43 Jeverländische Hausmarken. Realität und Mythos alter Besitzzeichen

odm1100Abb. l: Beispiel einer jeverländischen Hausmarke. Auf Sperrholz gemalt von A. Eden – Sillenstede, um 1938. 21,5 x 15 cm.

Das Objekt des Monats ist in zweifacher Hinsicht Ausstellungsstück. Einmal gibt es eine Hausmarke wieder, zum anderen repräsentiert es einen Aspekt der Heimatforschung in der NS-Zeit. Hausmarken sind Zeichen, die eingeritzt oder gekerbt wurden, um den Besitz zu kennzeichnen. Man findet die Hausmarken an der Balkenkonstruktion von Häusern, auf Grabsteinen, auf Hausrat und Möbeln. Kirchenstühle wurden mit Hausmarken gekennzeichnet. Teilweise wurden Hausmarken auch neben oder statt der Unterschrift in Testamenten, Verträgen und Schuldverschreibungen gebraucht. Sie sind vor allem aus der frühen Neuzeit bekannt und wurden bis ins 18. Jahrhundert verwendet. Mit dem erhöhten Alltagsgebrauch von Schrift verschwanden die Hausmarken oder wurden durch Monogramme ersetzt.

Im Schloßmuseum Jever befindet sich eine größere Hausmarkensammlung, die seit 1939 im oberen Treppenhaus ausgestellt war. Ihre Entstehung verweist auf die Heimatforschung zur Zeit des Nationalsozialismus.

Die Hausmarkenforschung begann im 19. Jahrhundert und war überwiegend rechtsgeschichtlich ausgerichtet. Daneben gab es bereits frühzeitig Sammlungen, in denen Hausmarken und Wappen nebeneinander standen. Eine solche Sammlung ist die des Jeverschen Arztes Dr. Heinrich Minssen aus der Zeit vor und unmittelbar nach dem l. Weltkrieg. Sie ist heute im Archiv des Museums vorhanden. In der NS-Zeit setzte eine grundlegende Veränderung der Hausmarkenforschung ein, die aber durch eine völkisch ausgerichtete „Sippenforschung“ vorbereitet worden war. Die Zahl der Bücher und Artikel über Hausmarken schwoll an, gleichzeitig wurde das Sammeln von Hausmarken in den Dienst einer nationalsozialistischen Blut- und Boden-Ideologie gestellt. Das läßt sich anhand der Hausmarkensammlung des Jeverschen Museums exemplarisch darstellen: Auf der Mitgliederversammlung des damals der NS-Kulturgemeinde angeschlossenen Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins vom 7. Januar 1936 im „Haus der Getreuen“ hielt der bekannte Jeverländische Heimatforscher Georg Janßen erstmalig einen Vortrag über „Jeverländische Hausmarken und Bauernwappen“. Das „Jeversche Wochenblatt“ referierte die dort von ihm vorgetragenen Thesen:

„Die Entstehung der Hausmarke ist in tiefer Vorzeit zu suchen, und sie haftete ursprünglich am Hofe. Später bildete sie sich als Familienzeichen aus, und so kann sie bei Forschungen mit Erfolg zur Begründung der Familienzugehörigkeit mit herangezogen werden. Sehr beachtenswert ist, wie der Vortragende betonte, daß wir auf den jeverländischen Hausmarken vielfach die Hakenkreuzform vorfinden, die auch in einigen Nachbargebieten nachweislich vertreten ist. Der Vortragende nannte dann eine ganze Reihe jeverländischer Geschlechter, die das Hakenkreuz als Hausmarke führten. Recht häufig blickt aus den jeverländischen und den Hausmarken benachbarter Gebiete auch als Grundzeichen die Form der auf Wodan weisenden Pferdeköpfe hervor. Die Pferde waren bekanntlich den Altvorderen heilig. Dieses genannte Grundzeichen befindet sich auch an den bekannten Externsteinen und wird dort als ,Grablegungsrune‘ bezeichnet. Andere Familien führten als Hausmarken das Fünfwinkelzeichen, auch Drudenfuß genannt. Noch weitere Formengruppen, die an Altgermanisches erinnern, wies der Redner in seinen Ausführungen nach.“

Janßens Forschungsinteresse hatte unmittelbare Auswirkungen auf das Schloß- und Heimatmuseum, nachdem er durch Beschluß des Vorstandes des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins seit März 1937 ehrenamtlicher Museumsleiter geworden war. Ebenfalls 1937 setzte eine stärkere nationalsozialistische Ausrichtung der Heimatmuseen auf Grund einer Verfügung des Reichserziehungsministeriums ein.

Am 7. September 1938 berichtete der „Wilhelmshavener Kurier“ über Erweiterungsarbeiten im Museum, das unter der Leitung Georg Janßens, der als „Sippenforscher“ bezeichnet wurde, die Vorarbeiten für die Einrichtung einer neuen Abteilung aufgenommen worden seien. Thema eines neuen Ausstellungsraumes sollte die „Sippenforschung“ werden.

