72 Früher selbst gefertigt: Allerlei Bürsten

Die Bürstenbinderei oder auch Bürstenmacherei war lange Zeit ein traditioneller Beruf, der mit dem Aufkommen der Industrialisierung oft zwischen Handwerk und Industrie stand und sich keinem von Beiden zur Gänze zuordnen ließ.1
Bürstenbinder, auch Besenbinder oder Besemer genannt, stellten Bürsten, Besen und Pinsel her.

Nachempfundene Handwerkerstube im Schlossmuseum Jever; Jeversches Wochenblatt vom 1.10.1983.
Nachempfundene Handwerkerstube im Schlossmuseum Jever; Jeversches Wochenblatt vom 1.10.1983.

In Jever führte Hermann Klose, der aus einer Familie von Bürstenmachern stammte, bis in die 1980er Jahre hinein ein Geschäft in der Schlachtstraße. Ein Teil der Werkstatteinrichtung und Fabrikate kam später in das Schlossmuseum Jever, wo diese Dinge lange Zeit in einer nachempfundenen Handwerkerstube ausgestellt waren. Eine Schenkung von 2017, die diverse Materialien wie Tierhaare, verschiedenste Holzkörper und Bürstenrücken, Kupferdraht, eine Schneidemaschine und auch mehrere begonnene Bürsten umfasst, ergänzt den vorhandenen Museumsbestand und bietet einen schönen Anlass, dieses alte Handwerk vorzustellen. Die Mutter der Schenkerin stellte selbst noch Bürsten in Heimarbeit her.

Eine halbfertige Bürste mit schwarzen und weißen Borsten aus der Schenkung von 2017.
Eine halbfertige Bürste mit schwarzen und weißen Borsten aus der Schenkung von 2017.

Auf dieser Abbildung sieht man eine der angefangenen Bürsten. Die Borsten wurden mit Kupferdraht durch die Löcher im Holz gezogen und befestigt. Es wäre nach dem Befüllen aller Löcher des Bürstenkörpers mit Borsten noch ein Bürstenrücken hinzugefügt worden, um die Rückseite abzudecken.
Eine Bürste besteht aus Besatz (den Borsten) und dem Körper. Besatz und Körper können aus unterschiedlichsten Materialien bestehen. In diesem Fall ist der Bürstenkörper aus Holz und die Borsten bestehen aus schwarzen und weißen Tierhaaren, die hier so angeordnet wurden, dass die Initialen „D“ und „K“ abgebildet werden (vermutlich personalisiert für einen möglichen Käufer). Weiße Borsten bzw. weiß gefärbte Borsten galten lange Zeit als ganz besonders rein und ordentlich und waren sehr gefragt. Oft wurden Schweineborsten für die Borsten von Bürsten, Pinseln oder Besen genutzt. Diese waren aber relativ teuer und so wurden auch andere Tierhaare beigemischt, wie Rossschweif- oder Rindschwanzhaare. Auch künstliche Fasern konnten beigemischt werden. 1974 wurde die Polyesterborste dem Markt zugänglich gemacht. Sie ist eine gute Alternative zur Schweineborste, hat diese aber noch nicht ersetzt.
Für heutige Pinsel und Bürsten kommen die Rohstoffe meist aus dem Ausland, da dies günstiger ist.

Weiße Tierhaare für die Bürstenbinderei aus der Schenkung von 2017.
Weiße Tierhaare für die Bürstenbinderei aus der Schenkung von 2017.
Ein hölzerner Bürstenkörper, an dem die Borsten befestigt wurden, aus der Schenkung von 2017.
Ein hölzerner Bürstenkörper, an dem die Borsten befestigt wurden, aus der Schenkung von 2017.

Pinsel und (Haar-)Bürsten wurden bereits vor tausenden von Jahren für Höhlenmalereien genutzt und auch in Ausgrabungen in beispielsweise Ägypten gefunden. Damals wurden statt Holz für den Bürstenkörper oft noch Knochen verwendet. Die Schweineborstenpinsel tauchte in Europa erst mit Aufkommen der Ölfarbe im Mittelalter auf, wurden in Asien aber schon sehr viel früher gebraucht. Vorher gab es in Europa Pinsel aus anderen Tierhaaren und Pflanzenfasern.
Die Bürsten- und Besenbinderei war ein weit verbreiteter Beruf, der aber nicht groß anerkannt wurde, da er auf den ersten Blick recht wenig Fachkenntnisse und Können erfordert. Oft konnten Besen und Bürsten auch in Heimarbeit geschaffen werden. Zuerst wurde tatsächlich in bäuerlichen Gegenden meist nur für den eigenen Bedarf hergestellt. Als die Arbeitskräfte auf dem Land aber immer mehr mit dem eigentlichen Betrieb zu tun bekamen (Stichwort Wirtschaftswachstum), wurde diese Arbeit ausgelagert. Der bekannteste Ort für die Bürstenbinderei war im Mittelalter Nürnberg, obwohl der Beruf im ganzen damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verbreitet war. Die Bürstenbinder hatten zwar eine eigene Zunft, oft traten die Meister aber auch anderen Zünften bei, da es meist nicht viele Bürstenbindermeister in einer Stadt gab. Der Beruf selbst war also weit verbreitet, an Ortsdichte mangelte es aber. Die hergestellten Waren wurden dabei entweder im eigenen Laden verkauft oder durch herumziehende Hausierer vertrieben.

