Von der alten Vorburg haben sich im heutigen Schlosspark nur noch wenige Reste erhalten. Geheimnisumwoben sind die unterirdischen Gänge, die das Schloss zu Jever umgaben. Sie erfüllten verschiedene Aufgaben innerhalb der Schlossanlage, dienten unter anderem der Wasserregulierung und konnten im Verteidigungsfall als Ausfallgänge genutzt werden.
Als am Anfang des 19. Jahrhunderts die Schlossanlage grundlegend erneuert wurde, hatte sich die unsichere Zeit auch für die Menschen der Herrschaft Jever in eine friedliche Periode verändert. Die Sehnsucht nach einer beständigen, verlässlichen guten Herrschaft war in ganz Deutschland groß. Dies spiegelt besonders eindringlich die Kyffhäuser- oder Barbarossa-Legende wider, die bereits im späten Mittelalter belegt, aber Anfang des 19. Jahrhunderts auch politisch instrumentalisiert wurde. Ein bekanntes Zeugnis ist das 1817 von Friedrich Rückert verfasste Gedicht, nach dem der gute mittelalterliche Herrscher Friedrich Barbarossa gar nicht gestorben sei, sondern im Kyffhäuser ruht und einst wiederkehrt, wenn er in Deutschland gebraucht wird.
Die napoleonischen Kriege und die Zeit danach haben auch im Jeverland ihre Spuren hinterlassen. Hier verkörperte nun auch Fräulein Maria (1500-1575), die erfolgreiche Herrscherpersönlichkeit der Renaissancezeit, diese Sehnsucht nach Einheit und einer „guten Polizey“ besonders. Unter ihrer unabhängigen und eigenständigen Herrschaft wurden Rechtssätze kodifiziert und in der Erinnerung ist gerade mit dieser Phase Ruhe und Wohlstand verbunden. In der Zeit um 1800 waren bereits verschiedenen Sagen und Legenden über Maria populär. Der Schriftsteller, Jurist und Politiker Ludwig Strackerjan (1825-1881) hat diese in seiner Sammlung „Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg, 2 Bde. 1867“ dargestellt.
Er schildert die Legende folgendermaßen: „Von dem Schlosse zu Jever führen mehrere unterirdische Gänge nach Upjever, Marienhausen etc. In einem dieser Gänge, und zwar, wie die meisten sagen, in dem Gange nach Upjever, soll Fräulein Maria verschwunden sein. Ehe sie hineinging, befahl sie, dass man so lange jeden Abend mit den Glocken läuten solle, bis sie wiederkomme, und dies ist auch bis in die neueste Zeit geschehen … Man hat später oft in die unterirdischen Gänge einzudringen versucht, um zu sehen, wo Fräulein Maria geblieben sei, aber alle, die es gewagt haben, sind darin erstickt. Nur einer ist an eine Tür gekommen. Als er die öffnet, sieht er einen Tisch aus Eisen mit drei (einem) brennenden Lichtern, unter dem Tische lag ein großer schwarzer Hund, der ihn mit feurigen Augen anglotzte…“
Die Sage vom unterirdischen Gang erscheint jedoch älter als diese Erwähnungen im 19. Jahrhundert. Sie hat ihren Ursprung sicherlich in dem Umstand, dass der Tod Fräulein Marias wegen der damaligen politischen Umstände nicht zeitnah bekannt gegeben wurde. Es sollte nämlich dem designierten Nachfolger, Graf Johann VII. von Oldenburg, die Gelegenheit gegeben werden, nach Jever zu gelangen und die Herrschaft zu sichern, ohne dass zuvor die ostfriesische Seite hätte eingreifen können. Fräulein Maria wurde in dem Grabbau in der Stadtkirche, welches sie um 1560 hatte errichten lassen, begraben.
Blog-Beiträge des Schlossmuseums rund um das Edo Wiemken Grabmal und der Öffnung der Gruft:
Dieser Gang hatte jedoch seine Funktion seit der Mitte des 18. Jahrhunderts verloren, als der innere Schlossgraben bereits trockengefallen war. Viele ältere Jeveraner erinnern sich noch daran, als Kind diesen Gang mit klopfendem Herzen betreten zu haben.
Es spricht einiges dafür, dass dieser Gang im Zuge der Erweiterung der Burganlage seit dem späten 15. Jahrhundert errichtet wurde. Ein Terminus post quem ist die Anlage des äußeren Wassergrabens. Wir wissen, dass Fräulein Maria spätestens seit 1536 Schloss und Stadt mit Graben und Wall befestigen ließ. Damit gehört der Gang zu den ältesten Bauteilen, die die Schlossanlage aufweist.


