60 Zwei Puppen aus dem Magazin

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Die Puppensammlung des Schlossmuseums Jever ist recht umfangreich und bietet einen schönen Überblick über die Geschichte und Entwicklung dieser beliebten Spielgeräte und Sammlerstücke. Oftmals handelt es sich bei den Puppen um Schenkungen, die dem Schlossmuseum von Privatpersonen überlassen wurden. Einige Puppen stammen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sind von der Großmutter über mehrere Generationen in der Familie vererbt worden, andere entstanden im 20. Jahrhundert und spiegeln die Modeerscheinungen dieser Zeit wider. Während ein Großteil der Puppensammlung in den einzelnen Abteilungen der Ausstellung zu sehen ist, warten die jüngsten Neuerwerbungen noch auf ‚ihren‘ Platz im Schlossmuseum. Zwei von ihnen befinden sich zurzeit im Magazin, sollen aber an dieser Stelle bereits dem Publikum vorgestellt werden.

Die beiden Puppen aus Kunststoff können bereits auf eine lange Tradition der Puppenherstellung zurückblicken. Sowohl ihre Formgebung als auch das Material, aus dem sie gefertigt sind, datieren sie in das frühe 20. Jahrhundert. Puppen als Spielgerät für Kinder sind seit der Antike bekannt. In den Anfängen wurden sie aus Ton oder Weichholz gefertigt und besaßen nur abstrahierte Formen. Im Mittelalter erhielten Puppen figürlichere Gestalt und wurden oft bei religiösen Handlungen eingesetzt. Um 1600 entstanden die ersten Gliederpuppen, die als Modelle bei Malern sehr beliebt waren. Die so genannten Queen-Ann-Dolls, die um 1700 in England in Mode kamen, besaßen gemalte Gesichter und einige von ihnen hatten bereits Augen aus Glas. Neben Holz war insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert Wachs ein geschätzter Werkstoff. Wachsfigurenkabinette mit lebensecht gestalteten Gesichtern entstanden und lösten eine Entwicklung in der Puppenfertigung aus. Fortan wurden bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein auch Puppenköpfe aus Wachs modelliert. Porzellan als Material für Puppenköpfe ist erstmals für die Zeit um 1840 belegt. Man unterscheidet hierbei zwischen glasiertem Porzellan, Parianporzellan und Biskuitporzellan. Wann genau die ersten Puppen mit Köpfen und Gliedmaßen aus Porzellan gefertigt wurden, ist heute nicht mehr festzustellen. Die Körper bestanden weiterhin aus Stoff oder Leder. Erst 1860 entstand die erste Puppe, die ganz aus Porzellan hergestellt war. Die Gesichtszüge waren modelliert, die Augen, Augenbrauen und der Mund aufgemalt. Puppenköpfe aus Parianporzellan sind doppelt gebrannt und besitzen einen cremefarbenen Ton. Fast alle Biskuitkopfpuppen tragen auf dem Hinterkopf oder am unteren Rand der Büste eine Herstellermarke. Die Nummern sind meist Patente oder eingetragene Schutzzeichen, während Buchstaben die Initialen der Hersteller angeben.

Im späten 19. Jahrhundert spezialisierten sich Fabriken auf die Herstellung von Puppen aus Celluloid. Wegbereiter war dabei die Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik, die 1873 in Mannheim gegründet wurde. Ihr Markenzeichen war die Schildkröte, das bis heute jede Schildkrötpuppe auszeichnet. Doch auch andere Produzenten stellten Celluloidpuppen her, zahlreiche Puppenfabriken wurden gegründet und fertigten die um die Jahrhundertwende so beliebten Puppen aus dem leichten doch stabilen und abwaschbaren Material. Die beiden neuen Neuzugänge der Sammlung stammen aus einer Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich Kunststoff als Werkstoff für Puppen bereits gegenüber Leder, Wachs und Porzellan durchgesetzt hatte und sich einige weithin bekannte Puppenfabrikanten einen Namen gemacht hatten.

Puppe ‚Rotkäppchen‘ (Kämmer & Reinhardt No 926, Inv.-nr. 11882)

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Die Puppe ‚Rotkäppchen‘ wurde von der thüringischen Firma Kämmer & Reinhardt unter der Seriennummer 926 produziert. Kopf, Körper, Arme und Beine bestehen aus Kunststoff. Die Puppe trägt ein weißes Oberteil mit halblangen Ärmeln, kurze weiße Unterhosen und einen bis zu den Knien reichenden roten Rock. Dieser ist mit zwei aufgenähten, umlaufenden schwarzen Samtbordüren verziert. Über dem roten Rock trägt die Puppe eine weiße Schürze mit Spitze. Die Füße stecken in naturfarbenen Stricksöckchen und schwarzen Schuhen aus Kunststoff. Das dunkelblonde Haar ist in der Mitte gescheitelt und seitlich zu zwei Zöpfen geflochten, die mit roten Wollfäden zuammengehalten werden. Ursprünglich besaß die Puppe noch das namengebende rote Käppchen, das heute leider verloren ist.

