45 Visitkarten-Portrait eines jeverschen Fotografen

odm0101_1Anzeige, Jeversches Wochenblatt, vom 1. 12. 1860

Beim Durchblättern von alten Alben lassen uns manche dieser kleinen braungetönten Bildchen innehalten. Es ist schwer zu sagen, was an ihnen unser Interesse weckt, denn zumeist ist uns die abgebildete Person nicht einmal bekannt. Sicherlich ist die Ahnung der geschichtlichen Entfernung beteiligt und die Gewißheit um die Authentizität des Dargestellten, die dem fotografischen Abbild eigen zu sein scheint. Was unsere Aufmerksamkeit aber auch auf sich zieht, das ist die oftmals künstliche Atmosphäre, die viele dieser Bilder beherrscht.

Den zahlreichen Schriften zur Geschichte der Fotografie entnehmen wir, daß gerade diese kleinformatigen Portraits es waren, mit denen die Kommerzialisierung des jungen Mediums begann. Und in der Tat – als der französische Fotograf Andre Disderi im Jahre 1854 die sogenannten ‚carte-de-visite‘-Portraits als seine Erfindung patentieren ließ, hatte er ganz gewiß den geschäftlichen Erfolg im Auge. Mit seiner neu konstruierten Kamera, die mit vier Linsen und einer beweglichen Negativhalterung ausgestattet war, ließen sich gleich acht Bilder auf eine Glasplatte aufnehmen und die Herstellungskosten für den einzelnen Abzug wesentlich senken.

Während das gemalte und gezeichnete Portrait, das sich in vielerlei Spielarten vor allem seit dem 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute, zumeist den begüterten Schichten vorbehalten war und auch die ersten fotografischen Bildnisse, die Daguerreotyp-Portraits, immer noch eine kostspielige Angelegenheit waren, konnte sich mit dem Aufkommen der auf einen kleinen Karton aufgezogenen Papierbildchen ein weitaus größeres Publikum den Wunsch nach dem eigenen Abbild erfüllen.

odm0101_2Anzeige, Jeversches Wochenblatt, vom 9. 12. 1862

Für viele Fotografen wurde das Anfertigen dieser Visitkartenbilder zu einer einträglichen Tätigkeit. Auch der aus Stade kommende Schirmmacher Heinrich Meyer, der in den 50er Jahren als Wanderfotograf das Ostfriesische und Oldenburgische bereiste, bevor er 1859 das erste Atelier in Jever eröffnete, scheint sich früh dieser Art von Portraitfotografie zugewandt zu haben. Zahlreiche seiner Bilder, die ihn als technisch durchaus versiert auswiesen, sind erhalten geblieben.

odm0101_3Visitkarten-Portrait, Fotograf Heinrich Meyer, Jever, 70er Jahre des 19. Jahrhunderts (vergrößert)

odm0101_4Rückseite des Visitkarten-Portraits
(vergrößert)

Wie das abgebildete Visitkarten-Portrait aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigt, orientierte sich der jeversche Fotograf ganz an der herrschenden Bildnisgestaltung. Alles ist überdeutlich auf Bedeutsamkeit hin ausgerichtet: die wuchtige, formenüberladene Anrichte, der auffällig gemusterte Teppich oder auch der antikisierende Pfeiler, der eine Landschaft begrenzt. Es waren vor allem die Geschmacksmuster der ökonomisch aufsteigenden Schichten, die das Bild der meisten Ateliers bestimmten. Denn so wie sich in den Salons des Großbürgertums all die Gegenstände häuften, die den glanzvollen Lebensstil ihres Besitzers bezeugen sollten, so waren auch die Ateliers der Fotografen mit solchen Requisiten ausgestattet, die dem Kunden eine ähnlich luxuriöse Kulisse boten.

Inmitten einer solchen Staffage hat sich das gut gekleidete Mädchen aufgestellt, dessen selbstverlorener, fast unbeteiligter Gesichtsausdruck sich auf sonderbare Weise mit einer Haltung verbindet, die die Bereitschaft zur Übernahme der ihm zugedachten „Rolle“ bekundet. So steht es mit durchgedrücktem Kreuz aufrecht und würdevoll – vielleicht ganz in der Art, die es zuvor in der Auslage schon fertiger Visitkarten-Portraits bewundern konnte. Ein wenig hat der Fotograf wohl nachgeholfen, denn hinter den Füßen des Mädchens ist noch die Bodenplatte einer Postiervorrichtung zu sehen, die es während der langen Belichtungszeit ruhig stellen sollte.

Bestimmt waren diese Visitkarten-Bilder für die schweren, oftmals mit Ledereinband und Goldschnittkanten versehenen Alben, die auf ihre Weise mit der prunkvollen Kulisse der Bildchen zu konkurrieren scheinen.
Peter Schmerenbeck

Literatur:
Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. 10. Aufl., Frankfurt/M. 1977, S. 45 ff.
Braire, Michel: Das Zeitalter der Photographie. München 1965.
Hoffmann, Detlef; Thiele, Jens (Hrsg.): Lichtbilder – Lichtspiele. Katalog zur Ausstellung. Marburg 1989.
Peters, Ursula: Stilgeschichte der Fotografie in Deutschland 1839-1900. Köln 1979.

© Schloßmuseum Jever