19 Ein Nachtstuhl aus einem jeverländischen Landarbeiterhaus

stuhl1Abb. 1: Nacht- bzw. Wärmestuhl aus einem jeverländischen Landarbeiterhaushalt. Wiarder Altendeich, Kr. Friesland; erstes Viertel 20. Jahrhundert. Das einfache Gebrauchsmöbel wurde zwar in der Form eines Nachtstuhls konstruiert, aber überwiegend als Wärmestuhl genutzt. Dazu wurde ein „Stövchen“ oder ein anderes Glutbehältnis in den Kasten unter der Sitzfläche geschoben. Ein perforiertes Brett deckte dann das Loch in der Sitzfläche ab. – Höhe des Stuhls 92 cm, Breite (vorne) 60 cm.

Es ist sicherlich etwas ungewöhnlich, einen Gegenstand zum „Objekt des Monats“ zu machen, der – wollte man ihn nach herkömmlichen museumsästhetischen Kriterien beurteilen – kaum als sammlungswürdig zu bezeichnen wäre. Freilich – ein Schmuckstück im kunsthandwerklichen Sinne ist der hier vorgestellte Nachtstuhl nicht. Er gehört eher zu den Objekten, die man mit spitzen Fingern anfassen würde, stünden sie bei einer Haushaltsauflösung zur Disposition. Entsprechend selten sind solche Gegenstände auch in die Museen gelangt. Das Alltägliche, der Notbehelf, hat im allgemeinen keinen Reiz. Und doch besitzt dieser gewöhnliche Toilettensitz, der in seiner Verwendung genauso wie ein zinnerner Nachttopf oder ein hölzerner Spuckkasten schon als historisch zu bezeichnen ist, eine wichtige Indikatorfunktion für kulturgeschichtliche Zusammenhänge, insbesondere für die Geschichte der Hygiene.

Das als Nacht- oder „Notstuhl“ konstruierte, aber wohl hauptsächlich als Wärmestuhl benutzte Sitzmöbel war bereits für den Sperrmüll bestimmt. Daß ihm das Schicksal der Mülldeponie erspart blieb, ist dem wachsenden Interesse an der Geschichte des Alltäglichen sowie in diesem speziellen Fall der Aufmerksamkeit eines einzelnen zu verdanken. Über diesen Weg kam der Stuhl im Sommer 1987 ins Museum.

Das Möbel stammt aus einem Landarbeiterhaushalt in Wiarder Altendeich, Kreis Friesland. Wie ein Spiegel beleuchtet der Gegenstand die einfachen, oftmals von Existenznot geprägten Lebensumstände der Besitzer während des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts. Bei der Anfertigung des Stückes mögen dem Landarbeiter seine Kenntnisse aus dem holzverarbeitenden Gewerbe zugute gekommen sein. Als Zimmermannsgehilfe verfügte er über entsprechendes Werkzeug, um den Stuhl aus seinem bescheidenen Holzvorrat zurechtzuzimmern. Eschen-, Pappel- und Kiefernholzreste wurden auf entsprechende Maße zurechtgesägt und mit Drahtstiften grob zusammengefügt. Mit Hilfe einer Schablone sägte der geschickte Arbeiter die formgleichen Armlehnen aus einem etwa 2 cm starken Kiefernbrett heraus. Einzig die Kanthölzer der Rückenlehne – ganz offenbar Stuhlbeine von einem ausrangierten Zargenstuhl – sind von einem Tischler gearbeitet worden.

Was bei den Bemühungen, einen funktionsgerechten Sonderstuhl für sich oder einen Familienangehörigen anzufertigen, herauskam, zeigt auffällige Übereinstimmungen mit Toilettenstühlen für Kinder aus dem 17. Jahrhundert. Auf den Genredarstellungen der niederländischen Meister findet man sie gelegentlich dargestellt. Adriaen van Ostade (1610 – 1685) hat 1668 eine bäuerlich-ländliche Familienszene festgehalten, bei der im Hintergrund des Bildes ein kleiner Nachtstuhl abgebildet ist (s. Abb. 2). Er ist wie der ausgestellte Stuhl aus einzelnen, unbehandelten Brettern zusammengesetzt und bildet so eine Art Kastensitz. Bis ins 20. Jahrhundert sind solche einfachen Toilettenstühle für Kinder hergestellt worden.

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Abb. 2: Ausschnitt aus dem Gemälde „Inneres eines Bauernhauses“ von Adriaen van Ostade (1610 – 1685). Rechts im Hintergrund ein Toilettenstuhl für Kinder.

Neben den Kinder-Nachtstühlen waren auch die sogenannten „Kanzel“- oder „Krippstühle“ in Gebrauch. Sie hatten frontseitig einen kanzelartigen Abschluß, der das Kleinkind vor Zugluft schützen sollte. Ein Behältnis unter der Sitzfläche nahm zugleich einen Wärmetopf („Stövchen“) auf, der dem Kind zumindest ein warmes Hinterteil bescherte. Angesichts der Kälte, die während des Winters von den Steinfußböden der Küchen ausging, war dies eine sinnvolle Pflegemaßnahme für Kleinkinder.

Es hat daneben auch wohl Stühlchen gegeben, die beides in einem waren, Nachtstuhl und Wärmestuhl zugleich. Offenbar hat sich der Landarbeiter aus Wiarder Altendeich bei der Anfertigung seines Spezialstuhls an solchen Vorbildern orientiert. Vielleicht hat er aber auch andere Anregungen erhalten: von Abbildungen aus Möbelprospekten zum Beispiel, die ihm während seiner Arbeit als Zimmermann oder aufgrund seiner Kontakte mit Tischlern sicher zugänglich gewesen sein dürften. Genutzt wurde das eigenwillige Möbel dann überwiegend als Wärmestuhl. Das belegen wenigstens die zahlreichen Brandspuren im Kasten unter der Sitzfläche.

Die Notwendigkeit für den Bau eines solchen Stuhls wirft freilich ein Schlaglicht auf die Wohn- und Hygieneverhältnisse in Landarbeiterhäusern während des ersten Viertels unseres Jahrhunderts. Nach heutigen Vorstellungen waren sie völlig unzureichend und vor allem gesundheitsschädlich. Feuchtkaltes Klima im Wohnbereich, aufsteigende Kälte vom Fußboden, schlechte Sanitärverhältnisse – der Abtritt lag meist außerhalb des Hauses -, solchen Bedingungen verdankt der hier präsentierte Nacht- bzw. Wärmestuhl seine Entstehung: Nicht mehr als ein Notbehelf in einfachsten Lebensumständen.

Auch dieser Aspekt von Kulturgeschichte gehört zu den Dokumentationsaufgaben eines volkskundlich-historischen Museums. Die Präsentation von historischen Zusammenhängen darf sich nicht allein auf die „Rosinen“ materieller Kultur beschränken, wenn es um die Darstellung von sozialgeschichtlicher Realität geht.
Uwe Meiners

Literatur:
Eckstein, Hans: Der Stuhl. Funktion – Konstruktion – Form. Von der Antike bis zur Gegenwart. München 1977
Elling, Wilhelm: Alte Möbel im Westmünsterland. Vreden 1980 (Beiträge des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkskunde, H. 15)
Historische Sitzgelegenheiten in Ostfriesland. Redaktion: Hedwig Hangen und Ursel Joost. Aurich 1984

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