Die Puppenfabrik der Firma Kämmer & Reinhardt wurde 1885 im thüringischen Woltershausen gegründet und war eines der innovativsten Unternehmen. Sie nahm in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur an der Einführung der Charakterpuppe teil, sondern spielte auch eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung einer neuartigen Augenmechanik und anderer naturgetreuer Details, wie z.B. Zähnen. Darüber hinaus nahm K&R eine Anpassung der Puppenkleider an die wechselnde Kleidermode vor und ließ Babypuppen realistischer erscheinen. Hierzu veränderten sie den Körperbau der Puppen in ihren Proportionen. Um 1909 wurde dann das Baby mit biegsamen Gliedern eingeführt. Als 1920 kurze Kinderkleider in Mode kamen, die bei den Puppen die wenig schmeichelhaften Knie enthüllt hätten, führte K&R Puppen mit verlängerten Unterschenkeln ein, während das Gelenk oberhalb des Knies eingefügt wurde.
Vor der Zusammenarbeit mit der thüringischen Porzellanfabrik Simon & Halbig im Jahre 1920 können für K&R nur wenige Marken zweifelsfrei identifiziert werden. Hierzu zählen u.a. K&R 192 sowie K&R, die bereits 1896 eingetragen wurde. Edward Steiners Marke MAJESTIC ließen K&R 1902 eintragen, ferner existieren Puppenköpfe mit der Marke Armand Marseilles.

Nachdem das Privatunternehmen Kämmer & Reinhardt im Jahre 1958 verstaatlicht worden war, kam der Fließbandproduktion eine wachsende Bedeutung zu. Fortan wurde PVC als Werkstoff für die Puppen verwendet. 1994 erfolgte die Privatisierung des Unternehmens, die mit einer neuen Ausrichtung der Produktion verbunden war. In den folgenden Jahren wurden überwiegend Repliken der alten Puppenmodelle gefertigt. Zudem spezialisierte sich der Betrieb auf Künstlerpuppen.

Brustblattpuppe ‚Lila‘ (Bruno Schmidt No 11, Inv.-nr. 11883)

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Die Brustblattpuppe ‚Lila‘ ist ein Produkt aus der Produktion Bruno Schmidts. Unter Puppenliebhabern ist die aus Kunststoff gefertigte Puppe auch unter der Firmennummer 11 bekannt. ‚Lila‘ trägt einen weißen langärmligen Pullover, naturfarbene Strickunterhosen und einen weißen Unterrock. Ihr weißes langes Trägerkleid ist unterhalb des Ansatzes der schmalen Träger mit Stickerei verziert. Die Dekoration besteht aus weißen Blüten und grünen Blättern. Der lange weite Rock des Kleides besitzt einen Saum aus Spitze. Das blonde Kunsthaar der Puppe ist kurz und gelockt. Die rechte Hand ist beschädigt, einige Finger sind abgebrochen.

Bruno Schmidt gründete seine Puppenfabrik um 1900 in Woltershausen in Thüringen, wo auch die Firma Kämmer & Reinhardt ihre Produktion von Puppen etabliert hatte. Er spezialisierte sich in den Folgejahren nach Gründung des Unternehmens auf die Fertigung von Celluloidpuppen. Die Entwicklung der Celluloidpuppe geht auf die Gebrüder Hyat (USA) zurück, die 1869 erstmals eine solche Puppe herstellten. In Deutschland gelang es der Rheinischen Gummi- und Celluloidwarenfabrik in Mannheim (Schildkröt) erst 1894 nach langjährigen Experimenten eine Celluloidpuppe zu fertigen. Der Vorteil der Puppen lag darin, dass das Material sehr leicht und dünnwandig, dabei aber recht stabil ist. Dennoch ist die Gefahr, die von Spielzeug aus Celluloid ausgeht nicht zu unterschätzen: Celluloid ist leicht entflammbar. Vinyl entspricht den Sicherheitsbestimmungen für modernes Spielzeug, und so werden heute Puppen und viele andere Spielgeräte aus diesem Kunststoff hergestellt.

Die beiden ausdrucksstarken und lebendigen Puppen sind nur zwei der zahlreichen Spielgeräte der Sammlung des Schlossmuseums Jever. Ein Rundgang durch die Ausstellungsräume vermittelt einen Eindruck von ihrer Vielfältigkeit und der Liebe und Sorgfalt, mit der sie gefertigt wurden.
Christin Rudolph

Literatur:

J. Cieslik — Marianne Cieslik, Ciesliks Puppen-Bestimmungsbuch, Jülich 2005.
Marianne Cieslik — Jürgen Cieslik, Das große Schildkrötbuch. Celluloidpuppen von 1896 bis 1956, 2., überarbeitete Auflage, Duisburg 2005.
Antje Ernst — Mathias Ernst, Puppen. Kultobjekt, Kinderspielzeug, Sammlerstück. Unter Mitwirkung von Hannelore Ernst, München 1999.
Sabine Reinelt, Puppen und Spielzeug aus Zelluloid. Handbuch der deutschen Fertigung, Jülich 1986.

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