischen Kriegen im Jahre 1813 und schließlich ab 1818/1823 die Eingliederung in das Herzogtum Oldenburg. Viele Jahre später hat er zwei, vielleicht auch drei Gemälde geschaffen, die diese Veränderungen aufzeigen.
Zunächst stellte er den Auszug der Franzosen im Sommer 1813 dar und wählte eine Blickrichtung vom Alten Markt aus. Man erkennt die doppelte Burgtoranlage über den breiten Graben, im Hintergrund ist der Wall noch durch ein mächtiges Rondell aus Backsteinen gesichert. Die Lindenbäume darauf haben eine Laube gebildet. Heute steht an dieser Stelle die Blutbuche.
Das Schlosstor ist direkt in den hohen, von Bäumen bestandenen Wall hineingebaut und besaß im Souterrain eine Wachstube und ein Gefängnis, das „der dolle Hund“ genannt wurde. Im Obergeschoss befand sich eine Wohnung und hier war zeitweise auch die Schlossbibliothek untergebracht. Das Bild zeigt auch noch Teile des hölzernen Geländers, das 1796 errichtet wurde, um den äußeren Schlossgraben vom Burg- bis zum Albanitor zu sichern. Hinter dem Burgtor sieht man noch den Giebel des 1703 erbauten Amtsgerichts. Im Vordergrund zeigt sich links das Haus des Justizrates Möhring und rechts das sog. Toben’sche Haus.



Gleichsam als Gegenschnitt, mit einem Blick vom Schlosshof aus, stellte Barnutz den Einzug der Kosaken im Herbst 1813 dar. Man erkennt eine Treppe, die vom hohen Wall hinunterführt. Das Tor ist durch einen Stein auf „1555“ datiert. Der hohe Wall ist bereits mit zahlreichen Bäumen bestanden. Diese Szene wird vom Vater des Malers beobachtet, der als Schlosshauptmann aus dem kleinen Freesenturm blickt. Hier wird noch einmal die Situation vor der Neugestaltung des Schlossareals durch den Herzog von Oldenburg gezeigt. Das Schloss besitzt noch das Renaissanceportal; der bereits trockengefallene innere Schlossgraben ist mit Bäumen bestanden und der Schlossplatz wurde 1795 mit den großen Granitquadern aus dem abgebrochenen Kloster Östringfelde (bei Schortens) gepflastert.

Mit diesem Wissen wird schon deutlich, warum man an dieser kniffeligen Ecke die baufällige Schlossmauer nicht einfach abtragen, eine metallene Spundwand als Befestigung rammen oder gar mit einem Bagger Betonstreifen einbringen kann. Zudem ist diese Stelle noch mit größeren Bäumen bewachsen, die z.T. unter Naturschutz stehen. Ihre Wurzeln reichen weit in die historische Baustruktur ein. Anders als die Stelle an der Albanistraße, die bereits in den 1960er Jahren im Zuge der Erweiterung der Straße weitgehend im Untergrund zerstört worden ist, sollte daher hier, wo die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Struktur im Untergrund noch erhalten ist, sensibel und abgestimmt mit Denkmalpflege, Archäologie und Naturschutz vorgegangen werden.
Eine spezielle Methode der Gründung bzw. Fundamentierung, die besonders schonend eingebracht werden kann, ist daher das Gebot der Stunde. Es werden ca. 30 cm breite Löcher, je nach Baugrund 8-10 Meter, in die Erde gebohrt und mit speziellem Beton ausgegossen. Die so entstandenen Betonpfähle fungieren wie Strohhalme bis in den tragenden Grund. So werden nur an wenigen Stellen alte Fundamente oder Wurzelwerk gestört. Die Reibung an der Oberfläche dieser Pfähle sorgt dann für einen ausreichenden Halt der neuen Schlossmauer. Der große Vorteil ist auch, dass dies Pfähle erschütterungsarm eingebracht werden können – im Gegensatz zum Rammen einer Spundwand. Allerdings bedarf es hierzu Spezialgeräts. Damit dieses auch auf engstem Raum zwischen den Bäumen, der Graft und der Straße mit all den Leitungen agieren kann, muss auch einen Arbeitsplattform wegen der steilen Uferböschung vorgesehen werden.
Oft ist es wichtig, alles genau zu planen und abzuwägen, um schließlich die beste Lösung für die verschiedenen Belange zu finden. Schließlich sollen auch in den nächsten Jahrhunderten Zeugnisse der Vergangenheit im Boden von der Geschichte Jevers erzählen können.
Es lohnt sich immer, Zeit und Engagement zu investieren, um dann das beste Ergebnis zu erzielen, findet
Antje Sander, im September 2026