Bei Bürstenmachermeister Hermann Klose wurden Bürsten wie oben beschrieben so hergestellt, dass die (in diesem Fall) Pferdehaare durch die Löcher im Bürstenkörper gezogen und befestigt wurden und dann die Rückseite mit einem Bürstenrücken verdeckt wurde. Die Löcher waren dabei vorgebohrt und die Haare mussten im Vorfeld umfassend bearbeitet werden: Sie wurden gewaschen und gekocht, dabei desinfiziert, gerichtet und lang gezogen. Anschließend geschichtet und geschnitten. Im Mittelalter wurden die Borsten teilweise noch mit Pech verklebt und mit Lederschnüren umwickelt, die anschließend festgenagelt wurden.

Unter Anderem wurde das Bürstenhandwerk lange Zeit auch als pures „Blindenhandwerk“ verstanden. Dies liegt daran, dass der allgemeine Konsens war, dass Blinde besonders gut mit ihren Händen umgehen könnten und deshalb ein besonderes Talent für handwerkliche, kleinteilige Arbeiten hätten. Im 19. Jahrhundert wurden Zöglinge in Blindenschulen bereits für handwerkliche Berufe ausgebildet, wie auch das Bürstenbinden. Es kamen ganze Blindenwerkstätten auf, Blinde konnten aber auch teilweise in der arbeitsteiligen Industrieproduktion arbeiten.
1953 wurde das „Blindenwarenzeichen zum Schutz der Handarbeit von Blinden“ im Zuge des Blindenwarenvertriebsgesetzes geschaffen, da teilweise auch Ware von Nicht-Blinden in niedriger Qualität als „Blindenware“ angeboten wurde.

Mit Zunahme der Industrialisierung und der Entwicklung der Industrie hin zum maschinellen Bereich vor allem im letzten Jahrhundert schwand die Nachfrage nach handgearbeiteten Bürsten und die Konkurrenz nahm zu. Die blinden und nicht-blinden Bürstenmacher konnten sich nicht mehr behaupten und Arbeitsplätze schwanden oder mussten künstlich am Leben erhalten werden.
Aber auch heute gibt es noch Blindenwerkstätten, die handwerkliche Tätigkeiten (wie das Bürstenbinden) ausführen, da in der heutigen Zeit das Interesse an Handarbeit wieder steigt.

Ausschnitt aus einem Katalog der „Bürstenfabrik Donaueschingen Erich Locherer“; Schlossmuseum Jever. Ausschnitt aus einem Katalog der „Bürstenfabrik Donaueschingen Erich Locherer“; Schlossmuseum Jever.
Ein hölzerner Bürstenrücken mit dem Logo des Blindenverbandes Niedersachsen und dem „Blindenwarenzeichen“ aus der Schenkung von 2017. Ein Werkstück der Mutter der Schenkerin, die blind war und Bürsten in Heimarbeit herstellte.
Ein hölzerner Bürstenrücken mit dem Logo des Blindenverbandes Niedersachsen und dem „Blindenwarenzeichen“ aus der Schenkung von 2017. Ein Werkstück der Mutter der Schenkerin, die blind war und Bürsten in Heimarbeit herstellte.

Seit 1984 gibt es die anerkannte Berufsausbildung zum/zur „Bürsten- und Pinselmacher*in“. Die Berufsschule für alle Auszubildenden in Deutschland liegt Zentral in Bechhofen. Der Ausbildungsberuf ist eher seltener gefragt, da heutzutage auch nicht mehr viel handgefertigt wird. Eine Ausnahme wären spezielle teure Pinsel für besonderen Gebrauch (Maler etc., zum Beispiel von der Firma „Da Vinci“), für die teurere Rohstoffe auch oft aus dem Ausland (z.B. Asien) geliefert werden. Auch diese Werkstätten sind teilweise mit Maschinen ausgerüstet. Werkstätten, in denen alles komplett mit der Hand gefertigt wird, gibt es nur noch selten. Wie bei Hermann Klose, der selbst spezielle Bürsten für Straßenkehrmaschinen hergestellt hat, müssen auch hier Marktlücken gefunden und genutzt werden, um sich und sein Unternehmen über Wasser halten zu können.
Auch wegen der Veränderungen innerhalb dieses Berufes ist es umso wichtiger, dass Zeugnisse des Alltags, Handwerks und auch der Blindenarbeit in Museen wie dem Schlossmuseum erhalten bleiben.

Werbeanzeige der „Firma Hermann Klose“ aus den 1950er Jahren; Schlossmuseum Jever.
Werbeanzeige der „Firma Hermann Klose“ aus den 1950er Jahren; Schlossmuseum Jever.

1 Siehe: Bock, Ernst: Bürsten und Pinsel, Bechhofen an der Heide 1983.

Ines Jordan

Literaturverzeichnis:

Bock, Ernst (Hg.): Alte Berufe Niedersachsens, Hannover 1926 (2. Aufl. Neudruck Hildesheim 1985).
Industriemuseum Lohne: Lohner Blätter, 1988-1993.
Peters, Hans: Altes Handwerk – Bäuerliches Brauchtum. Aus dem Kreise Grafschaft Hoya, Brinkum 1962.
Pies, Eike: Zünftige und andere Alte Berufe. Mit 222 zeitgenössischen Illustrationen und Zunftwappen (Bibliothek für Familienforscher Band 1), Solingen 1997.
Seymour, John: Vergessene Künste. Bilder vom alten Handwerk, Ravensburg 1984 (engl. 1984).
Weigel, Christoph: Abbildung und Beschreibung der gemein-nützlichen Hauptstände, Regensburg 1698 (Faksimile-Neudruck Nördlingen 1987).

© Schlossmuseum Jever