Zur zweiten Arbeitstagung über die Aufgaben der Heimatmuseen, die auf Einladung des Oldenburgischen Ministeriums für Kirchen und Schulen am 18. März 1939 in Jever stattfand, wurde der neue familienkundliche Raum vorgeführt. An der Gestaltung hatte der Kunstmaler Arthur Eden mitgewirkt, der die Hausmarken auf Holztafeln malte. Im familienkundlichen Raum waren über 800 Hausmarken aus dem Jeverland ausgestellt, wobei aber Hausmarken, aus Wappen herausgelöste Figuren und Gewerbezeichen unkritisch vermischt wurden. Daneben gab es zwei ausführliche Betrachtungen zu sehen, die über Janßens Vorstellungen von der Gesetzmäßigkeit Aufschluß gaben, nach der sich diese Hausmarken von Generation zu Generation entwickelten. Das „Jeversche Wochenblatt“ vom 20. März 1939 führte zu dem Einführungsvortrag Georg Janßens im Ausstellungsraum aus:

„Nach einem Hinweis auf die Tatsache, daß sich auf den Wappcnschilden alter Grabsteine sehr häufig Hausmarken finden, stellte der Vortragende fest, daß die Hausmarken nach dem Aufkommen der Wappen als die ersten Schildfiguren anzusehen seien. Später seien sie allerdings vielfach durch andere Symbole ersetzt worden. Ein Beispiel für das Alter der Hausmarken hierzulande seien die aus der dritten Warfenperiode (750 bis 1000 n. Chr. Geb.) stammenden Zeichen. Durch die neue Abteilung sei eine lebendige Überbrückung zwischen der geschichtlichen und der vorgeschichtlichen Zeit geschaffen worden, die bisher von vielen Besuchern vermißt wurde. Alles hier Dargestellte sei durchaus bodenverbunden, also deutsches Ahnenerbe im besten Sinne des Wortes.“

Janßen lieferte mit der Ausstellung und seinen Interpretationen alle Stichworte zur politischen Auswertung durch die NSDAP. Fr. Lange schrieb im „Jeverschen Wochenblatt“ vom 18. März 1939 anerkennend:

„Heute, wo unser Führer Volk und Heimat, Blut und Scholle als unser höchstes Gut erkennen lehrte, bekommen wir auch wieder ein ganz neues Verhältnis zum Heimatmuseum, und zwar desto mehr, je lebendiger dieses im Sinne einer völkischen Lebens- und Leistungsschau gestaltet ist und sich dadurch Erlebniskraft zu geben vermag.“

Der Wilhelmshavener Stadtrat Daniel Heinrich Picker nahm in derselben Ausgabe noch deutlicheren Bezug auf die Hausmarkensammlung im Sinne eines Ahnenkults:

„Wir heute dem Heimatlande Dienenden verdanken unser Leben, unsere Gesundheit und freudige Arbeitskraft den willensstark mit und für ihre Scholle Kämpfenden, die vor Jahrhunderten ihre Geschlechterfolgen in die Heimatgeschichte einzeichneten, und heute durch ihre Hauszeichen – gesammelt an würdiger Stelle im Jeverschen Schloß -als unsere Urahnen mit uns und unseren Nachkommen weiterleben.“

Nach der Neuordnung des Museums im Jahr 1954 wurde der familienkundliche Raum aufgelöst und die Hausmarkensammlung weitgehend unverändert im oberen Treppenflur untergebracht. Sie ist jetzt im Museum magaziniert.

odm11002Abb. 2: Beispiel einer jeverländischen Hausmarke. Auf Sperrholz gemalt von A. Eden – Sillenstede, um 1938. 21,5 x 15 cm.

Janßen hatte sich im wesentlichen auf bereits vorhandene umfangreiche Sammlungen gestützt, die er durch eigene genealogische Forschungen ergänzte. Die Präsentation der Sammlung war aber schon bestimmt von den politischen Erfordernissen der NS-Zeit. So wurden Hausmarken zu Hakenkreuzen uminterpretiert und ihnen eine Verbreitung zugemessen, die aus dem vorhandenen Quellenmaterial nicht zu erkennen ist. Fast sämtliche theoretischen Vorstellungen über die Entstehung der Hausmarken stammen aus spekulativen, jedoch in eindeutiger Absicht entstandenen Werken germanentümelnder Autoren, die teilweise im Rahmen der SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ arbeiteten. Sie widersprachen schon dem damaligen Forschungsstand.

Zur angeblichen Entstehung der Hausmarken aus den Runen schrieb unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg der Volkskundler Otto Lauffer in einem Forschungsbericht:

„Die Hausmarke ist oft mit den Runen in Verbindung gebracht und man hat sie neuerdings auch symbolisch gedeutet (. . .). Wir lehnen das ab. Die Hausmarke ist kein Symbol. Mit den Runen hat sie nur eine schnitztechnische Verwandtschaft. Gedanklich hat sie mit ihnen nichts zu tun.“ (Will-Erich Peuckert/Otto Lauffer, Volkskunde, Bern 1951, S. 286)

Die Erforschung der Hausmarken ist durch die nationalsozialistische „Hausmarkenforschung“ letztendlich behindert worden. Sie kann zwar heute auf eine solche Sammlung wie die des Jeverschen Museums zurückgreifen, aber in den Sammungen fehlen vielfach selbst Hinweise, wo die Hausmarken gefunden worden sind. Den Fragen, warum, wann und aus welchem Anlaß Hausmarken benutzt wurden, ist die NS-Hausmarkenforschung nicht gründlich nachgegangen. Ihr vorrangiges Interesse war, sie mit Runen in Zusammenhang zu bringen und damit eine Verbindungslinie zwischen den Germanen und der frühneuzeitlichen Bevölkerung zu konstruieren, um „sippenkundlich“ und „symbolgeschichtlich“ rassistische Theorien abzusichern. Zu diesem Zweck wurden angebliche Forschungsergebnisse publiziert, die nichts weiter als Annahmen waren. So ist zum Beispiel die systematische Vererbung der Hausmarken nie umfassend untersucht worden, es reichten einzelne Beispiele, die nicht auf ihre Allgemeingültigkeit überprüft wurden. Wir stehen damit heute vor der Situation, daß trotz einer großen Hausmarkensammlung die jeverländischen Hausmarken in ihrem kultur- und sozialgeschichtlichen Zusammenhang praktisch unerforscht sind.
Joachim Tautz

© Schloßmuseum Jever