Pressemitteilung: Unerwartetes Ende der Brutsaison 2026 von Saatkrähe „Mathilde“

Presseinformation des Schlossmuseums Jever

Unerwartetes Ende der Brutsaison 2026 von Saatkrähe „Mathilde“

Livestream vermittelt ökologisches Verständnis

Im achten Jahr in Folge lud die Arbeitsgruppe „Live-dabei“ dazu ein, das Brutgeschehen im Nest eines Saatkrähenpaares über eine Kamera zu verfolgen, die in 22 m Höhe über einem der Nester in einer Esche des Jeverschen Schlossparks angebracht wurde.

In diesem Jahr berichtet sie von mehreren unerwarteten Ereignissen – jede Brutsaison birgt ihre Überraschungen:

Diese waren zunächst technischer Natur:

  • Es stellte sich heraus, dass das zur Kamera führende Kabel nach 7 Jahren kurzfristig erneuert werden musste. Dazu musste der Livestream zweimal unterbrochen werden.

Aber auch in den Wipfeln erwarteten die Beobachter Überraschungen:

  • Das Saatkrähenpaar, über dessen Nest die Kamera zunächst montiert wurde, gab seinen Nistplatz unerwartet auf, so dass die Kamera über ein anderes Nest gesetzt werden musste.
  • Das Weibchen dieses Pärchens, „Mathilde“ genannt (-dieser Name wird dem brütenden Weibchen seit der ersten gefilmten Brutsaison gegeben-) legte 6 Eier und bebrütete sie. Als der Stream nach den Reparaturarbeiten am Kabel wieder live geschaltet wurde, waren diese jedoch verschwunden. Die Ursache des Verschwindens konnte nicht nachvollzogen werden.
  • Das Saatkrähenpaar ließ sich davon jedoch nicht beirren, besserte das Nest aus und „Mathilde“ legte in einer Nachbrut weitere 5 Eier. Es schlüpften vier Küken und streckten ihre Schnäbel hungrig den Eltern entgegen.
  • Eines der Küken verschwand aus dem Nest, Ursache unbekannt.
  • Eines der Küken fiel bei der Fütterung am Pfingstsamstag aus dem Nest.
  • In der darauffolgenden Nacht ließ sich beobachten, wie ein Steinmarder im Nest erscheint, beide Küken tötet und ein Küken davonträgt.

Somit fällt die diesjährige Brutsaison für „Mathilde“ und ihren Partner ernüchternd aus: Aus den insgesamt 11 gelegten Eiern schlüpften 4 Küken von denen keines flügge wurde. (Wesentlich glücklicher verlief die Brut der beobachteten Paare beispielsweise in den Jahren 2021,2022,2023, in denen 8/6/5 Eier gelegt wurden und jeweils 3 Küken flügge wurden. Bei den Jungvögeln ist von einer Sterblichkeitsrate von 50% auszugehen).

So verstörend dieses Ergebnis auf manchen wirken mag, so spiegelt es doch natürliche Abläufe wider. Auch im Schlosspark leben Beutegreifer wie der Steinmarder, der auf seiner nächtlichen Jagd auch Vogelnester aufsucht und so eine Rolle bei der Bestandsregulierung der Saatkrähenkolonie spielt.

Das mediale Interesse an diesem Projekt war in diesem Jahr sehr groß: So berichteten die lokalen Tageszeitungen und Rundfunksender, der NDR und RTL von diesem Projekt und es erfolgten bundesweite Nachfragen, beispielsweise aus Hamburg und München. Der Stream wurde rund 40.000-mal angeklickt. „Wir freuen uns über diese Resonanz“, so die Arbeitsgruppe. „Es zeigt sich im Rückblick auf die letzten Jahre, dass mit dem Blick in das Nest Verständnis für die Lebensweise der Saatkrähen entsteht und im Schlosspark Jever ein friedliches Miteinander mit den in der Brutzeit sehr kommunikationsfreudigen gefiederten „Nachbarn“ möglich ist.

Nach den Ereignissen in der Pfingstnacht wurde der Livestream vom Saatkrähennest abgeschaltet. Das Projekt soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Die Dateien der bisherigen Livestreams wurden gespeichert und stehen für Auswertungen, beispielsweise im Rahmen von Masterarbeiten oder anderweitiger wissenschaftlicher Auswertungen zur Verfügung.

Hintergrund:
Saatkrähen brüten gesellig in Kolonien in Feldgehölzen und Baumgruppen. Das unterscheidet sie neben anderen Kriterien von den mit ihr verwandten Rabenkrähen. Optisch lässt sich die Art von der Rabenkrähe durch den markanten Schnabel mit der weißlichen Schnabelbasis unterscheiden, mit dem sie auf den umliegenden Feldern und Wiesen im Boden nach ihrer Hauptnahrung, Engerlingen, Tipula- (Schnaken-) Larven und Regenwürmen stochert.

Bis 1970 führten Bejagung, Rodungen von Feldgehölzen und die Intensivierung der Landwirtschaft zu einer starken Bestandsdezimierung der Saatkrähe. Daraufhin wurde sie unter Schutz gestellt und zählt in Niedersachsen seitdem nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und der EU-Vogelschutzrichtlinie zu den besonders geschützten Vogelarten. Das führte längerfristig zu einer deutlichen Bestandserhöhung.

Diese Entwicklung zeigte sich auch in Jever. Nachdem es in der Stadt über mehrere Jahrzehnte keine Saatkrähenkolonie gegeben hatte, erfolgte 1992 eine Neugründung in einem Gehölz am nordöstlichen Stadtrand. Von hier ausgehend wurden in den Folgejahren weitere Standorte besiedelt, so der Schlosspark (ab 1994) und die Wallanlagen (ab 1995). 2025 und 2026 wurde der bisherige Höchstwert von etwas über 1000 Brutpaaren erreicht. Im Schlosspark brütete davon 2026 gut ein Fünftel.

Pressemitteilung: Unerwartetes Ende der Brutsaison 2026 von Saatkrähe „Mathilde“ (PDF / 80 KB)

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